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Fifa 50 Millionen an Steuergeldern verpulvert

Am Beispiel Australiens zeigt Autorin Bonita Mersiades, wie man sich eine Fußball-WM ins Land holt - oder eben nicht.

Fifa
Stillleben mit WM-Pokal: Am 13. Juni wird verkündet, in welchem Land die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 ausgetragen wird. Foto: Imago

Von Christian Karembeu war Bonita Mersiades sofort angetan. Der Weltmeister mit Frankreich 1998, bekundete sein Interesse, der Bewerbung Australiens für die Weltmeisterschaft 2018 oder 2022 zu helfen. Das klang ehrlich, das schien zu passen. Karembeu, dieser lockere Typ mit der Rasta-Frisur und den neukaledonischen Wurzeln, und Australien, dieses multikulturelle Land, das jeder mit der Vorstellung von Freiheit und großer Natur verband – ideal.

Als Bonita Mersiades ihren Kollegen vom australischen WM-Bewerbungskomitee von Karembeus Bereitschaft erzählte, Botschafter für Australien 2018/2022 zu werden, entgegneten die mit spöttisch-wissendem Lächeln: „Die wichtige Frage hast du ihm aber nicht gestellt?“ Sie wäre gewesen: Was, lieber Monsieur Karembeu, möchten Sie haben für Ihre repräsentativen Dienste?

Bonita Mersiades musste erkennen, dass es in dieser Welt des Fußballs nichts aus Sympathie gibt. Sondern dass alles ein Geschäft ist. Es war im Juni 2009 in Kapstadt, auf einer Veranstaltung rund um den Confederations Cup 2009 in Südafrika, als die internationalen Größen auf Anfrage diskret ihren Preis nannten: Pelé – siebenstellig (in Dollar), Zinedine Zidane, Frank de Boer, Gabriel Batistuta – sechsstellig. Das Schnäppchen war Roger Milla aus Kamerun, der berühmte Tänzer des Eckfahnen-Lambada der WM 1990 – er verlangte lediglich 50.000. Aber da war die Frage, die die Australier sich stellten: Wie glaubwürdig ist es, ihn für Australien antreten zu lassen?

Bonita Mersiades war Kommunikationschefin der australischen Bewerbung. Zu ihren Aufgaben gehörte es außerdem, Geld von der Regierung zu beschaffen. Im Januar 2010, kurz nachdem sie einen Jahresbonus für exzellente Arbeit 2009 bekommen hatte, wurde sie entlassen. Sie hielt die Verbindung dennoch – und verschaffte sich weiter Einblicke. Elf Monate später scheiterte die australische Bewerbung kapital.

Später, als im Report des ehemaligen US-amerikanischen Staatsanwalts Michael Garcia die WM-Doppelvergabe an Russland und Katar kriminalistisch aufgearbeitet wurde, war sie eine von zwei Whistleblowerinnen – die andere war Phaedra Almajid, die für die Katarer gearbeitet hatte. Mersiades, die auch schon im ZDF-Sportstudio auftrat, als der Fifa-Skandal einen Höhepunkt nach dem anderen erreichte, ist eine der Gründerinnen der Bewegung „NewFifaNow“, sie hat ihre Erfahrungen in einem Buch niedergeschrieben, das es bislang nur im englischsprachigen Original gibt: „Whatever it takes.“ Was auch immer notwendig ist. Es ist der Satz derer, die bereit sind, sich eine Fußball-Weltmeisterschaft ins Haus zu holen.

Frank Lowy, heute 87, hatte diese Bereitschaft. Das Forbes-Magazin listete ihn unter den 250 reichsten Menschen der Welt. Sein Statussymbol: die Superjacht Ilona. Seine Passion: Fußball. 2003 wurde er Präsident des Australischen Fußballverbandes FFA, als Gast bei der WM 2006 in Deutschland fasste er den Entschluss: Auch Australien sollte versuchen, solch ein Event auszurichten. Das Land hatte sich mit den Olympischen Spielen 2000 in Sydney perfekt präsentiert, jeder mochte die Aussies, sie hatten nicht den englischen Snobismus und nicht die US-amerikanischen Allmachtsansprüche. Sie waren unverdächtige Leute. Eine Fußball-WM würde die logische Folgeveranstaltung sein. Nur: Viele wollen sie. Wie bekommt man sie? Lowy bat den Fifa-Präsidenten Sepp Blatter um Rat. Die Antwort lautete: „Sprecht mit den Deutschen! Sie haben den Schlüssel zum Gewinnen.“

Theo Zwanziger, der DFB-Präsident, und Horst R. Schmidt, der Generalsekretär, empfingen Frank Lowy. Beide Seiten gingen einen Deal ein. Die FFA zog ihre Bewerbung um die Frauenfußball-WM 2011 zurück, so war es für den DFB leichter, den Zuschlag dafür zu bekommen. Ihm lag sehr daran, ein weiteres Sommermärchen zu schaffen. Im Gegenzug würde der DFB die Australier dabei unterstützen, eine gute WM-Bewerbung aufzusetzen.

So kamen drei Deutsche ins Spiel: Franz Beckenbauer, damals noch eines der Mitglieder im 24-köpfigen Fifa-Exekutivkomitee, das über die Vergabe der WM-Endrunden entschied; dann der Berchtesgadener Fedor Radmann, jener Strippenzieher, der die deutsche WM-Bewerbung für 2006 orchestriert und im Herbst 2000 erfolgreich abgeschlossen hatte; und schließlich Andreas Abold aus München, Radmann geschäftlich eng verbunden über die gemeinsame Firma: Beyond Limits Marketing und ebenfalls in die WM-Bewerbungen Deutschlands (2006) und Südafrikas (2010) involviert.

Radmann und Abold wurden Consultants des australischen Bewerbungskomitees, mit ihnen ins Spiel kam Peter Hargitay, eine aus Ungarn stammende graue Eminenz im Fifa-Dunstkreis. Einen, den man holt, damit er Stimmungen schafft. Diese Personalien mussten aber weitgehend geheim bleiben. Bonita Mersiades wurde angewiesen, den Namen Radmann in Mails nie zu erwähnen. Überhaupt: Es sollte nicht zuviel schriftlich festgehalten werden. Und immer wieder sagte Ben Buckley, der CEO des Bewerbungskomitees, zu Mersiades, sie müsse nicht alles wissen, was vor sich gehe.

Obwohl Frank Lowy Milliardär ist, sollte die Bewerbung aus öffentlichen Geldern finanziert werden. Wie sich bei den späteren Untersuchungen herausstellte, führten Lowys Leute zwei Haushalte. Einen internen und einen zur Vorlage bei der Regierung. Deren Zahlen wichen natürlich voneinander ab. Denn trotz der Losung „Whatever it takes“: Nicht alles, was an Aufwendungen benötigt wurde, konnte gegenüber dem Steuerzahler gerechtfertigt werden.

Der erste aus dem Fifa-Exekutivkomitee, den die Australier ansprachen, war Reynald Temarii, der Ozeanien-Delegierte (Australien selber war 2006 in den Asiatischen Kontinentalverband übergetreten). Meine Stimme habt ihr, sagte Temarii – und diktierte seine Bedingungen: Er wollte die TV-Rechte für Ozeanien an der Australischen A-League, zehn Autos für seine Mitarbeiter und Finanzierung eines neuen Verwaltungsgebäudes seines Verbands in Auckland, Neuseeland – Kosten: vier Millionen Dollar. Als es 2010 zur Abstimmung bei der Fifa in Zürich kam, konnte Temarii gar nicht mehr teilnehmen – er war kurz zuvor von der Ethikkommission suspendiert worden. Er gehörte zu jenen Funktionären, die Reportern aus England auf den Leim gegangen waren: Sie hatten sich als Consultants der US-amerikanischen Bewerbungskomitees ausgegeben, um die Käuflichkeit der hohen Herren aufzudecken.

Der berüchtigte Jack Warner (Trinidad & Tobago) kassierte von den Australiern 462.200 US-Dollar, der Geldfluss ging von Sydney über London nach New York und weiter nach Port of Spain; fünf Millionen sollten in Asien landen, über den ebenso obskuren Mohammed Bin Hammam (Katar), der 2011 gegen Sepp Blatter um die Fifa-Präsidentschaft antreten wollte, seine Kandidatur aber zurückzog. Offiziell, weil er ins Visier der Ethiker gelangt war. Sepp Blatters Version lautet: Der Emir von Katar pfiff Bin Hammam zurück. Ein dadurch wohlgesinnter Blatter sollte den Katarern die kurz zuvor zugesprochene WM 2022 belassen und nichts in Richtung Neuabstimmung unternehmen.

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