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Handball-EM Weinhold, der leise Anführer

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft kämpft nach dem Sieg gegen Ungarn um den Einzug ins Halbfinale. Zum Erfolg trägt auch Kapitän und Rückraumwühler Steffen Weinhold bei, der flache Hierarchien und unermüdlichen Einsatz steht.

Geht dorthin, wo es wehtut: Kapitän Steffen Weinhold. Foto: dpa

Eigentlich braucht er die Binde gar nicht. Natürlich, sagt Steffen Weinhold, sei es eine große Ehre, die besten deutschen Handballer als Kapitän durch die EM in Polen führen zu dürfen. Aber gehört haben die Kollegen auch vorher schon auf ihn. Nun, da Uwe Gensheimer vor dem Turnier verletzt ausgefallen war, rückt eben der bisherige Co-Captain nach. Für Bundestrainer Dagur Sigurdsson eine logische Entscheidung. Einer wie Weinhold erfüllt das Anforderungsprofil perfekt. „Der beste Kapitän ist der, den man nicht merkt“, sagt der Isländer.

Der 29 Jahre alte Linkshänder vom THW Kiel besitzt eine natürliche Autorität und steht für flache Hierarchien. „Jeder hat seine Rolle im Team, jeder weiß, was zu tun ist“, sagt er. Es sind nur Kleinigkeiten, die er anspricht. Ein Tipp hier, ein Hinweis dort. Alles „ruhig und sachlich, das ist auch am Zielführendsten“. Einen Unterschied zu früher gebe es allerdings, sagt er grinsend: „Ich verbringe mehr Zeit mit euch Journalisten.“

Steffen Weinhold ist ein gefragter Mann in Polen. Die Mixed-Zone, dort, wo Spieler und Medien nach einem Spiel aufeinandertreffen, verlässt er meist als Letzter. Dabei ist er alles andere als ein Lautsprecher, hält keine großen Reden. Er gefällt sich vielmehr in der Rolle des leisen Anführers, lebt den Teamgedanken. In dieser Mannschaft, mit einem Durchschnittsalter von nicht einmal 25 Jahren die jüngste bei der Europameisterschaft, gibt es keine Stars. Sie funktioniert im Kollektiv.

Lob von der Konkurrenz

Auf dem Parkett sind die Rollen ohnehin klar verteilt. Alle müssen funktionieren, nur dann stellt sich der Erfolg ein. In der Vorrunde „haben wir uns in der Abwehr von Spiel zu Spiel gesteigert“, sagte Weinhold vor dem beeindruckenden 29:19-Kantersieg gegen Ungarn: „Im Angriffsspiel haben wir aber noch Luft nach oben.“ Dabei schloss er sich selbst nicht aus.

Mit seinen 1,91 Meter zählt Weinhold eher zu den Kleinen im Rückraum. Auf dem Parkett ist er daher meist im Erdgeschoss unterwegs, wühlt sich durch den Abwehrblock, geht dort hin, wo es wehtut. Er zwängt sich durch die kleinsten Lücken, nimmt Schmerzen in Kauf. Wenn er durchkommt, wirft er seine Tore, wenn nicht, holt er Siebenmeter oder Zeitstrafen heraus. Einen wie ihn hätten viele Trainer gerne in ihrer Mannschaft. Für seinen Vereinstrainer Alfred Gislason zählt er im rechten Rückraum zu den Besten in der Welt. Trotz lukrativer Angebote etwa aus Paris hat Weinhold in Kiel bis 2020 verlängert.

Natürlich weiß auch Gudmundur Gudmundsson um die Qualitäten eines Steffen Weinhold. Der Coach des letzten deutschen Hauptrundengegners Dänemark (Mittwoch, 18.15 Uhr/ ARD) preist ihn als „kompletten Spieler“. Er sei torgefährlich, stark im Spiel eins gegen eins. Dazu verfüge er über ein gutes Auge und sei nur schwer aus dem Spiel zu nehmen.

Abseits der ebenso kraft- wie nervenaufreibenden EM-Spiele in der Jahrhunderthalle von Breslau sucht der Hobbybergsteiger (den Kilimandscharo hat er bereits bestiegen) und leidenschaftliche Fußballfan die Entspannung. Dann liest er ein Buch – oder zwangsweise die Bedienungsanleitung seiner neuen Uhr, die er als „Man of the Match“ nach dem letzten Gruppenspiel gegen Slowenien überreicht bekam. „Die hat die ganze Nacht gepiept“, erzählte Weinhold. Erholung geht irgendwie anders. Wahrscheinlich, mutmaßte der gebürtige Franke, „piept sie aber immer noch“. Behalten wird er die Uhr dennoch. Auch wenn er sie genauso wenig braucht wie die Binde an seinem Oberarm.

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