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Tour de France Plötzlich Nebenrolle

John Degenkolb stellt sich ganz in den Dienst seines Trek-Kapitäns Alberto Contador – und hofft auf eigene Chance.

John Deegenkolb
John Degenkolb bei der Team-Präsentation. Foto: rtr

Der kleine Nebenraum im Restaurant des Düsseldorfer Mannschaftshotels ist dann doch etwas zu eng. Dicht an dicht drängen sich vornehmlich spanische Journalisten, rangeln um den besten Platz fürs eigene Mikrofon. Ein gutes Dutzend Pressemenschen waren es wohl, die ihrem Landsmann Alberto Contador auf die Pelle rücken. Ebenso viele Kameras zeichneten jede Geste, jede Mimik des Kapitäns des Teams Trek-Segafredo auf. Der zweimalige Toursieger und überführte Ex-Doper ist in der Heimat immer noch ein Volksheld. Einer, dem die ganze Nation die Daumen drückt. Zehn Jahre nach seinem ersten Tour-Triumph will es Contador sich und all seinen Kritikern noch einmal beweisen. „Ich bin fit und gut drauf“, ruft Contador am Freitag in die Runde. Er blickt dabei in glückliche Gesichter.

Neben ihm sitzt an diesem Nachmittag John Degenkolb, eigentlich der zweite starke Mann im US-Team. Klassikerspezialist, vor zwei Jahren umjubelter Triumphator bei den Monumenten Mailand - Sanremo und Paris - Roubaix. Einer für die schweren Sprints. Aber nicht nur bei der PK spielt Degenkolb eine so nicht erwartete Nebenrolle. Vor ihm stehen keine zwölf Mikrophone, nur zwei große Flaschen Mineralwasser. Degenkolbs Redezeit ist begrenzt. Seine Rolle im Team auch. „Das Ziel ist ganz klar, die Mannschaft zu unterstützen und Alberto alles zu ermöglichen und in einer guten Position zu halten,“ beantwortet er die Frage nach seinen Zielen.

Und was ist mit den eigenen Ansprüchen und dem seit Jahren herbeigesehnten ersten Etappensieg bei der Frankreich-Rundfahrt? Degenkolb gibt sich gelassen, fügt sich ein ins große Ganze und somit in die Teamhierarchie: „Wenn es mir möglich sein sollte, auch mal Kraft zu sparen, nicht den ganzen Tag im Wind zu fahren, werde ich im Finale auch mal meine eigenen Chance suchen.“ Aber in erster Linie sei er in der Helferrolle. Keine 50 Sekunden dauert sein Redeanteil bei dieser doch halbstündigen Veranstaltung. Für einen, der es gewohnt ist, im Mittelpunkt zu stehen, nicht ganz leicht, möchte man meinen. Später, als Contador längst schon wieder im Aufzug steht, gewährt „Dege“ für einen kurzen Moment Einblick in sein Seelenleben: „Für mich ist das auch alles neu. Aber das war ja vorauszusehen, wenn man einen Alberto Contador in der Mannschaft hat.“ Was er nicht sagt: Als er seinen Vertrag bei Trek unterschrieb, wusste er nicht, dass ihm Contador folgen sollte.

Überrascht über Dopingfall

Degenkolb reiht sich ein ins Glied. Das ist gewöhnungsbedürftig. Auch für seine Fans. „Ich gehe jetzt mit weniger Druck in die Tour, bin dort außerhalb des Spotlights und kann mich vielleicht unterhalb des Radars bewegen“, sagt Degenkolb und macht sich Mut: „Wer weiß, was da am Ende noch herausspringt.“

Die Spanier erwarten von ihrem Matador nicht weniger als das Gelbe Trikot. Daran ändern auch die 34 Jahre nichts, die Contador mittlerweile in den Beinen hat. Er fühle sich stark, die Werte seien gut. Wie stark, wie gut, „wissen wir aber erst, wenn es richtig losgeht“, sagt Contador, dessen Team zu Beginn der Woche „positive“ Schlagzeilen schrieb. Gute 20 Minuten vergehen, bis er fast beiläufig auf den des Epo-Dopings verdächtigen Portugiesen André Cardoso angesprochen wird. Er sei sehr überrascht gewesen, antwortet er mit leiser Stimme. „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass so etwas in diesem Team passieren kann“, sagt er dann auch noch. Klingt schon etwas lächerlich für einen, der selbst bei der Tour 2010 positiv getestet worden war und anschließend für zwei Jahre gesperrt wurde. Sein dritter Gesamtsieg wurde ihm auch gleich noch aberkannt.

Als „sehr enttäuschend“ testiert Degenkolb die positive A-Probe: „Das Team vertritt eine absolute Null-Toleranz-Politik. Aber so wie es aussieht, gibt es weiter individuelle Schwarze Schafe.“

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