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NHL Mit wehender Matte

Jaromir Jagr verlässt die NHL - er hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

NHL
Von Jung und Alt verehrt: Jaromir Jagr. Foto: rtr

Als der große Jaromir Jagr schon vor einigen Jahren mal Schwierigkeiten mit dem Toreschießen hatte, kannte er die Schuldigen. „Es ist hart, wenn die Götter gegen dich sind“, sagte der Eishockeyprofi. Jagr weiß, wie sich das Ringen mit höheren Mächten anfühlt, und stets ist er dabei der kleine tschechische Junge geblieben, der nie etwas anderes wollte als Eishockeyspielen, für immer und ewig. Irgendwann aber schlagen die Götter auch so einen.

Nein, seine Laufbahn hat Jagr, 45 Jahre alt, noch nicht beendet. Er verlässt lediglich die ruhmreiche NHL, die nordamerikanische Eishockeyprofiliga, zum zweiten Mal und nunmehr endgültig nach insgesamt 24 Spielzeiten, und spielt bei seinem mittelböhmischen Heimatklub HC Kladno weiter. Der große Traum ist aus. „Ich bin traurig“, sagte die tschechische Sportlegende, als am Dienstag sein Abschied von den Calgary Flames bekannt wurde. Bei seinem neunten NHL-Klub hatte er im Herbst noch einen Einjahresvertrag unterschrieben. „Es hat wegen diverser Umstände nicht mehr funktioniert wie sich beide Seiten das vorgestellt haben.“ In 22 Spielen gelang Jagr nur ein Tor.

Mit Jaromir Jagr war es am Ende so wie mit allen Sportlegenden, die nicht richtig loslassen können oder wollen oder beides: Sie sind dann nicht mehr die Athleten, als die sie berühmt wurden, sondern irgendetwas anderes, etwas seltsam Zeitloses; wandelnde Ansammlungen aus Assoziationen und Erinnerungen, aus Statistiken und Youtube-Videos, die ihre besten Taten zeigen. Man kann problemlos ganze Nachmittage damit verbringen, sich Jagr-Clips anzuschauen, und nie würde einem langweilig werden bei den Bildern, die den Spieler mit der Trikotnummer 68 zeigen, wie er mit wehender Matte technisch brillante Tore erzielt – nachdem er das halbe gegnerische Team umkurvt hat natürlich. Jagr, so schien es, konnte den Puck mit dem Schläger greifen.

766 Tore hat Jaromir Jagr in den USA geschossen (Platz 3 in der ewigen Rangliste), 1155 Vorlagen gegeben (Platz 5), in der Scorerliste liegt er damit einzig hinter dem uneinholbaren Wayne Gretzky, und mehr als seine 1733 Einsätze kann nur Gordie Howe vorweisen, und klar: Diese läppischen 34 Spiele, die ihm zu Howe fehlten, hätte Jagr nur allzu gerne auch noch aufgeholt. In der NHL und den USA werden sie ihn vermissen, und nicht nur, weil er einer der besten Spieler in der Geschichte des Eishockeys war: Olympiasieger 1998 mit Tschechien, zweimaliger Stanley-Cup-Gewinner, fünfmaliger NHL-Topscorer. Sondern auch wegen ihm selbst, dem Witzbold, dem Lebemann, der immer eine Ahnung von melancholischer Tiefe hinterließ. Die 68 trägt er in Erinnerung an den Prager Frühling.

Immer für einen Spruch gut

Er fuhr zu schnell Auto, er zockte stundenlang in den Casinos – vielleicht tut er es auch heute noch –, und wenn die Reporter nach den Spielen nach US-Sitte in die Kabine gingen, konnten sie sicher sein, hinterher einen guten Jagr-Spruch im Block zu haben. Als er auf Platz zwei der ewigen Scorerliste vorgerückt war, mit einer Vorlage, sagte er: „Ich dachte, ich würde ein schönes Tor schießen oder eine tolle Vorlage geben. Aber der Puck ist nur von meinem Arsch abgeprallt.“

Auf der anderen Seite hatte er die Demut und Arbeitsmoral eines Athleten, der den Druck seines ungeheuren Talents spürt. Sein Vater, heißt es, schrie ihn früher ununterbrochen an, während der Spiele, während des Trainings. Einem Journalisten verriet Jagr einst, dass er in seiner Anfangszeit in der NHL auch deshalb Launen zeigte, weil er stets die Last seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten spürte. Das Gefühl, dass alle große Leistungen von ihm erwarteten, während er sie sich selbst gar nicht zutraute – dieses Gefühl sei das schlimmste auf der Welt, sagte Jagr.

Vielleicht wird er auch mit 55 noch Eishockeyspieler sein, Nummer 68, wehende Matte. Vielleicht aus jener existenziellen Angst vor dem Danach, die viele Sportler verzagen lässt zum Ende hin. Jaromir Jagr kann selbst bestimmen, wann es soweit ist, beim HC Kladno jedenfalls wird ihm niemand reinreden. Der Klub gehört ihm.

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