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Christina Schwanitz Christina Schwanitz, Planmensch

Kugelstoßerin Christina Schwanitz strebt nach der Geburt der Zwillinge ihren dritten EM-Titel an. „Es war ein Jahr mit viel Verantwortung, Kompromissen und Heimweh.“

Christina Schwanitz
Kugelstoßen vor der Kirche: Christina Schwanitz wird auf dem Nürnberger Hauptmarkt Deutsche Meisterin. Foto: Imago

Sie mussten dann doch mit ins Olympiastadion, die Krümmel. So nennt Christina Schwanitz ihre Zwillinge, ein Mädchen und einen Jungen. Seit Juli 2017 ist die Kugelstoßerin Mutter. Tja, und jetzt bei der Europameisterschaft in Berlin sind eben alle Freunde und Verwandte als Zuschauer dabei. Sie fallen als Babysitter also aus. Die Kleinen verhielten sich an der Seite ihres Vaters brav auf der Tribüne. „Sie waren still“, so viel hat Schwanitz mitbekommen. Mehr aber auch nicht. Die 32-Jährige will es so, in den Vorbereitungstagen auf die EM und nun in ihren zwei Wettkampftagen ist sie von ihren Kindern getrennt. „In dem Moment wäre ich eine schlechte Mutter, weil ich mich nicht kümmern kann. Ich will die Kugel weit stoßen“, sagt sie. In der Qualifikation am Dienstagvormittag gelang ihr das schon mal gut. 18,83 Meter im ersten Versuch, die Finalqualifikation war geschafft.

Christina Schwanitz will in Berlin ihren EM-Titel von 2014 und 2016 verteidigen, zwischendurch wurde sie auch Weltmeisterin (2015). Aber so logisch und einfach wie es die vergangenen Erfolge erscheinen lassen, ist die nun angestrebte Wiederholung nicht. Die Pause durch die Schwangerschaft, die Rückkehr in den Leistungssport, gleichbedeutend mit der wiederkehrenden Trennung von der Familie, und dann vor zwei Wochen – als sie bei der Deutschen Meisterschaft gerade Topform erreicht hatte – der Autounfall auf dem Weg von Chemnitz zum Aktuellen Sportstudio in Mainz: „Es war ein Jahr mit viel Verantwortung, vielen Kompromissen und viel Heimweh“, sagt Schwanitz. 

Wie schnell im Wettkampf trotz bester Form alles verloren sein kann, erfuhren am Dienstag Olympiasieger Christoph Harting und Titelverteidiger Piotr Malachowski im Diskus schmerzlich, die mit drei ungültigen Versuchen in der Qualifikation verabschiedeten. Auch Kevin Mayer, der große Favorit im Zehnkampf musste nach drei missglückten Weitsprüngen aufgeben. Schwanitz hingegen setzte ihre Routine ein, um die Schwierigkeiten zu überwinden, vor die sie durch die nigelnagelneuen Kugeln gestellt worden war. Deren Glätte minderte die Kontrollierbarkeit des Stoßes. Aber für jede Teilnehmerin, und so quittierte Schwanitz das mit einem Schulterzucken und der Vorkampfbestweite. Sie sagt: „Ich hoffe, dass wir im Finale angenehmere Kugeln haben.“ Auch Alina Kenzel und Sara Gambetta erreichten das Finale am Mittwoch (20.09 Uhr). „Es ist schwieriger, gejagt zu werden, als selbst zu jagen“, sagt Schwanitz. Sie ist die einzige Europäerin, die in diesem Jahr die 20 Meter übertroffen hat. Bei der DM.

Drei Tage hat sie nach dem Unfall auf der Autobahn pausiert, um sich von dem Schock zu erholen. Als sie dann wieder ins Training einstieg, fiel sie beim Angleiten um. „Sobald ich eine Rückwärtsbewegung gemacht habe, hat das Gleichgewichtsorgan gesagt: nee, Error.“ Schwanitz war auf ein fahrendes Auto aufgefahren, „mit Schwung“, wie sie selbst sagt. An jenem Tag hat sie vielleicht zu viel des Guten gewollt, da sie niemandem zur Last fallen wollte. Ihr Mann, war auf Dienstreise und ihre Mutter, die aus Baden-Württemberg zum Kinderhüten gekommen war, musste am nächste Morgen zurück. Also war die nächtliche Heimkehr nach dem Fernsehauftritt unumgänglich, und das wollte Schwanitz einem Fahrer nicht zumuten. Geknallt hat es dann schon auf dem Hinweg. „Ich könnte sagen: Ich hatte einen Autounfall, ich kann nicht weit stoßen“, sagt Schwanitz, „das ist aber doof.“

Der Pragmatismus hilft ihr, den Fokus nicht zu verlieren. Die Kugelstoßerin, die sich selbst als „ziemlichen Planmenschen“ charakterisiert, konzentriert sich auf ihren Sport, ihren Beruf. Alles andere wird ausgeblendet. „Ich habe im Wettkampf auch keine Kinder. Dabei sind die das wichtigste in meinem Leben. Das muss weg. Ich erwarte das von mir, weil ich Profi sein will“, sagt sie. „Ich liebe meine Kinder und meinen Mann über alles. In diesen Sekunden darf mich das in meinem Handeln aber nicht beeinflussen.“

Zuhause kämpft sie mit den gleichen Problemen wie alle Eltern. „Wenn die zwei jetzt ihren eigenen Kopf entwickeln, man eigentlich essen möchte, das eine Kind aber ins Bad krabbelt und das andere auf dem Weg zur Treppe ist, wird es manchmal ein bisschen heikel“, erzählt sie. Dann bricht das für sie typische schallende Lachen aus ihr. „Ich habe in der Schwangerschaft nicht mehr Arme bekommen. Also, nur in mir, nicht an mir“, sagt sie. 

Schwanitz erzählt gerne, was sie denkt, macht und fühlt. Aber sie setzt auch Grenzen. Die Namen der Kinder verrät sie nicht, das Fernsehen soll ihre Gesichter nicht zeigen. Schließlich hätten sich die beiden die Öffentlichkeit nicht ausgesucht. Daher nennt sie sie „Krümel“ wegen der Schwiegermutter aus NRW, die sich so immer nach dem Nachwuchs erkundigt. „Ich bin ein Mensch, der sein Privatleben und Beruf trennt. Das ist in so einer Situation wie jetzt Gold wert. Vielleicht im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt Schwanitz. Wenn die Familie am Mittwochabend während des Finales erneut in der Kurve hinter dem Kugelstoßring sitzt, wird es wieder egal sein, ob die Krümel quengeln oder still sind. 

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