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Skisprungtechnik-Lehrer Der Ski-Flüsterer

Der Östereicher Gerhard Hofer gilt als einer der besten Skitechniker im Sprungzirkus. Bei den Olympischen Spielen in Vancouver hatte er großen Anteil an Simon Ammanns Olympiasiegen.

30.12.2010 10:30
Wolfgang Hettfleisch
Erfolgreicher Tüftler: Gerhard „Gatsch“ Hofer. Foto: Imago

Im Spitzensport geht es um Stars. Um Athleten, die mit irren Leistungen und großen Siegen ein Massenpublikum begeistern können. Auch bei der Vierschanzentournee sind die Ausnahmekönner das Salz in der Suppe. Sie müssen Autogramme kritzeln, werden von den Medien hofiert, jeder Satz von ihnen kann Schlagzeilen machen. Die Cheftrainer der Nationalmannschaften kriegen noch ein wenig Aufmerksamkeit ab, bevorzugt dann, wenn sie Niederlagen erklären müssen. Die vielen anderen Teammitglieder, die ihren Beitrag zum Erfolg leisten, werkeln im Stillen.

Für einen von ihnen gilt das inzwischen nicht mehr uneingeschränkt. „Vielleicht bin ich einfach ein bisschen anders“, sagt Gerhard Hofer. Das gilt für den Hardrock-Fan aus Innsbruck, der mit seiner Erscheinung jede Headbanger-Party zieren würde, schon rein äußerlich. Aber nicht nur. Drei Jahre lang war der 28-Jährige der Servicemann von Simon Ammann. Und viele Experten sagen, der „Gatsch“, wie Hofer gerufen wird, habe großen Anteil daran gehabt, dass der Schweizer seinen zwei Olympiasiegen von 2002 im vorigen Winter zwei weitere hinzuzufügen vermochte.

Im März, am Ende des Weltcup-Winters, hatte Hofer dann erklärt, er fühle sich ausgebrannt und wolle sich eine längere Auszeit gönnen. Ganz so lang wurde sie nicht. „Ich kriegte viele Mails und Anrufe. Das hat mir das Gefühl gegeben, dass ich im Skisprung-Zirkus noch gebraucht werde“, sagt der aus Hartkirchen in Oberösterreich stammende Tüftler. Im Mai entschied er sich, sein Knowhow künftig dem finnischen Team zur Verfügung zu stellen. Er hatte die Qual der Wahl: „Es gab auch Anfragen aus Österreich und Norwegen. Und die Schweizer wollten mich auch wieder haben.“ Die Offerte der Finnen sei wohl so lukrativ gewesen, „dass unser Angebot nicht mehr gut genug war“, ätzte seinerzeit der von einem russischen Intermezzo heimgekehrte Schweizer Skisprung-Disziplinchef Berni Schödler. Er verdiene gut, bestätigt Hofer, „aber wenn ich Millionär werden wollte, müsste ich mir einen anderen Job suchen“.

Es wäre ein herber Verlust fürs Skispringen, denn Hofer ist auf seinem Gebiet ein Ausnahmekönner. Den „weltweit renommiertesten Skitechniker“ habe man da verpflichtet, erklärte stolz Pekka Niemelä, seit März finnischer Cheftrainer. Das Schweizer Boulevardblatt Blick adelte Hofer als „besten Servicemann im Skisprung-Zirkus“. Dabei ist der Mann, der die Flächen der Ski von „Gold-Simi“ bei dessen Olympiasieg auf der Normalschanze in Whistler für den Nassschnee in der Spur keck mit Langlauf-Wachs präpariert hatte, längst mehr als ein klassischer Servicemann. Die Finnen soll er als „Chef Entwicklung“ im Wettlauf ums beste Material nach vorn bringen. Das geschieht in enger Abstimmung mit Niemelä und Co-Trainer Ville Kantee, mit dem Hofer befreundet ist. Die Sprungski von Janne Ahonen und Co. wachsen andere.

Skispringen wird zur Formel-1-Technologie, glaubt Hautamäki

In der Formel 1 würde man einen wie „Gatsch“ Hofer Chef-Ingenieur nennen. Er hatte auch bei jener Innovation die Finger im Spiel, dank der Ammann der Konkurrenz bei den Winterspielen 2010 davongeflogen war: dem mit der Basler Medizintechnik-Firma Medartis entwickelten Bindungssystem mit gekrümmtem Stab. Österreichs Medien fluchten, weil der ÖSV den Ski-Flüsterer 2007 in Richtung Schweiz hatte ziehen lassen. Nun, da er Suomi auf die Sprünge hilft, muss sich Hofer Spionagevorwürfe der Eidgenossen gefallen lassen. „Anfang der Saison hat es größere Diskussionen gegeben. Ich hab’ mit Simi vereinbart, dass einige Dinge unser Geheimnis bleiben. Daran halte ich mich.“

Die Schweizer verfolgen dennoch argwöhnisch, wie Matti Hautamäki, der nach sportlich dürren Jahren schon an Rücktritt gedacht hatte, wieder ganz vorn mitmischt. Das Bindungssystem des Finnen ähnelt jenem, mit dem Ammann in Kanada seine Goldmedaillen drei und vier einsackte. Es handle sich aber um ein eigenständige Entwicklung in Kooperation mit der Technischen Universität Tampere, betont Hofer.

Die Finnen halten natürlich große Stücke auf „den schrägen Vogel“ (Hofer über Hofer). „Mit Gatsch zu arbeiten, ist großartig“, bloggte Hautamäki vor dem Saisonstart. „Er entwickelt die Ausrüstung ständig weiter, und ich versuche, seine Ideen in die Praxis umzusetzen.“ Manches funktioniere „ganz hervorragend“. Das Material spielt Hautamäki zufolge eine immer größere Rolle: „Skispringen entwickelt sich zu einer Art Formel-1-Technologie.“ Auch Hofer spricht von „immer mehr Hightech“ und verweist auf die Stoffe der Sprunganzüge. „Handelsübliches ist da nicht dabei.“

Die Gatsch-Hofer-Story aber ist mit Technologie nicht zu erklären. Der gelernte Tischler („Ich kann auch geile Möbel bauen“) ist ein Freak, ein Freigeist. Die besten Ideen kommen ihm beim Blödeln mit Freunden und Kollegen, gern abends beim Bier. „Da entsteht ein Bild in meinem Kopf, ich mach’ mir ein paar Skizzen und muss sie dann am nächsten Tag entschlüsseln.“ Sie könnten ja den Sprung in eine neue Dimension bedeuten.

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