Lade Inhalte...

Marathon Die Hetzjagd

Auf einer Formel-1-Strecke soll der erste Mensch einen Marathon unter zwei Stunden laufen. Olympiasieger Eliud Kipchoge hat es sich fest vorgenommen.

Eliud Kipchoge
Will nach Gold in Rio nun unter zwei Stunden laufen: Eliud Kipchoge. Foto: rtr

D ie markigen Schlagzeilen – sie stehen schon, ehe der Startschuss ertönt. „Mission to Mars“. Oder auch „Breaking 2“. Es sind die Slogans, die der US-Sportartikelriese Nike erfunden hat, um etwas zu erreichen, wovon die Marathon-Welt träumt: Die Bestzeit über die 42,195 Kilometer unter zwei Stunden zu drücken. Dazu soll ein Trio aus Ostafrika auf der Autorennstrecke im italienischen Monza am heutigen Samstag um 5.45 Uhr einem minutiös ausgeklügelten Zeitplan hinterher hecheln. Dabei läuft ganz viel Geld mit: Rund 30 Millionen Dollar flossen in Vorbereitung und Verpflichtung der Protagonisten, zu denen der Olympiasieger von Rio de Janeiro, Eliud Kipchoge, gehört.

Der 32-Jährige, der 2016 in London nur knapp den Weltrekord von 2:02:57 Stunden seines Landsmannes Dennis Kimetto verfehlte und 2015 in Berlin in 2:04:00 Stunden siegte, obwohl im früh die Einlegesohle aus dem Schuh flog, soll jetzt ein Durchschnittstempo von 21 Stundenkilometer durchhalten. Zur Veranschaulichung: Das sind 100 Meter in nur 17 Sekunden – und das 422 Mal. Kann der menschliche Organismus das auf natürlichem Wege leisten? Die Zweifel verstärken sich gerade wieder, weil Rio-Olympiasiegerin Jemima Sumgong kürzlich bei einer Trainingskontrolle mit Epo-Doping aufflog. Pendant Kipchoge versicherte nun eilig, bei ihm sei im Vorbereitungscamp im amerikanischen Oregon alles mit rechten Dingen zu. Er führe ein ganz normales Leben, höre gerne Musik, putze selbst die Toiletten – und: „Wir bekommen ganz normales Essen.“

Die erste Idee hat nach eigenem Bekunden der britische Sportwissenschaftler Yannis Pitsiladis an den weltgrößten Ausrüster herangetragen, der das ausdauernde Projekt dann nach seinen Vorstellungen umsetzte. Dabei wurden 20 Topläufer unter Laborbedingungen getestet – und drei ausgewählt. Neben Kipchoge noch Lelisa Desisa aus Äthiopien und Zersenay Tadese aus Eritrea. Bill Bowermann, Trainer und Mitbegründer von Nike, bemühte die Weisheit: „Der wahre Zweck des Laufens ist nicht, Rennen zu gewinnen, sondern die Grenzen des menschlichen Wesens zu testen.“ Dafür hat der Konzern natürlich einen Wunderschuh mit eigener Karbonplatte entwickelt, der in neue Sphären vordringen soll.

Nicht ganz so euphorisch betrachten die Veranstalter der klassischen Straßenläufe den generalstabsmäßig geplanten Run. „Ich weiß nicht, was das bringen soll – außer einer guten Marketingveranstaltung“, sagt Jo Schindler, Renndirektor beim Frankfurt Marathon, dem ältesten deutschen Stadtmarathon. Dass auf einer Betonpiste für Formel-1-Flitzer Laufgeschichte geschrieben wird statt auf den Asphaltbändern einer Großstadt, sei das Thema am Rande des Frühjahrsklassikers in London gewesen.

Publikum ist in Monza an dem 2400 Meter langen Rundkurs gänzlich ausgeschlossen. Ein Laborversuch tritt anstelle der Volksfeste – und damit hat Schindler ein Problem, der die Rahmenbedingungen als „Quatsch“ bezeichnet. Der Frankfurt-Macher stört sich an der Hetzjagd ohne jede Hemmschwelle, wenn 18 Tempomacher in sechs Dreiergruppen vorweg laufen, ein Führungsfahrzeug den meisten Luftwiderstand nimmt und Motorräder die Getränke reichen. „Das Ganze ist höchst zweifelhaft.“ Auch die lange unklar gehaltene Startzeit – abhängig von den Witterungsbedingungen – sei ein Unding: „Bei uns wird morgens um 10 Uhr angeschossen: Egal, ob es schneit oder die Sonne scheint.“ Ein Weltrekord dürfe aus seiner Sicht von der IAAF, die eigene Beobachter entsendet, nie und nimmer anerkannt werden. „Armin Hary hat man auch nicht auf eine Aschenbahn mit drei Prozent Gefälle geschickt, damit er Weltrekord rennt.“

Die Organisatoren der großen Stadtläufe, die ihr teures Elitefeld oft genug mit der Marschroute nach neuen Bestmarken auf die Strecken schicken, fühlen nicht nur einen Teil des Marathongeists verraten. Sie fürchten auch originär um einen Antrieb ihres Massenbetriebs, obwohl Mark Milde, der Rennleiter in Berlin, gesagt hat: „Der Weltrekord ist gut für unser Renommee. Aber es würde mir nicht das Herz brechen, wenn wie ihn verlören.“ Wirklich nicht?

Als Paul Tergat am 28. September 2003 die Schallmauer von 2:05 Stunden unterbot, sonnte sich der Marathon in der Hauptstadt fortan in einer regelmäßig wiederkehrenden Publicity. Äthiopiens Legende Haile Gebreselassie lief hier zwei Jahre hintereinander (2007 und 2008) Weltrekord. Nun stand die Bestmarke bei 2:03:59 Stunden. 2011 war der Kenianer Patrick Makau noch einmal 21 Sekunden und bald darauf Landsmann Wilson Kipsang weitere 15 Sekunden schneller. In Berlin muss das schnellste Pflaster liegen: Denn auch die aktuell gültige Kimetto-Marke kam 2014 vor der Silhouette am Brandenburger Tor zustande.

Geht es wirklich noch einmal drei Minuten schneller? Bereits 2014 brachte der Laufexperte und Buchautor Herbert Steffny dazu eine interessante Abhandlung heraus. Titel: „Wann laufen Männer Marathon unter 2:00 Stunden?“ Als regelmäßiger Gast im Hochland von Kenia und Äthiopien, wo ein schier unerschöpfliches Reservoir der Hoffnung auf ein besseres Leben hinterher rennt, verknüpfte der frühere Weltklasseläufer Beobachtungen und Praxiserfahrungen mit einer Regressionsanalyse der Jahresweltbestzeiten. Ergebnis: Die Zwei-Stunden-Grenze ist erst 2028 fällig. Einschränkung: „Vergessen wir durch Doping manipulierte Leistungssprünge.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen