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Die Spaßgesellschaft vom Dorf

Die Fußballerinnen des RSV Roßdorf schaffen mit bescheidenden Mitteln den Aufstieg in die Regionalliga

10.06.2008 00:06
MATTHIAS KITTMANN

Der Junge auf dem weißen Pferd kommt bekanntlich nur noch selten vorbei. Frauen machen längst alles selbst, auch Fußball spielen oder Trecker fahren. Praktisch, dass auf dem Land viele beides können. So wurde Anfang Mai der große Festwagen des RSV Roßdorf hoch auf die Amöneburg selbst gesteuert. Der Anlass: Ein Dorf feierte sein kleines Fußball-Wunder. Die Frauen des RSV sind als souveräner Oberligameister in die dritthöchste Klasse, die Regionalliga, aufgestiegen.

Der Vergleich zwischen den Männern von 1899 Hoffenheim und des RSV Roßdorf verbietet sich allerdings. Nicht nur, dass Hoffenheim schon in der Bundesliga ist, auch die zur Verfügung stehenden Mittel differieren doch geringfügig: Hoffenheim finanziert sich durch Software-Milliardär Dietmar Hopp, Roßdorf aus dem Verkauf von Bratwürsten. Dafür profitieren die Mittelhessinnen aus der Nähe von Marburg/Gießen von der Hydra des Frauenfußballs, dem FSV Frankfurt. Mag die Frauenfußballabteilung der Bornheimer längst zerschlagen sein, doch analog zur griechischen Mythologie leben die Köpfe der einstmals ruhmreichen Mannschaft weiter. Stars wie Birgit Prinz, Sandra Smisek oder Saskia Bartusiak beim 1.FFC Frankfurt, Sandra Minnert, Uschi Holl und andere beim SC Bad Neuenahr. Und zwei eben beim RSV Roßdorf.

Nina Kirchhain (28), selbst dort aufgewachsen, hat in Roßdorf vor drei Jahren als Spielertrainerin angefangen, seit einem Jahr spielt dort auch Melanie Soyah, nach einem missglückten Intermezzo beim FC Bayern München wieder in Hessen. "Als mich Nina anrief, dachte ich erst: Spinnt die, vierte Liga? Aber im Nachhinein war es das Beste, was mir passiert ist. Hier macht Fußball wieder Spaß", sagt die 30-Jährige. Schon 2006/2007 war Roßdorf eigentlich für die neue dritte Liga im Frauenfußball qualifiziert, scheiterte aber an einer verzwickten Quotenregelung der drei süddeutschen Verbände. "Wir waren alle richtig sauer. Und die Mannschaft beschloss, als Meister keine Zweifel mehr zu lassen", erzählt Soyah.

Effizientes Duo Kirchhain/Soyah

Als nach elf Spieltagen der RSV noch nicht mal ein Gegentor kassiert, geschweige denn verloren hatte, war die ganze 1300 Seelen-Gemeinde elektrisiert. Schließlich besteht die Oberliga nicht nur aus Hobbyteams, Teams wie Schwarzbach, Limburg oder Pfungstadt hatten sich selbst den Sprung nach oben ausgerechnet. Zum entscheidenden Spiel um den Titel gegen Pfungstadt (5:0) kamen 300 Zuschauer, schon zur Halbzeit war der Grill leer. Dabei sind der Verkauf von Bratwurst und Getränken praktisch die einzige Einnahmequelle, immerhin sorgt ein Sponsor für die komplette Ausrüstung.

Die für diese Klasse technisch ungewöhnlich versierte Mannschaft, von der viele Spielerinnen in Gießen studieren, hat von der Bundesligaerfahrung ihres Spielertrainerinnen-Duos enorm profitiert. Grundschullehrerin Nina Kirchhain ist die eher sachliche Macherin, Melanie Soyah, schon zu FSV-Zeiten ein bunter Vogel, die lautstarke Antreiberin. "So lange ich laufe, darf ich auch laut sein", sagt Soyah lachend.

Die Regionalliga wird ein neues Abenteuer. "Bislang waren wir eine Spaßgesellschaft, alles ist uns leicht gefallen. Jetzt werden wir auch mal Spiele verlieren", warnt Melanie Soyah. Denn die Spielertrainerin spürt, dass sie in Roßdorf schon vom nächsten Wunder träumen.

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