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Leichtathletik-WM Zu kurz gesprungen

Es ist nicht Aufgabe des Staates, Sportlern ihren persönlichen olympischen Traum zu erfüllen. Ein Kommentar.

Matthias Bühler
Matthias Bühlers Klage beruht auf einem Missverständnis. Foto: dpa

Jetzt wird wieder kräftig gejammert. Es sind mal wieder Leichtathletik-Weltmeisterschaften, und die Deutschen laufen langsamer, springen niedriger und ja, schleudern sogar ihre Disken weniger weit als die Konkurrenz. Bevor es ins Schlusswochenende geht, liegt die Medaillenausbeute auf dem Niveau von den Bahamas, Kolumbien und Marokko. Grund zur Klage also für die Geldgeber und Freunde der olympischen Kernsportart.

Am Samstag können die Speerwerfer die Bilanz zwar noch vergolden, wie es in der Vergangenheit zuverlässig die Brüder Robert und Christoph Harting mit dem Diskus getan haben. Vielleicht schafft auch die 4x100-Meter-Staffel der Frauen eine erneute Sensation wie bei den World Relays im April. Aber den Beleg für ein funktionierendes Sportfördersystem werden sie damit nicht liefern. Das Lamento von Hürdensprinter Matthias Bühler nach seinem Halbfinal-Aus hallt nach: Hart sei es für deutsche Leistungssportler, ihre Karrieren zu finanzieren. Zu leben gar. Der Staat müsse die Unterstützung ausweiten.

Die Krux ist, dass beide Sichtweisen – die der geldgebenden Medaillenforderer und die der medaillengebenden Geldforderer – nachvollziehbar sind. Und dennoch falsch. Denn zum einen basiert es auf einem weit verbreiteten Irrtum, wenn von den Athleten unbedingter Erfolg eingefordert wird. Medaillen sind entgegen der Überzeugung mancher Funktionäre und Politiker nicht planbar. Zum anderen beruht Bühlers Klage ebenfalls auf einem großen Missverständnis. Schließlich schindet sich der Hürdensprinter im täglichen Training nicht für die Glorie der Nation, sondern aus persönlichem Ehrgeiz. 

Deshalb ist es übrigens auch nicht angebracht davon zu sprechen, dass Leistungssportler ihre Jugend opfern. Das ist ja das Schöne an dem deutschen Vereinswesen: Niemand wird in früher Kindheit in eine Disziplin gepresst.

Vorbild Großbritannien

Keine Frage, das Sportfördersystem in Deutschland hat eklatante Schwächen, in der Leichtathletik treten sie offen zutage. Talente gibt es nämlich zuhauf. Seit Jahren räumen die Deutschen bei den internationalen Nachwuchsmeisterschaften der 18- bis 23-Jährigen Edelmetall ab – und verlieren dann den Anschluss an die Weltspitze oder beenden die junge Karriere. In der Altersgruppe von 27 bis 40 Jahren hat der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) in den vergangenen 15 Jahren einen Mitgliederschwund von 44 Prozent. In einem Altersbereich also, in dem die besten Athletenjahre liegen, und gleichzeitig die berufliche Orientierung wichtiger wird als sportliche Höchstleitung.

Meinte man es ernst mit der staatlichen Unterstützung, müsste ein medaillenunabhängiges Grundeinkommen nach dem Schulabschluss her. Und zwar nicht nur für die vermeintlichen Olympiasieger der Zukunft, sondern breiter gestreut, um auf nationaler Ebene ein ordentliches Niveau zu sichern. Das bisherige System mit Sportsoldaten und Polizisten ist halbherzig. Zudem müssten Sportler im Verletzungsfall finanziell aufgefangen werden. 

Doch wer mehr Geld vom Staat will, muss die Konsequenzen tragen. Wie schlimm es sein kann, wenn Sportler zu Objekten werden, die allein der Steigerung der nationalen Reputation dienen, hat sich beidseits der Mauer im geteilten Deutschland gezeigt. Aufgabe der individuellen Freiheiten, Gesundheitsgefährdung, Opferrolle.

Als Vorbild gilt derzeit Großbritannien, das Zauberwort heißt Potenzialanalyse, das Mittel der Wahl: Zentralisierung. Dank strenger Auslese steigerten die Briten ihre olympische Medaillenausbeute von 15 (1996) auf 67 (2016). Kosten pro Medaille in einem olympischen Vierjahreszyklus: Sechs Millionen Euro. Ist es das Geld wert? Zumal die erhoffte gesundheitliche Sogwirkung ausbleibt. Britische Kinder werden trotzdem dicker. Wäre es nicht besser, Vereinen den Zugang zu Schulen und Universitäten zu erleichtern, und Sportler im heimischen Umfeld zu belassen, wo sie als lokale Identifikationsfiguren fungieren, anstatt sie in ein paar wenigen Stützpunkten zu kasernieren?

Es ist nicht Aufgabe des Staates, Sportlern ihren persönlichen olympischen Traum zu erfüllen. Im Vergleich mit anderen Nationen mag das ungerecht erscheinen. Es gibt den Athleten jedoch die Freiheit, medaillenlos von einer WM heimzureisen und sich trotzdem als Sieger zu fühlen.

Leichtathletik ist die Urform des Höher, Schneller, Weiter. Nicht zu verwechseln mit: am höchsten, am schnellsten, am weitesten. Herauszufinden, was der Körper zu leisten imstande ist, sich seiner selbst bewusst werden, das ist ein großer Erfolg. Und wenn es nur beim Bezirkssportfest ist.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Leichtathletik-WM London

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