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Sepp Blatter Fifa Korruption Hochspannung in der Fifa-Zentrale

Fifa-Boss Sepp Blatter straft die abtrünnigen Deutschen mit dem Hinweis auf Machenschaften bei der Vergabe der WM 2006. Die Attacken des Fifa-Präsidenten haben eine enorme Brisanz - auch mit Blick auf die WM-Vergabe 2018 an Russland.

16.07.2012 18:04
Jens Weinreich
Immer ein Gegner der WM in Deutschland - Fifa-Präsident Sepp Blatter. Foto: AFP

Fifa-Boss Sepp Blatter straft die abtrünnigen Deutschen mit dem Hinweis auf Machenschaften bei der Vergabe der WM 2006. Die Attacken des Fifa-Präsidenten haben eine enorme Brisanz - auch mit Blick auf die WM-Vergabe 2018 an Russland.

Dreht er jetzt durch? Ist Joseph Blatter doch zu kippen? Schießt er sich mit seinen 76 Jahren selbst aus dem Amt als allmächtiger Präsident des Fußball-Weltverbandes? Kaum wurde er der Mitwisserschaft an millionenschwerer Korruption überführt, kaum hat Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL), den Rücktritt des Fifa-Bosses gefordert, keilt Blatter zurück.

In einem schönfärberischen Interview mit seinem Lieblingsmedium, dem Schweizer Boulevardblatt Blick, bei dem sein jetziger Kommunikationsdirektor Walter de Gregorio einst Sportchef war, sinniert Blatter über die merkwürdige Vergabe der WM 2006 an Deutschland: „Gekaufte WM ... da erinnere ich mich an die WM-Vergabe 2006.“ Sofort basteln deutsche Medien daraus: Fifa-Präsident beschuldigt Deutschland. Ach Gott.

Plötzlich erinnert sich Blatter

Andersrum wird ein Schuh draus. Indizien, dass Deutschland sich die WM ergaunert hat, gab es seit dem Juli 2000. Doch spätestens im Jahr 2003, als das Manager-Magazin und die Süddeutsche Zeitung aus dem Konkurs-Nachlass des Kirch-Konzerns Dokumente öffentlich machten, die belegen, wie der Medienmogul Leo Kirch und seine Helfershelfer mit merkwürdigen Provisionen für TV-Rechte und Freundschaftsspiele (etwa des FC Bayern) Fifa-Funktionäre bedienten, wurde es konkret.

Blatter war immer ein Gegner der WM in Deutschland gewesen, er hat schon die WM 2006 in Südafrika gewollt. Doch als die Belege da waren und Berater ihm rieten, interne Ermittlungen einzuleiten, soll Blatter zurückgezogen haben. Er wollte keinen weiteren Skandal. Er hatte 2002 gerade wieder glücklich seine Macht gesichert und wollte die WM 2006 nicht gefährden. Nicht mal durch die Wahrheit.

In der Not und angesichts der sich weltweit häufenden Rücktrittsforderungen erinnert Blatter nun an die Umstände der WM-Vergabe an den DFB, als der neuseeländische Greis Charles Dempsey nach dem ersten Wahlgang völlig verwirrt das Fifa-Hauptquartier verlassen hatte. Präzise betrachtet sagt Blatter aber auch in diesem Fall die Unwahrheit, wie so oft. Dem Blick gibt er zu Protokoll, Deutschland habe seinerzeit 10:9 gegen Südafrika gewonnen – tatsächlich aber war es ein 12:11 nach Stimmen der Fifa-Exekutivmitglieder. Das ist so bei Joseph Blatter: Die Fakten stimmen eher selten.

142 Millionen Franken Schmiergeld

So behauptet er ja auch unentwegt, er habe erst im Rahmen des Konkursverfahrens des langjährigen Fifa-Marketingpartners ISL im Jahr 2001 davon erfahren, dass die ISL-Gruppe Schmiergeld in großem Stil gezahlt habe – etwa an den langjährigen Präsidenten João Havelange. Dabei hat Blatter gemäß Aussage des ehemaligen Fifa-Finanzchefs Erwin Schmid im März 1997 eine irrtümlich auf einem Fifa-Konto gelandete ISL-Bestechungsmillion weiterleiten lassen – nun sagt er, es sei ihm nicht klar gewesen, dass das Bestechungsgeld sei.

142 Millionen Franken Schmiergeld hat der ISL-Konzern zwischen 1989 und 2001 an hochrangige Fifa-Funktionäre, aber auch Mitglieder des IOC und Führungskräfte anderer Weltverbände gezahlt. Das ist gerichtsfest. Die tatsächliche Summe dürfte weit höher liegen, denn aus den 80er Jahren liegen keine Unterlagen vor. Blatter, auch das muss man in diesem Zusammenhang sachlich protokollieren, war einer der besten Kumpels des ISL-Gründers und damaligen Adidas-Patrons Horst Dassler.

1975, als Blatter auch aus Dasslers Initiative hin Fifa-Direktor wurde und sein Büro einige Jahre in der französischen Dependance von Adidas hatte, wurde sein Gehalt nicht nur zeitweise von Adidas bezahlt, Blatter arbeitete eng mit Horst Dassler zusammen. Dassler überzog den olympischen Weltsport damals mit einem engmaschigen Bestechungsnetz, nicht nur über die ISL, auch über die sportpolitische Abteilung von Adidas.

Beckenbauer feuert schüchtern zurück

Adidas, Dassler, die ISL – die Korruption im Weltsport ist eine sehr deutsche Geschichte. An der ISL-Vorläuferfirma Rofa war einst sogar Franz Beckenbauer beteiligt, ehemals Adidas-Ikone, FC-Bayern-Präsident, DFB-Vize und Fifa-Exekutivmitglied – jetzt Botschafter der russischen Gasindustrie, kurze Zeit nachdem Russland sich unter skandalösen Umständen die WM 2018 gesichert hat.

Auch deshalb haben die Attacken des Fifa-Präsidenten enorme Brisanz. Beckenbauer-Intimus Fedor Radmann etwa, ehemaliger Adidas- und ISL-Mitarbeiter, spielte eine dubiose Rolle bei der WM-Akquise 2006, wie auch aus den Kirch-Akten hervorgeht. Der deutsche Fußballkaiser begab sich umstandslos in den Schützengraben zu den loyalen Truppen der Bild und feuerte seinerseits eine erste, noch recht schüchterne Salve: „Ich kann die Äußerungen und Andeutungen von Sepp Blatter nicht nachvollziehen.“ Fedor Radmann lebt in der Schweiz und galt auch als Vertrauter Blatters. Bisher hielten die Kameraden immer zusammen, die „Mitglieder der Fußballfamilie“, wie Blatter zu flöten pflegt.

Doch in der Not ist sich wohl jeder selbst der Nächste. Schon hat sich Blatter, der als Mitwisser um seine IOC-Mitgliedschaft fürchten muss, vom todkranken Ehrenpräsidenten Havelange losgesagt: „Er muss weg.“

Blatter gegen Havelange

Eine weitere Unwahrheit verbreiten Blatter und seine Propagandisten, wenn sie behaupten, im ISL-Verfahren habe es gegen Schmiergeldempfänger keine strafrechtliche Handhabe gegeben. Falsch! Ein Großteil des am Mittwoch nach langem Fifa-Widerstand veröffentlichten Dokuments der Staatsanwaltschaft Zug befasst sich damit, dass Havelange & Co. wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung und Unterschlagung bis zu fünf Jahre Gefängnis gedroht hatten.

Blatter gegen Havelange also: Was da wohl Havelanges Jünger denken, etwa Jean-Marie Weber, jener ISL-Manager, den einen Großteil der 142 Bestechungsmillionen bar übergab? Weber hat im kleinen Kreis immer gesagt, er fürchte um sein Leben und nehme seine Geheimnisse mit ins Grab. Noch sind bei mehr als 100 der Bestechungsmillionen die Empfänger unbekannt, lediglich die Tarnfirmen und Stiftungen, über die die dunklen Transaktionen liefen.

Die Konstellation garantiert Hochspannung, und am Dienstag trifft sich in Zürich das Exekutivkomitee. Mit dabei: Theo Zwanziger. Der ehemalige DFB-Präsident hielt Blatter lange die Treue und soll geglaubt haben, außer dem Walliser sei in der Fifa-Exekutive kaum wer an Reformen interessiert – traurig genug. Nun heißt es, Zwanziger sei relativ egal, ob Blatter fällt. Der Deutsche ist in Fifa-Kreisen unbelastet. Ein Kleinod gewissermaßen.

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