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Handball-EM Mission Titelverteidigung

Die deutschen Handballer sind noch stärker als vor zwei Jahren. Ein Selbstläufer wird die EM in Kroatien deshalb aber nicht.

Uwe Gensheimer
Kapitän und Star der deutschen Handballer: Uwe Gensheimer. Foto: imago

Hendrik Pekeler griff sich immer wieder an den Kopf. Er konnte nicht glauben, was da gerade geschehen war, und wie dem Kreisläufer ging es an diesem Abend Millionen Menschen. Pekeler stand in den Katakomben der Multifunktionsarena in Krakau, die vielen anderen saßen vor dem Fernseher und hatten ein Handballspiel gesehen, das Spuren hinterließ. Es hatte schon viele Finalspiele bei großen Turnieren gegeben, aber nur wenige waren so von einer Mannschaft dominiert worden wie das Endspiel der Europameisterschaft vor zwei Jahren von Deutschland.

Historisch war der 24:17-Erfolg von Pekeler und seinen Kollegen über Spanien, weil die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) zwei Wochen zuvor als krasser Außenseiter ins Turnier gestartet war. „Diese 60 Minuten waren der absolute Wahnsinn“, sagt Pekeler. Mit ihm stürmte ein Team der Namenlosen auf den Gipfel.

Erstes Gruppenspiel am Freitag

Am Freitag beginnt die EM in Kroatien, Samstag steht für die Deutschen das erste Gruppenspiel gegen Montenegro an, und Pekeler ahnt, dass es nicht mehr so werden kann wie 2016 in Polen. Deutschland zählt zu den Medaillenkandidaten und damit auch zum Kreis der Nationen, denen der EM-Titel zugetraut wird. Wenn die deutsche Mannschaft noch einmal die Siegertrophäe in den Händen halten will, muss sie einen anderen Weg finden.

Andreas Wolff weiß das. Er war vor zwei Jahren innerhalb von zwei Wochen von einem in der Fachwelt als talentierter Torhüter anerkannter Handballer zu einem Superstar aufgestiegen. Zunächst hielt der damalige Wetzlarer Bälle, erwuchs im Finale gegen die Iberer zeitweilig zu einer undurchdringlichen Wand, bejubelte mit seinen Kollegen den Triumph und war anschließend eine Person, die auch außerhalb der Hallen Interesse hervorrief. Der Andreas Wolff des Jahres 2018 kann gar nicht mehr der von 2016 sein – und wie dem Keeper geht es vielen in der deutschen Mannschaft. „Was soll ich aus dem Turnier noch herausziehen?“, entgegnet Wolff, wenn er an seinen persönlichen Durchbruch erinnert wird: „Seither sind zwei Jahre vergangen. Ich habe mich weiterentwickelt und möchte das bei diesem Turnier zeigen.“

Die Hälfte des Teams war bei der EM dabei

Es wird sich in Kroatien erweisen, inwieweit die Weiterentwicklung dieser Gruppe von Hochbegabten dazu führen kann, dass sie Erfolge der Vergangenheit bestätigen kann. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die individuelle Qualität der Spieler, die Bundestrainer Christian Prokop um sich versammelt hat, größer ist als vor zwei Jahren. Aber es ist ebenso unstrittig, dass es größerer Qualitäten bedarf, um die Siege zu wiederholen, die vor 24 Monaten für eine Handballbegeisterung sorgten. Den Bonus eines Himmelsstürmers gibt es nicht mehr.

Exakt die Hälfte der 16 Akteure, die am heutigen Donnerstag in Berlin das Flugzeug mit Ziel Zagreb betreten, waren in Polen mit dabei. Jeder ist seither besser geworden. Hinzu kommen Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki, Silvio Heinevetter, Patrick Wiencek und Paul Drux – Leistungsträger, die vor zwei Jahren entweder verletzt waren oder sich im Formtief befanden.

Die Aussage von Wolff, der den Kader „jetzt stärker als den 2016“ einordnet, ist das Ergebnis einer realistischen Analyse. Noch nie besaß eine deutsche Mannschaft eine solch große Anzahl von hervorragenden Spielern, noch nie war sie derart homogen und ausgeglichen besetzt. Doch das alleine bedeutet nicht automatisch, dass sie die Erfolge ihrer Vorgänger wiederholt.

Gegen Katar den Fokus verloren

Es gibt mittlerweile viele kleine und ein paar große Stars innerhalb der deutschen Nationalmannschaft, und das birgt immer auch eine Gefahr. „Jeder Einzelne muss bereit sein, mehr in den Topf einzuzahlen, als er herausnimmt“, sagt Bob Hanning. Der DHB-Vizepräsident hatte im vergangenen Jahr erkannt, dass die besten Handballer in Deutschland nicht mehr bestmöglich funktionierten. Bei der Weltmeisterschaft in Frankreich unterlief ihnen ein Fehler, der den großen Teams in der Sportwelt nicht passiert: Sie verloren in einem K.o.-Spiel den Fokus. Die Folge war das überraschende Ausscheiden im WM-Achtelfinale gegen Katar.

Kurz darauf kam mit Christian Prokop ein neuer Trainer und mit ihm neue Ideen. Der 39-Jährige ist ein fachlich hervorragender Handballlehrer, der den Spielern neue Impulse gegeben hat. Prokop wird die deutsche Mannschaft perfekt auf die Gegner einstellen, er wird ihnen einen schlüssigen Plan mit auf den Weg geben – doch den entscheidenden Schritt müssen die Spieler alleine gehen. In fast allen Partien ist die DHB-Auswahl inzwischen Favorit, und in dieser Rolle kann sie nur erfolgreich sein, wenn sie fokussiert auftritt und nervenstark in heiklen Situation bleibt. Gelingt das, ist die Mission Titelverteidigung möglich – die Deutschen hätten dann einen anderen Weg gefunden, um erfolgreich zu sein.

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