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Umbruch „light“ im DFB-Team Selbstanklage und Tatkraft: Löw knickt nicht ein

Bundestrainer Löw und Teammanager Bierhoff üben bei der WM-Analyse Selbstkritik. 108 Minuten lang stellen sie sich der Öffentlichkeit. Noch 17 WM-Teilnehmer sind beim Neustart dabei, dazu drei Talente. Bayern-Boss Hoeneß sieht „Alarmzeichen“, Müller mahnt zur „Vernunft“.

29.08.2018 21:10
Von Klaus Bergmann und Jens Mende, dpa
WM-Analyse
Bundestrainer Joachim Löw präsentiert bei der Pressekonferenz seine WM-Analyse und benennt den Kader für das Länderspiel gegen Frankreich. Foto: Sven Hoppe

Joachim Löw bekannte sich erst mit großer Demut schuldig für das WM-Debakel, aber die Bewährung als Bundestrainer will er mit großer Tatkraft und auf seine Art nutzen.

„Wir knicken deswegen nicht ein“, sagte der entzauberte Weltmeistercoach in der mit 108 Minuten längsten Pressekonferenz in der Geschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Es gehe ihm „gut“, versicherte der 58-Jährige auf die Frage nach seiner aktuellen Gemütsverfassung. „Oder erwecke ich einen anderen Eindruck?“, sagte Löw irritiert. Nein, er wirkt nicht ausgebrannt und schon gar nicht verunsichert. Löw traut sich zu, das Nationalteam wieder titelfähig zu machen: „Ich freue mich, wenn es endlich wieder losgeht.“

In der Münchner Allianz Arena, wo Löw am 6. September beim Neustart des tief gestürzten DFB-Teams gegen Weltmeister Frankreich gleich „ein klares Zeichen“ setzen will, klang in der WM-Analyse des Cheftrainers sehr viel Selbstkritik an, aber auch eine deutliche Botschaft: Löw bleibt Löw, eine Verwandlung oder totale Kurskorrektur wird es mit ihm und bei ihm nicht geben.

Das verdeutlichte er mit dem Spielerpersonal, mit dem er den Neuanfang in der Nations League gegen die starken Franzosen sowie drei Tage später in Sinsheim den Test gegen Peru angeht. Noch 17 WM-Teilnehmer stehen angeführt von Kapitän Manuel Neuer im 23-Mann-Aufgebot. Als prominenter Ex-Weltmeister wurde nach dem Paukenschlag-Rücktritt von Mesut Özil lediglich Ü-30-Mann Sami Khedira aussortiert. „Ich möchte Platz und Raum schaffen für die eine oder andere Änderung“, sagte Löw.

Die Talente Kai Havertz (Bayer Leverkusen), Thilo Kehrer (Paris Saint-Germain) und Nico Schulz (1899 Hoffenheim) nominierte Löw erstmals. Und die in der WM-Vorbereitung gestrichenen Leroy Sané (Manchester City), Nils Petersen (Freiburg) und Jonathan Tah (Leverkusen) kehren zurück. Für Mario Götze bleibt die Tür vorerst zu. Zudem wird Co-Trainer Thomas Schneider zum Scouting versetzt, Chefscout Urs Siegenthaler rückt weg vom Team.

„Wir müssen den richtigen Mix finden zwischen Erfahrung und jungen, dynamischen, hungrigen Spielern“, betonte Löw. Die Achse der 2014-Weltmeister von Neuer über Boateng, Hummels bis hin zu Kroos und Müller sei auch weiterhin wichtig. „Ich traue unseren Weltmeistern zu, dass sie ihre gewohnte Leistung abrufen - absolut!“

Löw sieht aber nicht nur sich selbst und Teammanager Oliver Bierhoff („Ich werde wieder mehr einfordern“) in der Pflicht, sondern gerade auch die Mannschaft. „Alle spüren eine Jetzt-erst-recht-Stimmung in sich und wollen das Scheitern ausmerzen.“ Frankreich komme gerade recht. „Für uns ist das ein super, top Auftaktgegner“, sagte Löw.

Er hielt eine bemerkenswerte Selbstanklage. „Meine allergrößte Fehleinschätzung war, dass wir mit Ballbesitzfußball durch die WM-Vorrunde kommen. Das war fast schon arrogant. Ich wollte das auf die Spitze treiben und es noch mehr perfektionieren“, gestand er.

Aus seiner tiefgehenden WM-Analyse zieht er zwei zentrale Schlüsse für eine positive Zukunft Richtung EM 2020: „Wir müssen unsere Spielweise adaptieren, wieder eine Ausgewogenheit finden im Spiel.“ Allerdings werde eine von ihm trainierte Mannschaft „niemals ausschließlich defensiv spielen“. Er bleibe seinen Visionen treu.

Zudem müssten Feuer und Leidenschaft im Nationalteam neu entfacht werden. „Wir haben es in Russland nicht geschafft, dass das Feuer eine riesige Flamme wird“, gestand er. Sein Umgang mit den Spielern und deren Führung werde aber weiterhin im Dialog geschehen. „Das war immer mein Weg.“ Aus dem netten Jogi wird kein Diktator.

Darum ist der Bundestrainer auch persönlich schwer enttäuscht von Mesut Özil. Sein Lieblingsschüler reagierte nach seinem krachenden DFB-Rücktritt und Rassismusvorwürfen im Zuge der Erdogan-Affäre nicht auf Löws Versuche der Kontaktaufnahme via Telefon und SMS. Vor und während der WM habe die Sportliche Leitung das Thema „absolut unterschätzt“, räumte Löw ein. „Dieses Thema hat Kraft gekostet, dieses Thema war nervenaufreibend, weil es immer wieder da war.“

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