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Männer-Sprint Kevin Kranz allein im Ziel

Der Frankfurter Kevin Kranz entthront die deutsche Sprintikone Julian Reus.

Leichtathletik-Meisterschaften
Unbeirrt vorneweg: Kevin Kranz (2.v.l.) läuft locker zum Titel. Foto: dpa

Die einen tippeln wie aufgeregte Rennpferde umher. Andere trommeln sich kurz vor dem Start noch mal auf die Brust oder klatschen mit den Handflächen auf ihre muskulösen Oberschenkel. Die Nervosität vor dem Start ist den Sprintern meist anzusehen. Starr ist nur ihr Blick, der richtet sich nach vorne in jenen schmalen Korridor, den nach 100 Metern eine weiße Ziellinie begrenzt.

Einer bleibt in diesen Momenten der Rituale und Selbstinszenierungen allerdings die Ruhe selbst: Kevin Kranz, 22 Jahre alt und seit Samstag so etwas wie der neue Stern am deutschen Sprinthimmel. Der Frankfurter hockt auf seinem Startblock, verfolgt das hektische Treiben um ihn herum mit fast stoischer Gelassenheit. „So wie immer halt“, wird er ein paar Minuten später den Journalisten erzählen. Ein paar Minuten zuvor war er in 10,28 Sekunden allen davongelaufen. Kevin allein im Ziel. Selbst Dauermeister Julian Reus, fünf Jahre hintereinander der schnellste Deutsche, Rekordhalter obendrein, aber diesmal eben nur Zweiter, erkannte neidlos an: „Er war heute einfach besser.“

Kevin Kranz aus dem Sprintteam Wetzlar ist eher ein Nobody, nur Kennern der deutschen Leichtathletikszene ein Begriff. Einer, dem großes Talent nachgesagt wurde, sicherlich, auf jeden Fall ein Spätstarter, der erst mit 15 Jahren für die Leichtathletik entdeckt worden war, weil er beim Fußball allen davonlief. Als 18-Jähriger rannte er die 100 Meter knapp unter elf Sekunden. Damit gehörte er in Hessen zwar zu den Besten seines Jahrgangs, national reißt man mit solch einer Zeit aber wenig. Dazu plagten den jungen Frankfurter Verletzungsprobleme. An eine große Karriere auf der Tartanbahn glaubte damals niemand mehr. Fast niemand.

Bemerkenswerte Steigerung

David Corell war auf den langen Blonden aufmerksam geworden. Der Landestrainer des Hessischen Leichtathletik-Verbandes erkannte dessen Potenzial, nahm ihn unter seine Fittiche, wie er selbst sagte: „Kevin war ein unentdecktes Talent.“ Eines, das selbst nicht mehr an eine große Sprintlaufbahn glaubte. Was dann passierte, ist bemerkenswert. Unter der Anleitung des Sportwissenschaftlers Corell steigerte sich Kranz in der Folge von Jahr zu Jahr. 2017 stand für ihn eine 10,50 zu Buche, in diesem Jahr lief er bei der Deutschen U23-Meisterschaft bereits 10,24 und erfüllte damit schon früh die Norm für die Heim-EM in Berlin.

Sein Ticket für die Hauptstadt löste Kranz aber erst am Samstag in Nürnberg. Er sei angetreten, um unter die ersten Drei zu kommen, sagte er. Die Zeit war ihm dabei egal. Fokussiert auf sein Ziel, ohne sich dabei zu stressen. „Was er abliefern kann, wenn es darauf ankommt“, sagte Corell, „ist krass“. Dass es für ihn sogar zu Platz eins reichte, verblüffte ihn selbst. Julian Reus, geboren in Hanau und für Erfurt am Start, ist eine Institution im deutschen Sprint. Ihn schlagen zu können, „damit habe ich nicht gerechnet“, sagt Kevin Kranz, der seit nicht ganz einem Jahr ein duales Studium in der Sportfördergruppe der Polizei absolviert. Das Sprintteam Wetzlar bietet ihm darüber hinaus ein professionelles Umfeld. Seit knapp zwei Jahren gibt es den Verein, der es sich zur Aufgabe gestellt hat, die besten hessischen Sprinter in seinen Reihen zu vereinen. Auch Michael Pohl, in Nürnberg Vierter und seit diesem Frühjahr hessischer Rekordhalter (10,22), gehört zur Frankfurter Trainingsgruppe.

Eigentlich wäre die Saison für Kevin Kranz nach der DM in Nürnberg vorbei gewesen. „Jetzt trainiere ich halt noch ein bisschen weiter.“ Die EM sei ein schöner Zusatz, sagte er in der Mixedzone. Er freue sich mega darauf, ohne dabei emotionalisiert zu klingen. Auch nach dem Rennen bleibt er ganz bei sich. Nur keinen Stress. Wohin ihn diese Coolness noch führen kann, werden wir vielleicht schon bei den kontinentalen Titelkämpfen sehen.

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