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Gina Lückenkemper Gina Lückenkemper schnellste deutsche Frau

Die 100-Meter-Siegerin Gina Lückenkemper könnte zum neuen Gesicht der deutschen Leichtathletik werden.

Leichtathletik-Meisterschaften
Frech und fröhlich: Gina Lückenkemper. Foto: dpa

Die anderen Athleten hatten das Max-Morlock-Stadion schon längst verlassen, da war Gina Lückenkemper erst mit dem Verteilen von Autogrammen fertig geworden und hängte noch einen kleinen Videodreh in den Katakomben an. Die schnellste deutsche Frau plauderte darüber, wie die Nähe ihres Pferds Picasso ihre Kopfschmerzen verschwinden lässt. Dass sie eine Niete im Basketball ist. Sie scherzte, hüpfte, zog Grimassen. Für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) ist die 21-Jährige ein Geschenk. Eine, die dem Sport im Jahr der Heim-Europameisterschaft in Berlin einen Wiedererkennungswert verleiht und die Leichtathletik für Jahre im öffentlichen Interesse halten könnte. So wie es der Diskus-Olympiasieger Robert Harting lange getan hat.

In Nürnberg hat die Sprinterin vom TSV Bayer 04 Leverkusen ihren nationalen Meistertitel über 100 Meter verteidigt. Vorlauf und Halbfinale ohne Anstrengung, souveräner Endlaufsieg in 11,15 Sekunden. Bei nicht leistungsfördernden Bedingungen, zu kühl war es. Herausragende Leistungen sind die Grundlage dafür, einen Sport zu prägen. Lückenkemper lieferte diese im vergangenen Jahr, als sie die 100 Meter schneller als elf Sekunden sprintete, als erste Deutsche seit 26 Jahren.

Aber das ist nicht der einzige Grund, warum sie in Nürnberg von den Zuschauern so begeistert begrüßt wurde. Vor der Deutschen Meisterschaft hatte sie mitgeteilt, sich „wie Hulk“ zu fühlen. Sie lacht und quasselt frei von der Leber, wenn andere sich hinter Phrasen verstecken. Dieses frech-fröhliche Auftreten macht sie für den DLV so wertvoll. „Im Moment sticht Gina durch ihre Art deutlich raus“, sagt Chefbundestrainer Idriss Gonschinska.

Sie leckt an Batterien

Wobei es bei der DM nicht so wie in den Verena-Sailer-Jahren häufig war, dass die Dominanz der einen auch die Schwäche der anderen offenbarte. Lückenkemper ist die Beste von einer außergewöhnlich schnellen Gruppe junger Sprinterinnen. Bei der EM wird die 4x100-Meter-Staffel mit Tatjana Pinto, 26, der DM-Dritten Rebekka Haase, 25, und der DM-Zweiten aus Berlin, Lisa Marie Kwayie, 21, um den Titel laufen. „Gina hat mit den elf Sekunden eine Schallmauer durchbrochen und ich bin überzeugt, dass die eine oder andere Athletin, das auch noch schafft“, sagt Gonschinska. Keshia Kwadwo, 19, und Jennifer Montag, 20, haben auch schon auf sich aufmerksam gemacht, Olympiateilnehmerin Lisa Mayer, 21, ist verletzt.

Vor ein paar Jahren, als es nicht so gut um den deutschen Sprint stand, hat Gonschinska zusammen mit Sprinttrainer Ronald Stein Konzept, Philosophie und Technik überdacht. Analysiert, was der Unterschied zwischen den Topathleten in der Welt und den Deutschen ist. Die Trainingsinhalte individuell angepasst, Anforderungsprofile für alle Athleten entwickelt. „Wir haben im Moment hochtalentierte Sprinterinnen und ein Trainerteam, die intensiv miteinander arbeiten“, freut sich der Bundestrainer nun. Lückenkemper ragt dennoch heraus. Sie liefert die Geschichten, über die geredet wird. Sie ist die mit der Batterie. Nach ihrem 10,95-Sekunden-Sprint bei der WM 2017 verriet sie, dass sie vor einem Rennen an einer Neun-Volt-Batterie leckt.

Im Winter ist sie nach zwei Jahren bei der LG Olympia Dortmund zu Bayer Leverkusen gewechselt, ihr Trainer Uli Kunst betreut sie aber weiterhin, und auch die Arbeit mit Neuro-Athletiktrainer Lars Lienhard führt sie weiter. Das ist der Mann mit der Batterie-Idee, und im Mai gelang ihm im Kampf gegen Lückenkempers größte Schwäche – den langsamen Start – ein Durchbruch. „Wir haben einen Weg gefunden, mein Gehirn auszuschalten“, erklärt die Sprinterin, „ganz viele Leute unterschätzen die mentale Belastung.“ Auch wenn sie in Nürnberg mit der ersten Rennhälfte nicht zufrieden war, war ihr Sieg ungefährdet. Jetzt will sie bei der EM in Berlin eine Einzel- und eine Staffelmedaille.

Lückenkemper als Wegbereiterin, Lückenkemper als Kämpferin für die Leichtathletik. Robert Harting, 33, der diese Rolle so lange innehatte und sich in diesem Sommer verabschiedet, hat die Thronfolge schon geregelt. „Gina ist sehr authentisch. Das hat der Leichtathletik sehr lange Zeit gefehlt“, sagte der 33-Jährige vor knapp zwei Monaten über die neben ihm sitzende Sprinterin. Die gab sich bescheiden. „Die Nachfolge wäre zu früh für mich. Für so eine große Aufgabe ist mein Kopf nicht bereit“, antwortete sie.

Dabei hat sie das Schicksal ihres Sports als Ganzes längst im Blick. Dass Leichtathleten bitte schön mehr olympische Medaillen gewinnen sollen, aber mit weniger Geld gefördert werden, ärgert sie. Und das hat sie auch schon mehrfach kundgetan. Denn Furcht davor, Kritik auszusprechen hat sie keine.

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