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Isaac Bonga Nicht komplett, aber einzigartig

Der 17-jährige Isaac Bonga ist das größte Talent der Frankfurt Skyliners. Seine Zukunft liegt in der NBA.

Isaac Bonga
Will hoch hinaus: Isaac Bonga. Foto: imago

Er ist fast zwei Köpfe größer als der Rest der Leute, die aus der U-Bahn an der Haltestelle Frankfurt-Nordwestzentrum aussteigen. Der schlaksige Teenager trägt Trainingshose und -jacke, Rucksack, Kopfhörer und tippt grinsend auf seinem Handy, während er die Treppen hochläuft. Niemand nimmt Notiz von ihm. Warum auch? Schließlich schlendern in dem Einkaufszentrum täglich tausende Jugendliche. Doch er ist nicht hier, um sich neue Klamotten zu kaufen oder mit Freunden abzuhängen. Er steuert auf die Trainingshalle der Frankfurt Skyliners zu – seinem Arbeitgeber.

Isaac Evolue Etue Bofenda Bonga ist 17 Jahre alt und eines der größten Basketballtalente in Deutschland. Der gebürtige Neuwieder ist schon längst auf dem Radar der NBA-Klubs, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann er den Sprung in die USA schafft – obwohl er gerade einmal 14 Bundesligapartien absolviert hat. Trotz seiner 2,04 Meter ist Bonga kein Flügelspieler, sondern Spielmacher. Für seine Größe ist er unglaublich beweglich hat eine gute Übersicht und ein gutes Ballhandling. Seine große Stärke sind die Antizipation von Spielsituationen und sein Zug zum Korb. „Mein Ziel ist es, einer der Besten zu sein“, sagt er selbstbewusst. Die NBA sei für ihn ein Meilenstein, zunächst will er sich aber in der Bundesliga etablieren.

Bonga sitzt im Büro der Skyliners, durch die verglaste Wand schaut er seinen Kollegen beim Werfen zu. Wenig später steht für ihn die nächste Einheit an. Seine Eltern stammen aus dem Kongo. Er war bislang noch nie in Afrika, spricht aber Französisch und Lingéla. Sein ältere Bruder Tarsis spielt Fußball in der zweiten Mannschaft von Fortuna Düsseldorf in der Regionalliga West, der jüngere Joshua (12) spielt wie er Basketball und könnte schon bald wie Mutter, Vater und Schwester Deborah (22) nach Frankfurt kommen.

Seit fast einem Jahr lebt Bonga getrennt von seiner Familie im „Haus der Athleten“, dem Vollzeit-Internat des Olympiastützpunkts in Hessen an der Otto-Fleck-Schneise unweit zur Frankfurter WM-Arena. Montags und dienstags geht er in die 12. Klasse der Julius-Leber-Schule, sitzt mit 27 weiteren Talenten aus diversen Sportarten in einer Sportklasse. Von Mittwoch bis Freitag ist er im Büro, absolviert ein Praktikum in der Ticketabteilung der Skyliners und wird in wenigen Wochen sein Fachabitur in der Tasche haben. Die restliche Zeit verbringt er in der Trainingshalle.

„Er ist wahrscheinlich das größte Talent, das wir je hatten“, sagt Cheftrainer Gordon Herbert. Und das wichtigste, so der Kanadier, „er hat seinen Kopf auf seinen Schultern“. Will heißen, er ist kein verzogener Bengel, der sich auf sein Vorschussloorbeeren etwas einbildet. Er ist höflich, demütig und bereit zu lernen.

Sebastian Gleim aus dem Trainerstab der Skyliners kennt Bonga am längsten, und er war einer der Gründe warum sich der Hochbegabte im vergangenen Sommer für Frankfurt entschied. Der kommende Trainer der zweiten Mannschaft, die in der dritten Liga Pro B spielt, und bisherige Leiter des Nachwuchs- und Schulförderprogramms hat ihn schon zu seinen Jugendzeiten bei seinem Heimatverein SG Lützel-Post Koblenz beobachtet und ihn in der U16-Nationalmannschaft bei der EM 2015 trainiert. „Er war schon immer motorisch, koordinativ extrem talentiert“, erzählt Gleim. „Er ist beidhändig und war schon als Kind sehr verspielt.“ So hat er schon früh Lösungen für komplizierte Situationen auf dem Spielfeld gehabt. Hinzu kommen seine langen Arme – seine Spannweite beträgt mittlerweile 2,19 Meter – mit denen er seine Gegenspieler gut vor sich halten, Rebounds holen und Würfe blocken kann.

„Isaac ist noch nicht komplett, aber er ist einzigartig“, sagt Gleim. In Europa seien viele Spieler, die bereits effektiver in ihren Ligen seien, aber keiner habe nur annähernd die Konstitution von Bonga. „Zwischen dem jetzigen Stand und dem Endpotenzial ist noch viel Luft“, sagt Gleim. Das größte „Projekt“, wie er sagt, ist Bongas Körper. 90 Kilo bringt er aktuell auf die Waage. Da er im Wachstum ist, müssen die Muskeln behutsam aufgebaut werden. „Ich arbeite vor allem an der Explosivität“, sagt Bonga. Und natürlich an seinem Wurf.

In seinem ersten Skyliners-Jahr hat Bonga einen gewaltigen Sprung gemacht. Vergangene Saison spielte er noch in der Regionalliga in Koblenz. In dieser Saison hat er sich zum Leistungsträger in der Pro B aufgeschwungen und ist seit seinem ersten Einsatz in der Bundesliga am 23. September 2016 der fünftjüngste Spieler der Historie. In der BBL kam er aber wegen zahlreicher Einladungen zu Camps und Jugendturnieren sowie Spielen in der Nachwuchs-Bundesliga und wegen der Schule nicht so oft zum Einsatz. Seit das Pro-B-Team seine Saison beendet und sich Point-Guard Kwame Vaughn verletzt hat, führt Bonga das Team mit Max Merz auf der Spielmacherposition. Am vergangenen Samstag stand er beim Tabellenführer in Ulm mehr als 26 Minuten auf dem Parkett – so viele wie noch nie in der Bundesliga. Gegen Alba Berlin soll die Nummer 17 das im letzten Saisonspiel am Samstag (18 Uhr) auch tun.

Neben einem individuellen Trainingsprogramm in Frankfurt soll er im Sommer auch für die U18 die EM und für die U19 die WM spielen. Die entscheidende Frage für ihn wird aber lauten, ob er die Schule weitermachen wird. „Ja, hab’ ich schon vor“, sagt Bonga. Doch das würde fünf Tage die Woche Schule bedeuten und weniger Zeit für das Training.

Geht es nach dem sogenannten Mock Draft, liegt Bonga für das jährliche Auswahlverfahren der NBA schon für den Sommer 2018 auf dem zehnten Rang. Sollte sich ein Team so früh für ihn entscheiden, würde ihm ein fester Vertrag mit mehreren Millionen Dollar winken.

Viel Zeit, um die ganzen Eindrücke zu verarbeiten, hat der 17-Jährige aber nicht. „Wenn ich abends mal im Bett liege“, erzählt er, „denke ich schon über alles nach und merke, wie schnell das Jahr rumgeht.“ Aber eigentlich gehen die Sachen nur an ihm vorbei. Wie die Leute im Nordwestzentrum. Es wird aber nicht mehr lange dauern, da werden sie Notiz von dem Teenager nehmen, der sie um zwei Köpfe überragt.

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