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Kommentar Handball Abflug ins Aus

Ein zweites Wintermärchen der Handballer ist in Planung. Für etwas mehr als zwei Wochen wollen die Handwerker jedenfalls aus dem riesigen Schatten des großen Bruders Fußball treten. Ein Kommentar.

Tobias Reichmann
Tobias Reichmann: Abschied durch die Vordertür. Foto: dpa

Es ist genau drei Jahre her, damals in Polen, als die deutschen Handballer alle überraschten, im finalen Spiel gar den turmhohen Favoriten Spanien aus dem Weg räumten und als Europameister heimkehrten. Eine wunderschöne Geschichte, in der Tobias Reichmann, der flinke Rechtsaußen, sein ganz eigenes Kapitel schrieb. Mit seinen 46 Treffern hatte der damals 27 Jahre alte Gastarbeiter (er spielte seinerzeit für den polnischen Spitzenklub KS Kielce) maßgeblichen Anteil am Turniererfolg - persönlich belohnt mit der Nominierung ins All-Star-Team der kontinentalen Titelspiele. Tobias Reichmann wähnte sich seinerzeit im Handballolymp, 2016 war das . Für solche Spieler wurde einst das Prädikat Weltklasse erfunden.

Im Januar 2019 ist all das aber nichts mehr wert. Reichmann ziert mittlerweile das Preisschild eines Ausgemusterten. Bundestrainer Christian Prokop strich den mittlerweile für den nordhessischen Bundesligisten MT Melsungen spielenden Profi aus seinem 16er-Kader. Eine Entscheidung, die nicht jeder nachvollziehen konnte, schon gar nicht der Betroffene selbst. Denn anstatt sich im Falle eines Falles bereitzuhalten für den Notfall – Prokop darf während der WM drei Spieler nachnominieren –, verabschiedete sich Reichmann durch die Vordertür – öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt. „Ich bin dann mal weg. Wieso, weiß ich gar nicht genau... Ahhh, doch... Spontanurlaub“, schrieb Reichmann vor seinem Abflug ins sonnige Florida auf Instagram und postete ein Bild von sich am Flughafen, versehen mit dem Hashtag “#sorrynotsorry“. Am Donnerstag legte er mit einem Foto vom nächtlichen Orlando nach: „Berlin äähhh Orlando by night“, schrieb er. Ein weiteres Selfie kommentierte Reichmann mit der Botschaft „Tschausen ihr Banausen“ - und sorgte damit wenige Stunden vor dem Eröffnungsspiel seiner (ehemaligen) Nationalmannschaftskollegen gegen Korea für reichlich Wirbel. 

Seit Wochen, nein, Monaten, rühren die Verantwortlichen des Deutschen Handball-Bundes nun schon die Werbetrommel für die Heim-WM – Deutschland einig Handballland lautet das gemeinsame Ziel. Ein zweites Wintermärchen ist zumindest in Planung. Für etwas mehr als zwei Wochen wollen die Handwerker jedenfalls aus dem riesigen Schatten des großen Bruders Fußball treten. Da erscheint es nur logisch und konsequent, wenn Reichmanns Fauxpas von den Offiziellen so klein wie möglich geredet wird. Intern dürfte der Duktus ein anderer sein. 

Bei allem Verständnis für Reichmanns Enttäuschung, so darf sich ein Berufssportler nicht verhalten. Und wenn doch, hat er die Konsequenzen seines Handelns selbst zu tragen. Für Trainerikone Heiner Brand ist die Sache klar: „Die Spieler, die unter mir gespielt haben, die wissen, wie ich reagiert hätte“, sagte der Weltmeister von 1978 und 2007 dem Sportinformationsdienst. Mit anderen Worten: Reichmann wäre endgültig raus, seine Nationalmannschaftskarriere damit beendet. Nun ist es aber an Christian Prokop, eine Entscheidung zu treffen. Das Dilemma des Bundestrainers: Tobias Reichmann ist die einzige personelle Alternative im erweiterten 28er-Kader zu Rechtsaußen Patrick Groetzki. Sollte der sich verletzen, wäre Reichmann – normalerweise – erste Wahl. Auch deshalb lässt sich der Cheftrainer nicht locken. Nach der WM bliebe immer noch genügend Zeit, um in der Causa Reichmann Klartext zu reden. 

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