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Kunstradfahren Der olympische Traum

Bei der Hallenrad-WM in Aschaffenburg triumphieren Athleten aus der Region. Der traumhafte Bilanz steht der Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit gegenüber.

Eine Einheit: David Schnabel turnt auf seinem Rad zum siebten WM-Gold. Foto: Roth

Es ist mucksmäuschenstill, als David Schnabel aufs Parkett rollt. Knisternde Spannung liegt über dem von 4800 Zuschauer gesäumten Kessel. Nur das Surren der Speichen ist zu hören. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Fünf Minuten und eine weltmeisterliche Kür später hält es das fachkundige Publikum bei der Hallenradsport-WM in Aschaffenburg nicht mehr auf den Sitzen: Schnabel, der 27 Jahre alte Lokalmatador aus dem nahe gelegenen Niedernberg, ist Weltmeister im Kunstradfahren ? zum siebten Mal.

David Schnabel ist so was wie der Superstar des Hallenradsports. Niemand beherrscht das Velo so gut wie er. Aber kaum einer kennt den kleinen Mann aus Unterfranken. Der Hallenradsport steht seit Jahrzehnten im Schatten der Straßen- oder Bahnradfahrer. „Wir wollen, wir müssen aus dieser Nische heraus“, sagte Schnabel schon vor der WM. Im Gegensatz zu seinen namhaften Kollegen auf der Landstraße, etwa Jan Ullrich oder Lance Armstrong, „ist mein Sport dopingfrei“.

Zugegeben, es ist kein handelsübliches Zweirad, auf dem Schnabel unterwegs ist. Keine Bremsen, kein Licht, von einer Klingel ganz zu schweigen. Die Polizei würde sein Gefährt bei jeder Kontrolle aus dem Verkehr ziehen. Im Geviert der Aschaffenburger Arena aber reiht Schnabel Kunststück an Kunststück. Er scheint mit seinem Rad zu verschmelzen. Ein Akrobat auf zwei dünnen Schläuchen, der seine Fans auch diesmal in Atem und der seine Konkurrenz bei seiner Heim-WM auf Distanz hielt.

„Der Druck war unglaublich. Und dann auch noch der magische siebte Titel“, sagte Schnabel leise nach seiner fast fehlerfreien Kür, für die er 208,46 Punkte einsammelte und seinen eigenen Weltrekord nur um 45 Hundertstel verfehlte. Damit stellte er sich auf eine Stufe mit Martin Rominger, der zwischen 1997 und 2003 alle WM-Titel im Einer-Kunstradfahren abräumte.

Die Kunstradfahrer machen auch über Facebook Druck: „Hallensport goes Olympia“

Erst im Frühjahr will Schnabel sich entscheiden, ob es weitergeht. „Es muss mir weiterhin Spaß machen“, sagte er am Sonntag fast regungslos. Kein Lächeln, kaum Freude. „Ich bin noch wie in Trance, die Freude kommt erst in den nächsten Tagen.“ Es fällt ihm längst schwer, Ziele zu formulieren. „Ich wollte mal Weltmeister werden, dann den Titel verteidigen. Seither ist alles nur noch utopisch.“ Seinen größten Traum aber wird er nie selbst leben: die Olympischen Spiele. „Thomas Bach ist doch ein hohes Mitglied im IOC“, sagte Schnabel, „es müsste doch in seinem Interesse sein, Kunstradfahren olympisch werden zu lassen.“

Deutschland dominiert die Szene seit Jahren. In Aschaffenburg sammelte der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) im Einer- und Zweier-Kunstradfahren alle Gold- und Silbermedaillen ein. Dazu gab’s noch Gold im Vierer der Frauen. Eine traumhafte Bilanz, die nur die Radballer ein wenig trübten: Marco Rossmann und Jens Krichbaum vom SV Eberstadt mussten sich im Halbfinale den späteren Weltmeistern aus der Schweiz im Viermeterschießen geschlagen geben und holten am Ende die einzige Bronzemedaille für den BDR.

Alle aber eint der Wunsch, dass Hallenradsport endlich olympisch wird. „Wir haben es verdient“, sagte etwa Corinna Hein von der SKV Mörfelden, die zum dritten Mal im Einer-Kunstradfahren triumphierte. Allerdings weiß sie auch um die Problematik. „Wenn man die Siegerlisten liest, könnte man glauben, nur Deutschland wäre am Start.“ In Aschaffenburg waren 17 Nationen dabei ? darunter auch Sportler aus Malaysia und Macau. Hinweise, seinem Sport fehle die breite Basis, lässt Schnabel nicht gelten. „Es gibt andere Sportarten, die sind auch olympisch. Und die werden auch nur von wenigen Nationen betrieben. Oder fahren etwa die Afrikaner Bob?“

Für Dieter Maute, den Bundestrainer Kunstradfahren, wurden die Fehler in der Vergangenheit gemacht: „Wir haben 1972 einfach aufgegeben. Damals hieß es: Handball oder Kunstradfahren werden olympisch.“ Die Wahl fiel auf die Handarbeiter. „Danach“, so Maute, „sind wir in der Versenkung verschwunden und haben es versäumt, weiter Lobbyarbeit zu betreiben.“ Das ändert sich jetzt. Auf Facebook gibt es seit Kurzem eine eigene Seite: „Hallenrad goes Olympia“. Ein Anfang. „Erleben werden wir das aber bestimmt nicht mehr“, sagte Sandra Sprinkmeier aus Mainz, die mit ihrer Partnerin Katrin Schultheis zum fünften Mal den WM-Titel im Zweier-Kunstradfahren gewann. „Vielleicht aber unsere Kinder.“

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