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Kaum Fans, keine TV-Bilder - «Kummersteine» am Jakobsweg

Der Auftakt der Tour de France vor einigen Wochen in England ist vielen Radsport-Fans noch bestens in Erinnerung. In 20er-Reihen hatten die Zuschauer am Straßenrand den Abstecher auf die Insel zu einem wahren Spektakel gemacht.

22.09.2014 13:05
Weltmeister
Tony Martin muss sich bei der WM auf geringes Zuschauerinteresse einstellen. Foto: Claudio Giovannini Foto: Claudio Giovannini (ANSA)

Der Auftakt der Tour de France vor einigen Wochen in England ist vielen Radsport-Fans noch bestens in Erinnerung. In 20er-Reihen hatten die Zuschauer am Straßenrand den Abstecher auf die Insel zu einem wahren Spektakel gemacht.

Bei den Weltmeisterschaften in Ponferrada erleben Tony Martin und Co. dagegen das Kontrastprogramm. Leere Tribünen und auch sonst herrscht im Zielbereich alles andere als Gedränge. «Auf dem Rad habe ich für so etwas natürlich kein Auge, aber als die ersten Teams auf die Strecke gegangen sind, sah das schon sehr dürftig aus», sagte Martin, nachdem er zum Auftakt im Mannschaftszeitfahren am Sonntag mit seinem Omega-Team auf Platz drei gefahren war.

Ponferrada, eine provinzielle Industriestadt in der Region Castilla y Leon und gut 300 Kilometer von Madrid entfernt gelegen, ist für eine Woche Schauplatz der Welttitelkämpfe. Den Vergleich mit Florenz, dem WM-Austragungsort von 2013, hält die 68 000-Einwohner-Gemeinde kaum stand. Ein paar heruntergekommene Häuser in der Nähe der Ziellinie, im Hintergrund ein Supermarkt und wenig einladende Hochhäuser. Wenn Martin am Mittwoch seinen vierten WM-Titel im Einzelzeitfahren holen und den Rekord von Fabian Cancellara einstellen sollte, wird ihm später das Ambiente wohl kaum in Erinnerung bleiben.

Doch Alternativen haben sich dem Radsport-Weltverband UCI kaum geboten. Ponferrada war bei der Vergabe einziger Kandidat, genauso wie für 2015 die US-Kleinstadt Richmond. Und 2016 wird dann gar in Katar um WM-Titel gefahren. Zwischenzeitlich stand Ponferrada auf der Kippe, weil die finanziellen Garantien ausblieben. Am Ende haben es die Spanier dann doch gestemmt.

Zwölf Millionen Euro kostet der Stadt die WM, was bei einer Arbeitslosenquote von 24,5 Prozent in Spanien den Bürgern nur schwer zu erklären ist. Viele Wohnungen stehen leer, die Wirtschafts- und Immobilienkrise hat auch vor Ponferrada nicht haltgemacht. «Für uns ist das eine Investition in die Zukunft. Es hilft unserer Region und zeigt der Welt, dass Spanien mehr ist als Stiere, Flamenco-Tänzer, Strände und Sonne. Es gibt Berge, Täler, schöne Ortschaften im Landesinneren und gastfreundliche Menschen», sagt Bürgermeister Samuel Folgueral und rechnet mit zukünftigen Einnahmen von bis zu 30 Millionen Euro.

In Deutschland wird die naturbelassene Region rund um Ponferrada wohl eher nicht wahrgenommen. Weder ARD noch Eurosport zeigen Live-Bilder von der WM, Rechtehändler Infront soll zu hohe Preise aufgerufen haben. Stattdessen müssen sich die Fans mit Live-Streams auf der UCI-Internetseite begnügen. Mit vielen Besuchern aus der Welt ist auch sonst nicht zu rechnen, müssen sie doch eine beschwerliche Reise mit langen Autofahrten auf sich nehmen. Dazu kommt die problematische Hotelsituation. Die wenigen Unterkünfte verlangen horrende Preise, für die UCI-Mitarbeiter wurden gar Container aufgebaut.

Rolf Aldag, der Technische Manager von Martins Omega-Team, hat ein Hotel gefunden - direkt am Jakobsweg. «Da kommen jeden Tag 1000 Pilger vorbei, das ist der perfekte Ort, um über sein Leben nachzudenken», scherzte der frühere Telekom-Profi. Mit dem Rad hat er sich auf den Weg zum Eisernen Kreuz in den Bergen gemacht. «Da liegen viele Kummersteine von den Pilgern, ein schwerer ist jetzt dazu gekommen.» Vielleicht muss UCI-Chef Brian Cookson seinen Stein dort auch noch ablegen. (dpa)

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