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„Der Fall des Kaisers“, ARD Wie geht es Franz Beckenbauer?

Ein ARD-Team hat sich auf die Spuren des Kaisers begeben, der unter der WM-Affäre leidet.

Franz Beckenbauer
Der ARD-Film begibt sich 45 Minuten lang auf die Spurensuche nach Franz Beckenbauer. Foto: Imago

Vor einigen Wochen hat die ARD das Porträt „Boris Becker – der Spieler“ gezeigt. Darin stellte Ion Tiriac, der frühere Manager des einstigen Tennis-Stars, den Deutschen ein bemerkenswert schlechtes Zeugnis aus, indem er sinngemäß sagte: Hast du Erfolg, jubeln sie dich hoch; liegst du im Dreck, trampeln sie auf dir herum. Die Karriere von Franz Beckenbauer ist ein weiteres Beispiel für diese Haltung, mag sie nun typisch deutsch sein oder nicht. In nicht mal um Originalität bemühter Doppeldeutigkeit haben Sven Kaulbars und Ole Zeisler ihren Film „Der Fall des Kaisers“ genannt. In den Gesprächen mit verschiedenen Weggefährten des Mannes, der als Spieler wie als Trainer Weltmeister geworden ist, klang Tiriacs Vorwurf ebenfalls des Öfteren an: Erst kann das Podest gar nicht groß genug sein, dann wird das Denkmal gestürzt.

In Zentrum des Films standen natürlich die Rechercheergebnisse zweier Spiegel-Redakteure, die seit einigen Jahren unermüdlich auf der Suche nach jenen ominösen 6,7 Millionen Euro sind, die im Zusammenhang mit dem Austragungsrecht der WM 2006 angeblich eine entscheidende Rolle gespielt haben. Lothar Matthäus, bei der WM 1990 Kapitän in Beckenbauers siegreichem WM-Team, spielte sowohl den vermeintlichen Bestechungsvorgang wie auch die Summe herunter: Im Ausland sei man der Meinung, dass noch nie eine WM so preiswert zu haben gewesen sei. Dank der Spiegel-Journalisten sowie des früheren Sportredakteurs der Frankfurter Rundschau, Harald Stenger, überwog am Ende der Tenor: Hätte Beckenbauer frühzeitig eingestanden, es sei bei der Bewerbung um das spätere „Sommermärchen“ nicht alles mit rechten Dingen zugegangen, hätte dies seinem Image weitaus weniger geschadet als hartnäckige Leugnen oder das in einem Interview zum Ausdruck gebrachte Geständnis, er habe sich nie um Details gekümmert. Marcel Reif, einer der klügsten Köpfe des Landes, wenn es um Fußball geht, sieht die Dinge wie immer differenzierter als andere. Auch wenn er das Jesus-Zitat nicht verwendet hat, so lassen sich seine Ausführungen trotzdem entsprechend zusammenfassen: Der werfe den ersten Stein.

Der Rest des Films entsprach jener Machart, wie Tiriac sie beschrieben hat, weil solche Reportagen stets auf diese Weise gestaltet sind: Natürlich haben auch Kaulbars und Zeisler nicht darauf verzichtet, die glanzvolle Karriere Beckenbauers in all’ ihren Facetten zu beleuchten. Gleichzeitig sorgte ihr Kommentar für eine gewisse Distanz, bei der mitunter auch Ironie durchschimmerte. Während der frühere Bayern-Star Paul Breitner (gemeinsam mit Beckenbauer 1974 Weltmeister geworden) oder Edmund Stoiber, Mitglied des Aufsichtsrat beim FC Bayern, brav ihre Solidaritätsadressen formulierten, passte Sportwissenschaftler Gunter Gebauer den Autoren mit seiner kritischen Position vermutlich weitaus besser ins Konzept; deshalb wirkten die Hinweise auf  die jüngsten Schicksalsschläge in Beckenbauers Leben auch etwas heuchlerisch. Der Kommentar war mitunter ohnehin recht plakativ formuliert.

Diverse Fahrten nach Österreich waren völlig unergiebig, weil der einstige „Kaiser“ alle Interviewanfragen abgelehnt hat. Stattdessen gab es mit Blick auf Beckenbauers Villa („der Kaiserpalast“) in Kitzbühel ein Geplauder mit zufälligen Passanten aus der Nachbarschaft: „Und, ist er hier spazieren gegangen?“ Im Hinblick auf eine etwaige Wahrheitsfindung waren diese Gartenzaungespräche mindestens ebenso hilfreich wie die Befragung einiger Bayern-Fans oder das Interview mit dem Münchener Starkoch Alfons Schuhbeck, einem engen Freund Beckenbauers, dessen Medienschelte („zerstückelt und zerhackt“) Kaulbars und Zeisler allenfalls zur Kenntnis nahmen. Für sie ist „Der Fall Beckenbauer“, wie es mehrfach, hieß ein „Kneifzangenthema“. Ein seltsamer Begriff, der wohl erklären sollte, warum sich beispielsweise Bayern-Präsident Uli Hoeneß oder Altkanzler Gerhard Schröder sich nicht vor der Kamera äußern wollten.

Am Schluss haben sie den Mann, der nach seiner beispiellosen Karriere nun zum „Kneifzangenthema“ geworden ist, doch noch getroffen, zufällig, vor Schuhbecks Lokal. Reden mochte er nicht, aber müde wirkte er, und gebeugter, als man mit 72 Jahren sein muss; erst recht im Vergleich zum gleichaltrigen Jupp Heynckes, der die Bayern gerade von Sieg zu Sieg führt. Ein trauriges Ende, das zu den vielen winterlichen Nebelbildern passte.

 

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