Lade Inhalte...

Schiedsrichter Bundesliga "Es ist zusätzlicher Druck entstanden"

Die Schiedsrichter der ersten und zweiten Liga befinden sich derzeit im Trainingslager auf Mallorca. Es gitl die Hinrunde aufzuarbeiten und sich auf die Rückrunde vorzubereiten.

17.01.2014 09:07
Jan Christian Müller
Arbeitet auf Mallorca die Hinrunde auf: Schiedsrichterchef Herbert Fandel. Foto: imago sportfotodienst

Die Schiedsrichter der ersten und zweiten Liga befinden sich derzeit im Trainingslager auf Mallorca. Es gitl die Hinrunde aufzuarbeiten und sich auf die Rückrunde vorzubereiten.

Schiedsrichterboss Herbert Fandel erklärt, warum sich die besten deutschen Unparteiischen in diesem Jahr erstmals fast eine Woche lang auf Mallorca auf die Rückrunde in der Fußball-Bundesliga vorbereiten

22 Schiedsrichter der ersten Liga, 20 der zweiten Liga sowie 28 Assistenten absolvieren seit Montag täglich drei Einheiten, Videoschulungen und Seminare im Hilton Hotel Sa Torre, ein paar Kilometer vom Ballermann entfernt auf Mallorca. Im Trainingslager unter der Leitung von Herbert Fandel stehen mehr als 50 Punkte auf dem Programm, 200 strittige Szenen werden analysiert.

Herr Fandel, Mallorca verbinden die meisten Deutschen mit Strand und Sangria. Wie viel davon bekommen die deutschen Top-Schiedsrichter davon ab?

Herbert Fandel: Ziemlich genau null Prozent. In unserem Trainingslager hier ist harte Arbeit angesagt, um 7.45 Uhr beginnt bereits die erste Laufeinheit. Wir arbeiten an sechs Tagen die Hinrunde intensiv auf und schaffen die Grundlagen für die Rückrunde.  Da bleibt keine Zeit für Strand und Sangria.

Ist es denn erlaubt, abends ein Bier an der Theke zu trinken?

Das handhaben wir genauso wie die Spieler: Ein, zwei Bier am Abend schaden sicher nicht. Aber damit das nicht falsch verstanden wird: Es geht hier nicht um ein lustiges Beisammensein. Davon sind wir weit entfernt.

Sie haben sich in der Vergangenheit immer im Januar drei Tage lang mit den Elite-Unparteiischen in Mainz getroffen, jetzt fast eine ganze Woche lang auf Mallorca. Warum reichte Mainz nicht mehr?

Die Ausweitung des Trainingslagers ist ein  weiterer Schritt der  Professionalisierung im deutschen Schiedsrichterwesen. Wir benötigen die zusätzliche Zeit für intensive Gespräche und eine lückenlose Aufarbeitung strittiger Szenen. Wir wollen es in Zukunft noch besser machen, da ist es notwendig, Fehler klar anzusprechen, aber auch positiv zu motivieren. Ganz ähnlich machen es die Mannschaften in der Winterpause ja auch.

Sie haben neulich gesagt, Sie seien „insgesamt nicht zufrieden“ mit der Vorrunde. Was muss besser werden und wo packen sie an?

Oberstes Ziel ist die Einheitlichkeit in der Regelumsetzung. Ein Trainer lässt seinen Außenstürmer 200 Flanken vors Tor schlagen, damit der Mittelstürmer die Bälle alle versenkt. Das wird nicht in allen Fällen funktionieren und dennoch ist es das Ziel, möglichst nah an 100 Prozent heranzukommen. So ist es bei den Schiedsrichtern auch – wir wollen möglichst viele korrekte und einheitliche Entscheidungen.

Ich mache kein Hehl daraus, dass ich mit einigen markanten Fehlentscheidungen nicht zufrieden war. Fehlentscheidungen, die in dieser Art bei uns eigentlich nicht üblich sind, zu Recht in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert wurden und alle positiven Ansätze überdeckt haben. Das ist für uns alle als belastend empfunden worden und dadurch ist zusätzlicher Druck auf unsere Schiedsrichter entstanden.

Es gab zum Beispiel gleich am ersten Spieltag ein Tor von Kevin Volland im Spiel Hoffenheim gegen Nürnberg, das nicht anerkannt wurde, obwohl der Ball die Torlinie bestimmt 20 Zentimeter überschritten hatte, es gab am vorletzten Hinrundenspieltag die klare Abseitsstellung des Hannoveraner Torschützen Mame Diouf gegen den 1. FC Nürnberg…

Nehmen Sie das so genannte Phantomtor ruhig noch mit dazu. Es gibt hinter allen diesen Situationen  keinen Lehransatz, an dem wir ansetzen könnten. Aber Sie können davon ausgehen, dass das in dieser untypischen Häufung nicht mehr vorkommen wird.

Die Macher der Homepage „Wahretabelle.de“ haben errechnet, dass vor allem 1899 Hoffenheim in der abgelaufenen Vorrunde stark benachteiligt wurde und statt auf Rang zwölf eigentlich auf Platz sechs stehen müsste. Nehmen Sie solche Statistiken ernst?

Ehrlich gesagt, kenne ich sie gar nicht.

Allein Hoffenheim, heißt es dort, sei bei Strafstoß- und Abseitsentscheidungen insgesamt 15 Mal benachteiligt worden!

Glauben Sie mir: Wir schauen uns alle Spiele sehr dezidiert an und arbeiten sie kritisch auf – aber bitte erwarten Sie nicht, dass ich solche Statistiken kommentiere.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Felix Brych ist die deutsche Nummer eins

Felix Brych hat ein außergewöhnliches Standing in Europa

Sie waren vor einem Jahr bei der Trainertagung in Düsseldorf vor Ort, um für ein besseres Verhältnis zwischen Trainern und Schiedsrichtern zu werben. Haben diese Gespräche was gebracht?

Immerhin lernen die Trainer und ich uns so kennen,Ich diskutiere die Probleme gerne gradlinig und sachlich und freue mich über jeden persönlichen Kontakt. Ich mag es nicht, wenn Emotionen gar nicht mehr unter Kontrolle gehalten werden können und unsere Schiedsrichter nach Spielen aus der Emotion heraus in der Öffentlichkeit so attackiert werden, wie das teilweise zuletzt der Fall war.

Also haben die Gespräche vor einem Jahr noch nicht so viel gebracht, wie von Ihnen erhofft?

Es bleibt weiterhin leider so, dass einzelne Trainer die Verhaltensgrenzen ab und an noch deutlich überschreiten. Wir stehen alle gemeinsam im Schaufenster Bundesliga. Da ist eine gewisse Vorbildfunktion unabdingbar. Alle Beteiligten auf dieser hohen Leistungsstufe sollten deshalb in der Lage sein, ihre Emotionen zu kontrollieren und zügig zu einem sachlich-moderaten Umgang zu finden. Das gilt natürlich auch für mich und die Schiedsrichter.

Haben Sie sich in diesem Zusammenhang auch den erfahrenen Schiedsrichter Peter Gagelmann zur Brust genommen, der sich gegenüber Profis des FC Augsburg beim Spiel in München im Ton vergriffen haben soll?

Wir reden mit allen Schiedsrichtern darüber, dass es zu vermeiden ist, weiteres Öl ins Feuer zu gießen. Es gehört zum Training, auch hier auf Mallorca, daran zu arbeiten, auch dann nicht unnötig hektisch oder autoritär zu agieren, wenn der Bär mal tobt. Es ist immer besser, sich zurückzunehmen, auch wenn es manchmal schwer fällt.

Herr Fandel, halten Sie die Fifa-Entscheidung für richtig, dass für die WM 2014 der 38-jährige Felix Brych nominiert wurde und nicht mehr der 44-jährige Wolfgang Stark, der noch 2010 und 2012 die deutsche Nummer eins war?

Felix Brych hat ein außergewöhnliches Standing in Europa, die Entscheidung ist nur logisch.

Mussten Sie Wolfgang Stark, der nicht nominiert wurde, aufbauen?

Das war nicht notwendig, er hat das sehr professionell aufgenommen und er war der Erste, der Felix Brych gratuliert hat.       

Warum hat es Bibiana Steinhaus noch nicht in die Erste Bundesliga geschafft und wann könnte es soweit sein?

Sie ist, wie alle anderen, in das Leistungsspektrum unserer Schiedsrichter eingebettet. Sie ist die weltbeste Schiedsrichterin, das wird mir von unseren Fachleuten in der Uefa immer wieder so bestätigt. Darauf sind wir auch sehr stolz. Aber nur die allerbesten Schiedsrichter der zweiten Liga haben eine Chance, in die Bundesliga zu kommen. Das war bei Bibiana Steinhaus bislang noch nicht der Fall.

Keine Änderung in Sicht

Das International Board der Fifa, das über die Regeln wacht, hat es Anfang dieser Woche abgelehnt, dass künftig bei Fouls im Strafraum, bei denen eine klare Torchance verhindert wurde, auf ein Rote Karte zu verzichten. Stattdessen soll die Dreifachbestrafung – Elfmeter, Rot und Sperre – bestehen bleiben. Sind Sie enttäuscht über diese Nachricht?

Ja. Ich hätte mir, wie auch unser Präsident Wolfgang Niersbach, gewünscht, dass man das abändert. Das hätte die Arbeit für die Schiedsrichter erleichtert. Jeder, der eine Fußballdenke hat, will nicht, dass jemand vom Platz gestellt werden muss, weil er einen kleinen Schubser im Strafraum begangen hat. So entsteht unnötig Druck auf die Schiedsrichter. Es wäre schön gewesen, wäre es vom International Board anders entschieden worden.

Selbst Top-Trainer wie Thomas Tuchel und Lucien Favre verstehen die Handspielregel nicht. Verstehen Sie sie, Herr Fandel, und überfordert diese Regel die Schiedsrichter nicht?

Sie können davon ausgehen, dass wir sie sehr wohl verstehen. Im Zentrum der Handspielregel steht nach wie vor die Absicht. Aber im Gegensatz zu früheren Jahren werfen sich Spieler vermehrt mit ausgebreiteten Armen in die Schussbahn und versuchen so, Bälle aufzuhalten. Wir Schiedsrichter müssen definieren: Ist das Absicht oder nicht? Ich räume ein: Dabei entsteht ein Ermessensspielraum. Aber den haben wir in allen Bereichen.  Es wird auch in Zukunft immer wieder Szenen geben, über die intensiv diskutiert wird.

Bei Spielen der Premier League fällt auf, dass dort, genau wie in der Champions League, in der Regel viel länger nachgespielt wird als in der Bundesliga. Passen die Schiedsrichter in der Bundesliga sich künftig an?

Sie haben Recht, das ist ein Thema, an dem wir dran sind. Darüber sprechen wir in unseren Seminaren hier auf Mallorca auch. Es hat mit professioneller Denke nichts zu tun, wenn wir salopp behaupten, wer es in 90 Minuten nicht geschafft habe, ein Tor zu schießen, schaffe es auch in der Nachspielzeit nicht. Es muss klare, nachvollziehbare Regelungen geben, auf die wir unsere Schiedsrichter einstellen. Auswechslungen und Verletzungsunterbrechungen müssen sauber nachgespielt werden.

 

Interview: Jan Christian Müller 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen