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Diskuswerfen Hartings Risiko wird belohnt

Nach der erfolgreichen EM-Qualifikation fällt eine Riesenlast von Diskuswerfer Robert Harting ab.

Leichtathletik-Meisterschaften
Robert Harting landete in Nürnberg mit 63,92 Metern auf Rang drei. Foto: dpa

Robert Harting hat mal wieder etwas für die Leichtathletik getan, wobei das bei der Deutschen Meisterschaft im Max-Morlock-Stadion nicht seine Absicht war. Der 33-Jährige hat gezeigt, wie spannend sein Sport sein kann. Nicht aufgrund einer pyrotechnischen Inszenierung, sondern allein über die inhaltliche Attraktion. „Oder“, so drückt er es selbst aus, „über fehlende Leistungsfähigkeit.“

Es war ein Krimi, der sich in Nürnberg zugetragen hat. Er endete mit der Bronzemedaille für den Olympiasieger von 2012. Ein dritter Platz bei einer DM, deutlich distanziert von seinem jüngeren Bruder Christoph, 27, der gleich im ersten Durchgang den Diskus 66,98 Meter weit warf und dann von Kopfschmerzen geplagt den Ring nicht mehr betrat.

Der erste Versuch von Robert Harting hingegen war ungültig und die Konkurrenz legte vor. Es stand also schlecht um die Realisierung des letzten sportlichen Traums, zum Abschluss der Karriere noch mal in dem Stadion um internationale Ehren werfen, wo er sich 2009 zum Weltmeister krönte. Zu Hause in Berlin.

Fünf Athleten hatten vor der DM die EM-Norm (64 Meter) erfüllt, neben dem bereits nominierten Olympiasieger Christoph Harting dürfen aber nur zwei weitere starten, und Robert Harting ist – auch nach dem Kräftemessen in Nürnberg – der Schlechteste des Quintetts. Aber das Bundestrainerteam hatte vorab erklärt, dass die beiden neben Christoph Harting Bestplatzierten zur Nominierung vorgeschlagen werden.

Großer Nominierungsstress

Robert Harting mit seinem mit Kortison betäubten Sehne im Knie, die den Dienst schon vor Monaten quittiert hat, war unter Druck. Er konterte im zweiten Versuch, war Zweiter – und wurde überholt. Ein Ringen um Zentimeter. „Ich kann mehr, mein Leistungsvermögen ist höher“, wird er später sagen. Aber der Nominierungsstress hat ihn Energie gekostet. Mit seiner Tagesbestweite (63,92 Meter) im dritten Durchgang schob er sich wieder hinter den Bruder. Die Zuschauer feuerten den Berliner an. Sein Wirken für die Leichtathletik, die kritischen Worte, der Einsatz außerhalb des Wurfrings, wird honoriert.

Letztlich hat sich Robert Harting ja durch seine Erfolge und sein Auftreten ja die Erfüllung der finalen Sehnsucht selbst verkompliziert. Die Leistungsdichte im Diskuswurf ist so hoch wie lange nicht, weil er über Jahre als Vorbild und Ansporn für die Konkurrenz gewirkt hat. Im fünften Versuch schleuderte der Olympiadritte von 2016, Daniel Jasinski, 28, seinen Diskus auf 64,82 Meter. „Ich versuche seit einiger Zeit, die Hartings vom Thron zu stoßen“, verriet er dann dem Stadionsprecher. Zumindest der ältere der beiden konnte diesmal nicht nachlegen. Martin Wierig, 31, Hartings größter verbliebener EM-Konkurrent, auch nicht.

Dass es Hartings erste Bronzeplakette seiner Karriere überhaupt war, auch international ließ er sich meist Gold, seltener Silber umhängen, hilft bei der Einordnung. Doch obwohl nicht mal die Weite überzeugte, dürfte dieses späte Medaillendebüt wohl reichen, um bei der Europameisterschaft dabei zu sein. „Das Trainerteam Wurf hat Christoph, Daniel und Robert zur Nominierung vorgeschlagen“, sagte Chefbundestrainer Idriss Gonschinska. Es ist nicht zu erwarten, dass das Entscheidungsgremium am heutigen Montag dem Ansinnen nicht folgen wird, obwohl Wierigs Saisonbestweite knapp zwei Meter weiter ist als die von Harting. In Nürnberg im direkten Vergleich fehlten ihm 20 Zentimeter. Verkündet wird die Nominierung am Mittwoch.

„Es ist das schlimmste Jahr meiner Karriere vom Aufwand her“, sagt Harting, nachdem die Anspannung des Ausscheidungsduells von dem mächtigen Körper abgefallen war. In blauen Shorts und grauem T-Shirt mit aufgedruckten roten Schuhkartons saß er da.

„Ich bin auch ein bisschen traurig. Mein Trainer muss so viel entscheiden und so viele Launen aushalten“, fügt er an. Ob es sich wirklich lohnt den durch den Leistungssport so geschundenen Körper für diesen letzten Medaillenkampf im Olympiastadion so zu malträtieren? „Das Verhältnis ist abartig unausgeglichen“, antwortet er.

Das Gefühl, dass nicht automatisch um den Sieg zu konkurrieren, wenn bei ihm alles den Umständen entsprechend perfekt zusammenpasst, ist ungewohnt für ihn. „Es ist generell sehr unangenehm, sich im Wettkampf zu befinden und nicht alles unter Kontrolle zu haben“, sagt er. Ein letztes bisschen Kontrolle aber haben sich sein Trainer und er erpokert. „Wir sind mit der Form sehr ins Risiko gegangen. Wir haben nicht so antrainiert, dass wir hier in Nürnberg alles zeigen, was wir können.“

Um 20 Zentimeter wäre das schiefgegangen, nun will das Duo die kleinen Reserven in den zwei Wochen bis zur EM heben. Und bei all den Qualen bereitet ihm das nach all den Jahren doch eine besondere Freude. „Erfolg ist zwar cool, aber es ist viel geiler, wenn man mittendrin ist und dann was erreicht, als wenn man immer vorne ist“, sagt Robert Harting.

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