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Leben als Küchenhilfe Zodwas Traum

Dies ist die Geschichte von Zodwa Ndlovu. Sie bringt uns jeden Tag das Mittagessen. Es ist die Geschichte eines Lebens fern von Mutter und Tochter. Von Jan Christian Müller

28.06.2010 00:06
Jan Christian Müller

Dies ist die Geschichte von Zodwa Ndlovu. Sie bringt uns jeden Tag das Mittagessen. Sandwiches mit Huhn oder Wraps mit Rindfleisch oder einen gemischten Salat für 80 Rand. Sie selbst kann so einen Snack für zwischendurch niemals bezahlen. 95 Rand ist ihr Tageslohn, umgerechnet elf Euro. Aber so viel Geld gibt es nur dann, wenn Arbeit für sie da ist.

Im südafrikanischen Winter gibt es oft nur fünf Tage im Monat Arbeit, wenn hier in der Rhuslancea-Lodge eine Hochzeit stattfindet oder ein Seminar. Das sind dann 475 Rand im Monat für Zodwa. Deshalb ist sie froh, dass zwölf deutsche Sportreporter 35 Tage lang bleiben. So bleibt etwas übrig für ihre Mutter und ihre siebenjährige Tochter. Die leben in der Nähe von Gwanda in Simbabwe auf dem Land. Weit, weit weg von hier.

Zodwa Ndlovu hat ihre kleine Michelle seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Da war sie zwei Wochen zu Besuch. Vor dreieinhalb Jahren hat sie ihr Dorf, ihre Mutter, ihren Bruder und ihre Tochter verlassen. Es war ein trauriger Tag. "Mein Bruder und meine Mutter wollten nicht ,Good bye´ sagen, sie konnten das nicht."

Abends um sechs wurde Zodwa von einem Schlepper abgeholt und in der Nacht über den Fluss nach Südafrika gebracht. Ihre Mutter hat eine der beiden Kühe verkauft, um den Mann zu bezahlen. "Ich hatte keine Wahl, es gab keine Arbeit für mich in Simbabwe", erzählt Zodwa, "weil ich keine gute Ausbildung habe". Ihr Vater ist verstorben, als sie sechs Jahre alt war. Jetzt ist sie 24.

Manchmal sehen wir Zodwa Ndlovu mit traurigen Augen in der Ecke stehen. Sie sagt, sie vermisse ihre Tochter und ihre Mutter. "Mein Traum ist es, mit ihnen zusammenzuleben." Sie fragt sich, warum sie dieses Leben leben muss. "Warum geht es anderen viel besser, obwohl die nicht besser sind als ich?"

Bestimmt denkt sie dabei auch an uns: Jeder mit Kreditkarte in der Tasche, zwei Handys auf dem Tisch, ein Laptop daneben und Kopfhörer zum Skypen auf den Ohren. Sie lebt mit einer Freundin nicht weit von hier in einem Zimmer. Fließendes Wasser und Toilette auf der anderen Straßenseite. 650 Rand Monatsmiete. Abends schauen die beiden am liebsten Action-Filme auf ihrem kleinen Fernseher. Im Kino war Zodwa noch nie.

Ihre Mutter baut daheim Mais an, wie sie es schon immer getan hat auf dem Feld. Sie ist 62 Jahre alt und hat noch vier weitere Töchter, alle verheiratet aus dem Haus, und den Sohn. Zodwa, die Jüngste, erinnert sich: "Wir haben den Mais gegen Zucker getauscht oder gegen Öl zum Kochen und Braten, und oft haben wir nur Haferbrei gehabt zum Essen." Wann immer jetzt Geld übrig bleibt, kauft sie Kleidung und Reis und schickt das in die Heimat. Sie bringt die Pakete für Mutter und Tochter in Johannesburg zum Bus und zahlt dem Fahrer 200 Rand für den Transport.

Und manchmal näht sie heimlich Geld in die Hosen von Michelle. Weil der Busfahrer sonst eine Provision für den Geldtransport verlangen würde. "Michelle mag keine Röcke oder Kleider, sie trägt nur Hosen, am liebsten Jeans", erzählt Zodwa, und manchmal, ganz kurz nur, huscht ein versonnenes Lächeln über ihr Gesicht. Neulich hat sie einen Sonnenhut mit eingepackt, weil Michelle sich das so gewünscht hatte am Telefon.

Wenn die Fußball-Weltmeisterschaft vorbei ist in Südafrika, fürchtet Zodwa, "werden sie uns hier nicht mehr wollen, weil wir ihnen die Arbeit wegnehmen". Aber so lange Robert Mugabe Präsident in Simbabwe ist, sieht sie dort keine Zukunft. Sie hofft, dass ihre Tochter eine bessere Schulbildung bekommt als sie und vielleicht auch, dass sie selber sich noch weiterbilden kann für "business". Aber sie weiß nicht, wie das gehen soll.

Am Ende, als sie zurück zur Arbeit muss und sich fürs Foto noch auf der Terrasse an einen Holzpfeiler stellt, sagt sie: "Du bist der Erste, der jemals etwas von meinem Leben wissen wollte."

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