Lade Inhalte...

Kommentar Traditionell traditionslos

In den USA ticken die Uhren im Profisport schon immer etwas anders. Wer hier Sportfan ist, kann über Nacht schon mal sein blaues Wunder erleben.

Fans Celebrate NFL Relocation Of Raiders To Las Vegas
Die Fans sind schon da: Die Raiders erobern Las Vegas. Foto: AFP

Seit sogenannte Dortmunder Fußballfans mit Fäusten und Drohungen den Günstlingen eines österreichischen Brauseherstellers gewaltsam eingehämmert haben, dass ihre Borussia sich ausschließlich aus dem Erlös eines Vereinssommerfestes und dem alljährlichen Weihnachtsmarkt auf dem schwarz-gelb eingefärbten Borsigplatz finanziert, wissen die selbst ernannten Traditionalisten erst so richtig, wie es bei fast allen Fußball-Bundesligisten hierzulande läuft. Die Spielerfrauen stricken Pullover oder backen Plätzchen, und der Erlös fließt in die Mannschaftskasse. Nur zwei böse ältere Herren haben sich zu ihrem eigenen Vergnügen einen eigenen Erstligisten mit viel Geld zurechtgestrickt. Dafür bekommen Dietrich Mateschitz und Dietmar Hopp fast jedes Wochenende eins auf die Mütze.

In den USA gingen die Uhren im Profisport schon immer etwas anders. Wer hier Sportfan ist, kann über Nacht schon mal sein blaues Wunder erleben. Am Abend noch mit einem „Bud“ gefeiert, ist der geliebte Verein vielleicht schon bei Sonnenaufgang über den ganzen Kontinent hinweg in eine andere Stadt gezogen. Dem Klubbesitzer hat vielleicht das Klima am alten Standort nicht gefallen, die Kommunalpolitiker waren böse zu dem Patriarchen oder in der neuen Klubheimat ist einfach mehr Profit zu erwarten. Zur Tradition in allen Profiligen gehört hin und wieder ein spektakulärer Umzug.

Mächtig viel Bewegung ist derzeit in der NFL, der nationalen amerikanischen Football-Liga, die mit Fußball so viel zu tun hat wie Schach mit Halma. Innerhalb von 14 Monaten haben sich drei Klubs aus ihrer traditionellen Heimat verdünnisiert. Die San Diego Chargers und die St. Louis Rams sind nach Los Angeles migriert, und nun suchen die Oakland Raiders in Las Vegas ihr Glück.

Natürlich weinen auch hier die treuesten Fans ihrem Verein ein paar Tränen nach und schimpfen auf den herzlosen Klubbesitzer. Zur Tradition der „Räuber“ gehört aber auch, dass die Raiders bis 1995 in der Stadt der Engel zu Hause waren. Nun mausert sich die Spielerstadt Las Vegas zur Sportstadt. Wer vom Pokern und den ewigen Elvis-Shows die Nase voll hat, geht zum Eishockey (Golden Knights) oder bald zum American Football. Über 40 Millionen Touristen lassen jedes Jahr gut 40 Milliarden Dollar in der Wüste Nevadas. Da sind bestimmt ein paar Eintrittsgroschen übrig. Nachhaltig muss der Sportbetrieb nicht sein. Bei Bedarf zieht die Karawane einfach weiter. Ein traditionelles Modell, das lieber auf der anderen Seite des großen Teichs bleibt. Sonst gibt’s wirklich Haue.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen