Lade Inhalte...

Interview Fabian Wegmann „Nicht alle schlechten Menschen fahren Rad“

Ex-Profi Fabian Wegmann über die wiederbelebte Deutschland-Tour, den heimischen Markt - und die Geißel Doping im Radsport.

Fabian Wegmann
Freie Fahrt - von der Rennmaschine aufs Hollandrad: Fabian Wegmann. Foto: Jens Greinke

Bevor wir über die Deutschland-Tour reden: Sie haben 2004 als erster Deutscher das Grüne Trikot des besten Bergfahrers beim Giro d’Italia gewonnen. Wie geht das als Münsteraner, für den die Baumberge mit 187 Metern die höchste Erhebung sind?
(lacht) Ja, das ist nicht so hoch, oder? Na ja. Da braucht man mit Sicherheit ein gewisses Maß an Talent. Man muss die körperlichen Voraussetzungen mitbringen. Ich bin eben schmal gebaut. Obwohl ich nun seit eineinhalb Jahren keine Rennen mehr fahre, bin ich nicht dicker geworden. Und schnell war ich immer. Übrigens kann man auch in den Baumbergen ganz gut trainieren. Ich hatte da eine Trainingsrunde mit einer Zwölf-Prozent-Rampe. Wenn man die zehn Mal fährt, weiß man auch, was man getan hat. Und schauen Sie sich aktuell Tom Dumoulin an: Der kommt aus Maastricht, da ist es noch flacher als hier. Und bei der Tour in diesem Jahr ist er Zweiter geworden.

Wie viele Kilometer fahren Sie noch jährlich?
Ich schätze mal 7000 Kilometer. Im Vergleich zu gut 30 000 Kilometern während meiner aktiven Zeit. Mir macht es weiterhin viel Spaß, doch derzeit sind andere Dinge wichtiger. Wie meine Kinder, die jetzt vier und sieben Jahre alt sind.

Hat Ihr Nachwuchs Talent?
Die Kleine fährt mit dem Laufrad zum Kindergarten. Der Große fährt auch schon ein bisschen. Er geht momentan aber lieber zum Turmspringen.

Sie sind derzeit ein vielbeschäftigter Mann. Welche Aufgabe haben Sie sich alle aufgehalst?
Na ja. Ich kümmere mich ja bekanntlich um die Streckenführung beim Münsterland-Giro, der am 3. Oktober wieder ansteht. Zudem bin ich auch beratend für das Rennen Eschborn-Frankfurt tätig. Zusätzlich bin ich nun Sportlicher Leiter der Deutschland-Tour. Und während der Tour de France war ich ja drei Wochen als TV-Experte für die ARD dabei. Wenn man das alles zusammennimmt, ist es schon ein Fulltime-Job.

Wie schwer war es, die Deutschland-Tour nach zehn Jahren wieder zu beleben?
Die Verantwortlichen von der ASO (Anmerk. der Red.: Die Amaury Sport Organisation ist der weltgrößte Veranstalter von Radrennen wie der Tour de France oder der Vuelta) haben sich gesagt: Wir haben zwei deutsche Worldtour-Teams, wir haben sehr talentierte und gute deutsche Fahrer - und Deutschland ist ein extrem wichtiger Radsportmarkt. Da kann es nicht sein, dass es hier keine Landesrundfahrt gibt. So hat die ASO, die über die nötige Manpower und die finanziellen Mittel verfügt, die Deutschland-Tour wieder auf die Beine gestellt.

Konnten Sie irgendwelche Strukturen von der ursprünglichen Deutschland-Tour übernehmen?
Nein, gar nichts. Es ist ein kompletter Neuanfang.

Die ASO bringt als Veranstalter der Tour de France und vieler anderer großer Rad- und Sportveranstaltungen viel Erfahrung mit.
Ja, auf alle Fälle. Und sie sorgt auch für viel Infrastruktur wie den Start- und Zielbereich der Etappen oder die Absperrgitter. Kommentatorenkabinen, Jurywagen – all das kommt von der ASO. Und auch personell ist sie mit gut 50 Leuten dabei.

Wie hoch ist das Budget?
Das ist mir nicht bekannt. Ich vermute aber, dass die A.S.O. hier finanziell in Vorleistung geht.

Wie schwierig war es, Sponsoren zu akquirieren?
Schon schwierig. Es gab ja nach dem großen Knall 2008 keine großen deutschen Teams mehr. Erst langsam wurde alles wieder aufgebaut. Das Vertrauen geht eben schnell verloren. Und es wieder herzustellen, dauert Jahre. Mittlerweile sind wir wieder auf einem ganz guten Niveau. Wir haben wieder große deutsche Teams wie Bora-Hansgrohe. Und die ARD überträgt wieder Radsport, das ZDF steigt bei der Deutschland-Tour ebenfalls für einen Tag ein. Das ist der erste Schritt. Und je mehr im TV übertragen wird, desto mehr Sponsoren werden auch wieder kommen.

Erklären Sie uns bitte einmal das Streckenprofil. Worauf haben Sie Wert gelegt?
Die Tour ist eine Viertagesrundfahrt. Sie ist so konzipiert, dass sie einen Klassikercharakter hat. Wir wollten eine anspruchsvolle Strecke, die aber nicht ausschließlich auf Höhenmeter aus ist. Wir wollen es spannend bis zum Schluss machen. Die Etappen sind jetzt auch nicht besonders lang, das macht die Rennen interessanter. Je kürzer die Etappen, desto schneller wird gefahren. Das haben wir bei der Tour de France gesehen.

Gab es bei der Streckenplanung besondere Schwierigkeiten?
Es war nicht ganz so einfach. Wir mussten uns bei der Streckenplanung mit 42 verschiedenen Behörden auseinandersetzen. Das ist natürlich ein immenser Aufwand. In Frankreich ist es etwas einfacher: Da kümmert sich das jeweilige Département darum und nicht jede einzelne Kommune.

Die Radsportfans konnten Streckenvorschläge einreichen. Wie groß war die Resonanz? Und wie viele Strecken wurden davon ausgesucht?
Die Resonanz war super. Wir hatten mehr als 1500 Vorschläge für das gesamte Bundesgebiet. Zehn, fünfzehn Vorschläge konnten letztlich integriert werden.

Wie lange ist die Neuauflage der Deutschland-Tour bislang angelegt?
Die ASO hat sich die Namensrechte erst einmal für zehn Jahre vom BDR (Anmerk. der Red.: Bund Deutscher Radfahrer) gesichert. In diesem Zeitraum wollen wir das Projekt etablieren. Und vielleicht noch um ein, zwei Etappen verlängern. Eine längere Tour wird aufgrund des engen Rennkalenders nicht möglich sein. Wir müssen einfach schauen, wie es angenommen wird. Aber Deutschland ist ein Radfahrerland. Es sind immer mehr Räder auf den Straßen, der Markt boomt und wir haben gute Nachwuchsfahrer. Deutschland hat ein großartiges Potenzial.

Wie wichtig war der Start der Tour de France 2017 in Düsseldorf für das Projekt Deutschland-Tour?
Sehr wichtig. Das hat auch den Medien noch einmal gezeigt, dass ein großes Interesse am Radsport vorhanden ist. Das hat einen richtigen Schub gegeben.

Das Team Sky hat die Tour in diesem Jahr wieder dominiert und bei vielen Beobachtern für ungläubiges Stirnrunzeln gesorgt. Wie haben Sie den Auftritt empfunden?
Es war schon krass. Aber Sky hat eben auch Fahrer, die in anderen Teams sofort die Kapitänsrolle übernehmen würden. Es sind zwei Fahrer im Team, die über vier Millionen Euro im Jahr verdienen. Das hat ein Jan Ullrich damals nicht bekommen. Und Sky kann sich den Luxus leisten, einige Fahrer ausschließlich für die Tour vorzubereiten. Das kann sich kein anderes Team finanziell erlauben. Aber wenn irgendwann mal etwas passiert, sagen alle: Haben wir es doch gewusst. Aber so einfach ist es nicht. Man muss berücksichtigen, was dieses Team an Geld und Personal investiert. Aber ich habe aus der Vergangenheit gelernt, dass ich für keinen Fahrer mehr meine Hand ins Feuer legen würde. Da wurde ich – auch von Teamkollegen – in der Vergangenheit zu sehr enttäuscht.

Glauben Sie, dass der Radsport heutzutage so sauber ist, dass man ihn als Fan ohne Bauchschmerzen verfolgen kann?
Ich glaube, dass der Fan auf das System auf alle Fälle vertrauen kann. Wir haben im Radsport die besten Kontrollen, die es im Sport gibt. Nirgendwo wird mehr kontrolliert. Natürlich wird die Versuchung zu dopen immer da sein. Aber nicht alle schlechten Menschen fahren Rad, so wie es in der Vergangenheit immer wieder mal dargestellt wurde. Zudem schließe ich das systematische Doping, wie es das damals gegeben hat, aus. Das kann ich mir einfach nicht mehr vorstellen. Dafür sind die Kontrollen einfach zu engmaschig. Und die Leute wissen, was da auf dem Spiel steht. Heutzutage haben die meisten Sponsoren eine Klausel in den Verträgen, die besagt: Wenn ein Fahrer positiv getestet wird, sind wir komplett raus. Dessen sind sich die Fahrer bewusst.

Also greifen Ihrer Meinung nach die Maßnahmen, die ergriffen wurden?
Ich vergleiche das Doping, das in den 50er und 60er Jahren ja noch gar nicht verboten war, manchmal mit der Steuerhinterziehung. Da wurde früher auch am Stammtisch ganz offen drüber geredet. Heute geht das nicht mehr. Heute geht man dafür ins Gefängnis. Die Einstellung zum Doping hat sich bei den aktuellen Fahrern definitiv geändert. Ich denke sogar, dass der Radsport mittlerweile von den ganzen Skandalen der Vergangenheit profitiert. Das Antidopingsystem, das aufgebaut wurde, kostet ja immens viel Geld. Das wäre nicht so, wenn nichts passiert wäre. Ich finde es sehr gut, dass der Weltverband UCI sich nicht mehr selbst kontrolliert – wie es viele Sportverbände weiterhin machen. Ich plädiere dafür, dass die Wada (Anmerk.. der Red.: Welt-Antidopingagentur) in allen olympischen Sportarten die Hoheit über die Kontrollen erhält.

Was wäre, wenn wieder ein bekannter deutscher Fahrer positiv getestet würde?
Das wäre eine absolute Katastrophe. Ein verheerendes Desaster. Die aktuellen Fahrer stehen für den sauberen Radsport. Und sie wissen alle, was da auf dem Spiel steht.

Interview: Jens Greinke

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen