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SC Freiburg Leben nach dem Freiburger Aderlass

Beim SC Freiburg hat der Ausverkauf längst begonnen. Dennoch bleiben noch Profis übrig für Christian Streichs überzeugte Europäer.

07.05.2013 17:16
Christoph Ruf
Den kiegt ihr nicht! Christian Streich und Cédrik Makiadi. Foto: imago

Direkt neben dem Freiburger Stadion liegt ein Biergarten, in dem den Fußballfreunden gute Wurst und schlechte Musik geboten werden. Durch den Kirmes-Techno hindurch drang dann aber ein Dialog zwischen zwei Gästen, die sich wohl nicht ihre erste Weißweinschorle einverleibten. „Jetzt spielen wir Europa League“, sagte einer, der dem Idiom nach zu urteilen Exilsachse war. „Nedd sicher“ entgegnete der andere, worauf er einen längeren Redeschwall über fehlenden Ehrgeiz und krankhaftes Understatement zu hören bekam. Beides sei im Wesen des Badners angelegt, mutmaßte der Sachse. Worauf dem Geschmähten die Hutschnur riss: „Ich meine doch, dass wir Champions League spielen können, wenn wir noch zweimal gewinnen.“

Es bleiben noch wichtige Spieler

Freiburgs Trainer Christian Streich hat diesen Dialog nicht mitbekommen. Er zieht sich nach dem Spiel zum Durchschnaufen (von nikotinhaltiger Luft) in die Katakomben zurück und versucht dann irgendwie abzuschalten. Champions League? Wenn er nur das Wort gehört hätte, wäre ihm wohl wieder angst und bange geworden, ob „die Menschen“ nicht allmählich doch ein bisschen viel erwarten von dieser Mannschaft, die im Sommer vier Spieler an die Konkurrenz abgeben wird. Nicht irgendwelche Spieler, sondern Leute wie Max Kruse, der auch gegen Augsburg einer der zwei besten Spieler auf dem Platz war. Auch Jan Rosenthal und vor allem Johannes Flum, die nach Frankfurt wechseln, wissen, was man in der Bundesliga tun muss.

Wenn Streich seit einigen Tagen wieder erholter aussieht, kann das mehrere Gründe haben. Der Weggang von Manager Dirk Dufner dürfte ihn weniger schmerzen als der von Kruse, zum anderen hat sich nach dem 0:1 bei den Bayern und dem 2:0 gegen Augsburg die Erkenntnis durchgesetzt, dass es diese Mannschaft tatsächlich nach Europa schaffen kann. Und zum dritten kann sich Streich angesichts des anstehenden Aderlasses zumindest damit trösten, dass einige seiner wichtigen Spieler dann doch bleiben werden: Julian Schuster oder Torschütze Cédrick Makiadi (31.) etwa. Und natürlich die drei Spieler, die sich in den vergangenen Monaten ebenso in den Fokus der Konkurrenz gekickt haben, im Gegensatz zu Kruse und Co. aber Verträge ohne Ausstiegsklauseln besitzen. Jonathan Schmid (61.) etwa, der gegen Augsburg als Torschütze in Erscheinung trat. Oder Keeper Oliver Baumann, der gleich ein halbes Dutzend Augsburger Chancen zunichtemachte und langsam aber sicher ein Kandidat für Joachim Löw wird. Oder eben Matthias Ginter, den nicht nur die Dortmunder Borussen auf dem Zettel haben und der mit 19 Jahren schon einer der besten Innenverteidiger der Liga ist.

Bloß nicht über Spieler reden

Am Sonntag saß Ginter zunächst auf der Bank und ließ sich von einem 21-Jährigen vertreten: Immanuel Höhn – Augsburgs Sascha Mölders dürfte das bestätigen – machte seine Sache prima. Über ihn oder den famosen Keeper Baumann wollte Streich nicht viele Worte verlieren: „Wir wollen gar nicht so viel über unsere Spieler reden. Sie wissen ja, warum.“ Eines wollte er aber doch noch loswerden: Der regenerationsbedürftige Ginter habe den Platz auf der Bank klaglos akzeptiert, ließ er wissen. „Die Jungs lamentieren nicht und suchen nicht die Schuld beim Trainer. Ich bin froh, dass ich Menschen mit solcher sozialer Intelligenz trainieren kann.“ Sprach’s und umarmte den Kollegen Weinzierl, dessen spielfreudiges Team er zuvor in der derzeitigen Verfassung zu „einer der sechs besten Mannschaften in der Bundesliga“ geadelt hatte.

Bei drei Punkten Vorsprung auf den HSV und einem deutlich besseren Torverhältnis als beide Konkurrenten (SC: plus 5, Gladbach: minus 5, HSV: minus 13) stehen die Chancen also ziemlich gut, dass Freiburg in der kommenden Saison in der Europa League starten darf. Es könnten also bald auch Spanier, Italiener und Franzosen im Biergarten am Stadion vorstellig werden. Letztere müssen sich dann umstellen: Die Merguez wird im Badischen weniger scharf gewürzt, dafür aber auf der ersten Silbe betont.

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