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DFB-Akademie in Frankfurt „Bei 150 Millionen Euro kommt der Deckel drauf“

DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius vor dem Bundestag zum Mammutprojekt in Frankfurt: „Wir müssen 75 Millionen bei Banken aufnehmen. Einen Plan B gibt es nicht.“

DFB-Akademie
Das Modell der neuen Heimat des Deutschen Fußball-Bundes an der alten Frankfurter Galopprennbahn. Foto: kadawittfeldarchitektur

Bis zu 200.000 Quadratmeter groß soll die neue Heimat des Deutschen Fußball-Bundes in Frankfurt werden. Inklusive Hallen-Großfeld aus Kunstrasen, 33 Athletenzimmern, 543 Arbeitsplätzen auf vier Etagen, vier Naturrasenplätzen, Beachsoccer-Platz, Laufbahnen und Technik-Labor. Am morgigen Freitag stimmen 259 stimmberechtigte Delegierte auf dem DFB-Bundestag ab, ob dafür 150 Millionen Euro ausgegeben werden dürfen. Generalsekretär Friedrich Curtius erklärt, warum es so teuer werden könnte.

Herr Curtius, der DFB-Neubau an der alten Galopprennbahn in Frankfurt sollte ursprünglich weniger als 100 Millionen Euro kosten. Warum werden es jetzt 150 Millionen Euro?
Das liegt in erster Linie an den veränderten Anforderungen und dem Ziel, am neuen Standort möglichst effektiv arbeiten zu können. Wir bauen im Grunde in Teilen ein anderes Gebäude, als das, das ursprünglich angedacht wurde. Je tiefer wir in die Planungsprozesse eingestiegen sind, desto präziser konnten wir die Zahlen ermitteln.

Ein anderes Gebäude?
Das Gebäude, das nun gebaut wird, hat ganz andere und zusätzliche Funktionalitäten, als das ursprünglich geplant worden war. Um Ihnen ein Beispiel zu nennen: Das Tech-Lab, in dem wir den neuesten Trends im Fußball nachgehen wollen, ist etwas größer geworden und damit auch teurer als anfangs gedacht. Hinzu kommen unter anderem der Anstieg der Baupreise aufgrund der zeitlichen Verschiebung, erhöhte Brandschutz- und Sicherheitsauflagen sowie erforderliche Erdarbeiten auf dem abschüssigen Gelände, um es zu ebnen, damit es für unsere Zwecke genutzt werden kann. Allein das Abtragen der Erde ist mit etwa einer Million Euro zusätzlich veranschlagt.

Und alles zusammen kostet dann 150 statt 100 Millionen?
Derzeit kommen wir bei den reinen Baukosten auf eine Summe von 123 Millionen Euro. Wir haben einen Puffer von 27 Millionen Euro als Sicherheit eingebaut. Bei 150 Millionen Euro kommt der Deckel drauf. Das ist die Maximalsumme.

Der DFB verfügt über Rücklagen von 162 Millionen Euro. Dann liegt das Geld also auf dem Konto bereit und es sind sogar zwölf Millionen übrig?
Diese Rücklagen können wir nicht annähernd komplett für den neuen DFB mit der Geschäftsstelle und die Akademie ausgeben. Es handelt sich dabei um Rücklagen, die wir nur im gemeinnützigen Bereich einsetzen dürfen. 85 Prozent werden von der Finanzverwaltung dem wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb zugeordnet, 15 Prozent dem ideellen Bereich. Dementsprechend müssen wir die Finanzierung gestalten.

Das heißt in konkreten Zahlen?
Dass wir 75 Millionen Euro aus Rücklagen für unser Gebäude hier in der Otto-Fleck-Schneise, aus den erhöhten Sponsorenabschlüssen mit unseren Partnern und aus Zuschüssen von Uefa und Fifa einsetzen werden. Und 75 Millionen Euro bei Banken aufnehmen werden. Die Hälfte der Gesamtinvestition schaffen wir also praktisch aus Eigenmitteln, die andere Hälfte finanziert. Dabei kommt uns die aktuelle Niedrigzinsphase entgegen.

Warum rufen Sie für das Projekt eigens einen Bundestag ein?
Wir haben eine Gesamtsumme erreicht, die etwa die Hälfte des Umsatzes eines DFB-Haushaltsjahres ausmacht. Bei einer so großen Investition haben wir es für angebracht angesehen, dass die Basis und die Liga in dieser Zukunftsfrage mitentscheiden.

Sie haben das Projekt bei fünf Regionalkonferenzen und bei der Deutschen Fußball-Liga in Anwesenheit von Manager Oliver Bierhoff und Präsident Reinhard Grindel vorgestellt. Wie war die Resonanz?
Sehr positiv. Es gab natürlich Diskussionen, aber wir haben nirgendwo Abneigung gegen das Projekt verspürt. Wir haben die Kernbotschaft transportiert, dass der DFB im Weltvergleich konkurrenzfähig bleiben muss, denn mit einer funktionierenden Spitze profitiert auch die Basis von den Erfolgen.

Was sagen Sie dem Fußball-Abteilungsleiter eines kleinen Vereins, dessen Spieler auf einem Hartplatz unterwegs sind und wo aus der Dusche das Wasser tropft, derweil der DFB sich einen Palast baut?
Ich sage ihm zunächst, dass wir als DFB die Vereine gar nicht direkt unterstützen dürfen, sondern nur an unsere Landesverbände als unsere Mitglieder gemeinnützige Gelder ausschütten können. Auch für die Landesverbände sind die Zwecke eng gesetzt, wofür sie diese Gelder verwenden dürfen. Wir haben die Zuwendungen an die Landesverbände zuletzt von fünf auf acht Millionen Euro pro Jahr angehoben, ab 2019 werden es 14 Millionen Euro. Das ist eine enorme Steigerung und damit ein klares Bekenntnis zur Basis.

Dort grummelt und rumort es dennoch!
Wir bekommen auch viel positive Resonanz von dort. Nur ein Beispiel: Der Mitgliedsbeitrag in einem deutschen Fußballverein mit oft nur zehn Euro pro Monat ist immer noch sehr niedrig für das, was dafür geboten wird. Hier wird an der Basis unglaublich viel von den Ehrenamtlichen geleistet. Die sportlichen Erfolge der Nationalmannschaft mit dem WM-Titel 2014 und dem Confed-Cup-Sieg 2017 strahlen ab.

Deutschland ist Fußball-Weltmeister, in der Bundesliga spielen mehr U21-Spieler als in jeder vergleichbaren europäischen Topliga. Wieso braucht der DFB eine solche Akademie mit allem Drum und Dran?
Weil die Konkurrenz nicht schläft, und weil es ein großer Fehler wäre, wenn wir uns auf den Erfolgen ausruhen würden. Wir benötigen einen neuen Impuls in der Nachwuchsarbeit. Wir sind in den europäischen Klubwettbewerben aktuell nicht so erfolgreich, wie wir uns das wünschen, und wir sehen zudem, dass bei den Junioren-Nationalmannschaften zur Zeit England das Maß aller Dinge ist mit zuletzt drei Titeln bei der U17, U19 und U20.

Gibt es dafür eine Begründung?
Ich habe mit meinem Kollegen Martin Glenn vom englischen Verband ein sehr gutes Arbeitsverhältnis. Er sagte mir, dass die aktuellen Erfolge der englischen Nachwuchsteams auch auf das vor einigen Jahren in Mittelengland realisierte Fußball-Kompetenzzentrum St. George´s Park zurückzuführen sind. Er gratuliert uns, dass wir beim DFB in Frankfurt Verwaltung und Sportanlagen an einem Ort bauen. In England befindet sich die Verbands-Geschäftsstelle der FA im Wembley-Stadion, zweieinhalb Autostunden vom St. George´s Park entfernt. Das kostet jeden Tag eine Menge Kraft, Nerven und Abstimmungsbedarf.

Der DFB hat von der Stadt Frankfurt ein Filetstück angeboten bekommen. Neun Minuten zum Flughafen, sieben Minuten zum Hauptbahnhof, drei Minuten zur Uniklinik,  zwei Minuten zur aktuellen DFB-Zentrale, perfekte Autobahnanschlüsse. Bestimmt sind Sie jubelnd mit Tröten durch die Gänge gelaufen, als der Deal vermeintlich perfekt war?
So war es zwar nicht, aber das Angebot der Stadt hat definitiv bei uns positive Energien für die Realisierung des Vorhabens freigesetzt. Denn auch für den DFB sind 150 Millionen Euro eine riesige Investition. Wenn wir dieses einzigartige Grundstück nicht bekommen hätten, wäre es schwierig geworden, so viel Power zu mobilisieren. Wir bekommen zur Finanzierung des Vorhabens keine direkten Steuergelder, sondern werden das Projekt aus eigenen Mitteln realisieren. Und es ist doch im Interesse der Stadt Frankfurt und der gesamten Region, wenn der DFB sich langfristig zu diesem Standort bekennt.

Die Bagger sollten schon vor zwei Jahren anrollen. Sie tun das wegen der Rechtsstreitigkeiten zwischen Rennklub und Stadt Frankfurt noch immer nicht. Könnte es einen Punkt geben, an dem Sie die Geduld verlieren und woanders bauen?
Ich sehe keinen Plan B. Alle gerichtlichen Entscheidungen sind bislang positiv für die Stadt Frankfurt ausgefallen. Deshalb bin ich sehr zuversichtlich, dass wir das Grundstück eher früher als später bekommen. Und selbst wenn wir, hypothetisch gesprochen, über ein anderes Grundstück nachdenken würden, würde uns das drei, vier oder fünf Jahre kosten bis ein vergleichbares Planungsniveau erreicht ist.

Wie sieht der Zeitplan für die alte Galopprennbahn aus?
Wenn wir am Freitag das Okay bei unserem Bundestag bekommen, wird uns hoffentlich im ersten Halbjahr 2018 das Grundstück übergeben. Wir wollen dann sehr zeitnah den ersten Spatenstich setzen, möglicherweise sogar unmittelbar vor dem Abflug unserer Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft nach Russland mit dem WM-Kader direkt vor Ort. Sollten wir das schaffen, wäre der Bau Ende 2020/Anfang 2021 fertig.

Dann würde die Geschäftsstelle in der Otto-Fleck-Schneise geräumt werden. Warum kann man nicht dort bleiben?
Weil wir mit unseren mittlerweile 300 Mitarbeitern schon jetzt nicht mehr genügend Platz hier haben. Die Kollegen aus dem Archiv und der Online-Redaktion sitzen im Keller, andere Abteilungen sind ausgelagert. Deshalb brauchen wir ein neues Zuhause. Ich bin zuversichtlich, dass der neue DFB mit der Akademie noch mal mehr Identifikation, Motivation und Leidenschaft weckt. Ich spüre diese Aufbruchsstimmung schon jetzt.

Würde sich denn die Nationalmannschaft auch bei Heimspielen in Düsseldorf, Hamburg, München oder Berlin immer auf dem neuen Gelände in Frankfurt vorbereiten?
Das ist nicht geplant, weil es wenig Sinn machen würde, dann kurzfristig noch in andere Städte fliegen zu müssen. Aber vor Auswärtsspielen würde Frankfurt noch mehr in den Fokus rücken. Ohnehin geht ja die Trainerausbildung von Hennef in die neue Akademie, auch die Schiedsrichter sollen hier ihr Zentrum finden. Es gibt perfekte Tagungsräumlichkeiten. Der Mehrwert wäre riesig. Wir wollen darüber hinaus innovative Entwicklungen anstoßen – mit einem Qualitätssiegel des DFB. Das ist der Anspruch von Oliver Bierhoff, der das Akademie-Projekt bei uns vorangetrieben hat.

Sollen die Bundesligisten sich hier auch beraten lassen können?
Klar, wir wollen in den Austausch treten, das Wissen zentral zusammenführen und dann wieder an die Klubs und die Basis weitergeben.

Klingt alles sehr offen, tatsächlich wird es aber wohl hohe Zäune und viele Sichtschutzblenden geben. Wie wollen Sie verhindern, dass der neue DFB als Closed Shop wahrgenommen wird? Darf Otto Normalverbraucher durch den Campus durchspazieren?
Das wird im Trainer- und Spielerbereich gewiss nicht möglich sein, schon allein aus Sicherheitsgründen. Aber die Gebäudeanmutung ist freundlich, offen und transparent mit großen Glasfronten. Es gibt einen Fanshop und ein Café für Besucher.

Was passiert mit der alten Geschäftsstelle?
Sie ist Eigentum des DFB, wir haben sie der Stadt Frankfurt nach der WM 2006 abgekauft. Inzwischen haben wir mehrere Anfragen von Sportverbänden bekommen, die hier gern einziehen würden. Momentan wissen wir aber ja noch nicht, wann wir umziehen. Zudem könnten wir für den Fall, dass wir den Zuschlag für die EM 2024 bekommen, mit dem Organisationskomitee Räumlichkeiten nutzen. Wir könnten das Gebäude auch verkaufen. Für den Augenblick haben wir insoweit keinen Entscheidungsdruck.

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