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Triathlon „Raus ins Feld und Attacke!“

Der neue Triathlon-Bundestrainer Faris Al-Sultan über den Einfluss von Hawaii-Sieger Patrick Lange, die Vorwürfe von Sebastian Kienle und das Aussterben der Paradiesvögel.

Ironman
„Ich bin seit 1999 fast jedes Jahr dort, und diese Bedingungen waren wirklich außergewöhnlich“. Faris Al-Sultan über Hawaii 2018. Foto: afp

Herr Al-Sultan, sind Sie zu ihren ersten Terminen bei der Deutschen Triathlon Union (DTU) wie früher mit dem Wohnmobil angereist?
Ja, tatsächlich (lacht). Manchmal ist das wirklich praktisch: Es passt eben alles rein, unter anderem auch ein Triathlonrad.

Brauchen Sie das Wohnmobil, um sich in der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt ein Zimmer zu sparen? 
Es wäre wenig sinnig, nach Frankfurt zu ziehen, weil hier wenig Athleten sind. Einziger Vorteil wäre, dass es zu Patrick Lange nicht mehr so weit wäre. Aber meine Frau würde mich erwürgen, wenn ich unser schönes Haus in München aufgeben würde, außerdem leben dort auch meine Kinder. Da muss ich schon hin und wieder auftauchen.

Der Coup der DTU mit ihrer Ernennung kam überraschend. Was waren die Hintergründe?
Angefangen hat es damit, dass ich beim Triathlon in Roth ganz unverfänglich mit dem DTU-Geschäftsführer Matthias Zöll geplaudert habe. Motto: Wie läuft es denn so? Er hat halt gemeint, es läuft nicht so, und die Ergebnisse kann ja jeder nachlesen. Dann hat er gesagt, die Stelle als Bundestrainer Elite würde neu ausgeschrieben. Auf einmal hieß es, das könnte ich doch gut machen, nachdem ich ein paar Vorschläge unterbreitet hatte. Danach wurde ich zum Vorstellungsgespräch geladen. 

Sie gehörten früher eher zu den Kritikern der DTU.
Es wird ja immer gerne über den Verband geschimpft, aber wenn einer gebeten wird, eine Position zu übernehmen, kommen die Ausreden. Jetzt gibt es die Möglichkeit, mitzuarbeiten und nachzuschauen, ob wirklich nichts zu verändern ist. Ich wollte mich auf keinen Fall vor der Aufgabe drücken.

Dass Sie einmal als Triathlon-Bundestrainer arbeiten war so wenig vorstellbar wie früher Jürgen Klinsmann als Teamchef der Fußball-Nationalmannschaft wurde. Wie viel Reformeifer bringen Sie mit?
Da ich noch nicht genau weiß, wo der Hund begraben liegt, kann ich dazu noch wenig sagen. Natürlich weiß ich, wie gut vieles in der Ironman-Welt funktioniert aber das ist schwer übertragbar. Jeder Athlet ist auf sich selbst gestellt, muss Trainingslager, Material oder Physiotherapeuten erst einmal selbst bezahlen. Wer Geld verdienen will, muss Leistung bringen und Sponsoren überzeugen etc. 

Kommen Sie als Querdenker?
Sicherlich, weil ich die Verbandsstrukturen gar nicht kenne. Ich bringe weder Altlasten noch eine Hausmacht mit.

Der Triathlon war durch den Hawaii-Sieg von Patrick Lange medial zuletzt sehr präsent. Wollen Sie diese Aufmerksamkeit auch gleich nutzen?
Eher umgekehrt: Vielleicht hat sich der Verband ja gesagt, wir nutzen das Vehikel und machen den Coach von einem prominenten Langdistanzler zum Bundestrainer, der offensichtlich ein bisschen was von der Materie versteht. Die Langstrecke ist nicht völlig abgekoppelt von allem anderen. Von den sechs deutschen Hawaii-Siegern bin ich derjenige, der am wenigsten Förderung von Seiten der DTU erhalten hat – aber auch ich habe von dem System über das Wettkampfwesen profitiert. Und dass wir eine herausragende Triathlon-Nation geworden sind, liegt ja wohl auch am Verband, der beispielsweise jahrelang Jan Frodeno gefördert hat, der das ganze Investment als Olympiasieger zurückgezahlt hat. 

 Ihre Stellenbeschreibung liest sich umfangreich ...
 ... lesen Sie noch mal vor (lacht).

Sie sollen den Olympia-Kader auf nationaler und internationaler Ebene neu ausrichten, eine übergeordnete Trainingssteuerung und –kontrolle in Abstimmung mit den Bundesstützpunkttrainer vornehmen und noch die Nationalmannschaft Elite führen sowie trainingsmethodische Leitlinien entwickeln. Klingt nach viel Arbeit.
Das ist auch sehr komplex und schwer, weil in unserer Sportart viele Wege nach Rom führen. Was mir sicher hilft, ist, dass ich schon einmal ein Triathlon-Team (Abu Dhabi Triathlon Team, Anm. d. Red.) geführt habe. Ich bin nicht der Trainer, sondern der Manager. Letztlich muss der Heimtrainer alles exekutieren. Wenn allerdings das Schiff in die falsche Richtung segelt, greife ich ein.

Wie würden Sie ihre Prinzipien beschreiben?
Das hängt von den Stärken und Schwächen meines Athletenpools zusammen und passiert im internationalen Abgleich. Und ein großes Thema ist die Verletzungsgeschichte: Aus meiner Sicht haben wir zu viele dauerverletzte Triathleten.

 Sind Sie eher Theoretiker oder Praktiker? Patrick Lange wehrt sich ja beispielsweise gegen zu viele technische Helferlein, die um ihn herumschwirren.
Das wird auch mein Ansatz sein. Wir testen teilweise unglaublich viel, wissen manchmal aber gar nichts damit anzufangen. Wer zu viel an die Trainingswissenschaft angebunden ist, droht Elementares zu vergessen: einen gewissen Umfang und eine gewisse Härte. Raus ins Feld und Attacke! Das ist immer noch unsere Basis. Puls- und Wattmesser hin oder her. Studien hin oder her. Man sieht doch wie weit Leute kommen, die wenig bis gar kein physisches Talent haben. Das beste Beispiel ist Lionel Sanders: der kann nicht schwimmen, nicht Rad fahren und nicht laufen und war im vergangenen Jahr Zweiter auf Hawaii.

Ihr Vorgänger Dan Lorang hat Jan Frodeno und Anne Haug in die Weltspitze geführt, aber als Bundestrainer nicht so viel vorweisen können.
2012 und 2016 waren sicherlich äußerst unbefriedigende Olympische Spiele für die DTU, weil sie nicht die Stärke des deutschen Triathlons widergespiegelt haben. Ich habe natürlich schon mit ihm telefoniert. Er ist ein ganz hervorragender Trainer, der viel mehr trainingswissenschaftlichen Hintergrund hat als ich, aber dafür komme ich aus der Praxis. Ich habe genug an mir selbst ausprobiert und dabei auch immens viele Fehler gemacht. An der Laktatbildungsrate oder glykolytischen Leistungen mache ich das Talent nicht fest. Wir haben bei der DTU ein bisschen zu lange nur auf die schnellen Füße geschaut, die aber nicht viel bringen, wenn der Kopf nicht hart genug ist. Wir brauchen einen harten Kopf, und wenn dazu noch schnelle Füße kommen, haben wir einen Frodeno II. Aber von Olympiamedaillen will ich gar nicht reden: Da haben wir im Moment mit Laura Lindemann nur eine Athletin, die in diese Sphären vorrücken kann.

Was tun Sie dafür, bei der Sehnsucht nach Leistungssteigerung Doping von der DTU fernzuhalten? 
Wir sind ja weltweit eigentlich in einer privilegierten Situation, weil wir eine tolle Altersklassen- und Wettkampfszene haben, um die uns viele beneiden. Unser Antidopingsystem ist zwar sicher auch noch verbesserungswürdig, aber es gibt wenige Länder, in denen es so gut funktioniert. Wenn mir einer erzählt, der 34 Minuten auf zehn Kilometer läuft, er braucht jetzt Dopingmittel, um schneller zu werden, verstehe ich die Welt nicht mehr. 

Sie schwören Stein und Bein, dass bei den drei deutschen Ironman-Sieger seit 2014, Sebastian Kienle, Jan Frodeno und Lange, alles mit rechten Dingen zugegangen ist?
Ich kann mir das nur ganz, ganz, ganz, ganz schwer vorstellen, dass einer von denen dopt. Bei Patrick Lange kann ich ja sagen: Mit ihm lag ich im Trainingslager im wahrsten Sinne des Wortes unter einer Decke. Ich habe mit vielen Athleten schon in meiner Anfangszeit auf wenigen Quadratmetern zusammengewohnt, und so etwas würde man mitbekommen. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass man ganz hervorragend Hawaii gewinnen kann, ohne irgendwelche Dopingmittel zu nehmen. Entgegen der Experten, die in Internetforen irgendeinen Schwachsinn schreiben. Wenn man sich den Patrick mal anschaut, dann hat er eine unheimlich ökonomische Lauftechnik: Er läuft sozusagen in seinem Tempobereich schwerelos und sitzt unglaublich aerodynamisch auf dem Rad sitzt. 

Konkurrent Kienle hat behauptet, Lange würde gerne auch im Windschatten fahren. 
Mich hat das mehr geärgert als Patrick. Ich war richtig sauer! Sebi hat sich doch auf frühere 70.3-Rennen bezogen, wo die Kampfrichter nicht richtig durchgreifen. Aber ausgerechnet auf Hawaii ist das Rennen seit Jahren extrem fair. Die Kampfrichter interessieren sich null, ob einer Weltmeister oder Waldmeister ist: Wenn einer den Abstand von elf Metern nicht einhält, hängen sie einem im Genick. Ich habe dort auch schon eine Blockingstrafe bekommen, weil man davor in der Renndynamik nicht gefeit ist. 

Es gab noch andere Vorwürfe.
Ja, er soll gecoacht worden sein – und das ist auch richtig, weil ich im vergangenen Jahr diesen Fehler begangen habe. Patrick musste es ausbaden und hat eine Minute Strafe bekommen. Hawaii war in diesem Jahr ein Läuferrennen, und der schnellste Läufer hat gewonnen.

Gab es eine Aussprache mit Kienle?
Die beiden haben sich direkt vor dem Rennen auf Hawaii ausgesprochen, das war auch wichtig. Ich bin eigentlich ein Sebastian-Kienle-Fan, weil ich ja einen ähnlichen Stil gefahren habe. Ich empfand es unglücklich, weil ungefähr die Message rüberkam: Patrick bescheißt und dopt. 

Und dopt?
Indem Sebi behauptete, er hätte keinen Respekt vor Leuten, die Windschatten fahren und dopen, gehörte das für Leser, die nicht aus der Szene kommen, in dem Moment zusammen.

Hätten Sie es für möglich gehalten, dass ein Mensch unter acht Stunden die 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen auf Hawaii bewältigt?
Ich bin seit 1999 fast jedes Jahr dort, und diese Bedingungen waren wirklich außergewöhnlich: Das habe ich noch nie erlebt. Zwar hatten wir auch die vergangenen Jahre kaum Wind, aber diesmal war es noch bedeckt und verhältnismäßig kühl. Zudem machen die Materialien gegenüber früher viel aus: Heute gewinnt keiner mehr in einer Badehose, die sich aufbläht. Die Wattzahlen haben sich hingegen kaum verändert: Was Normann Stadler 2004 getreten hat, wird von der nackten Leistung wohl das Maß aller Dinge bleiben.

Wie groß ist ihr Anteil an Langes Doppelsieg?
Ich bin halt ein Rädchen im Getriebe. Ich bin noch nicht einmal viel am Mann, sondern schreibe ein paar WhatsApp für die Trainingsstruktur. Ihm war ganz wichtig, dass er jemand hat, dem er in dieser Hinsicht vertraut. Wer sich sein Training anschaut, stellt fest: Das ist unglaublich banal. Einzige Veränderung war, das Krafttraining stark zur forcieren. Ansonsten ist die Hawaii-Vorbereitung der alte Standard:  Mittwoch lang und hart Radfahren, Samstag hart und lang, Sonntag zwei Stunden Lauf. Mit solchen Schlüsseleinheiten haben schon Jürgen Zäck und Stadler vor 20 Jahren in San Diego trainiert. 

Was hat der Ironman Lange, was der Ironman Al-Sultan nicht hatte?
Er hat einen sehr effizienten, ich hatte einen sehr kraftraubenden Stil. Und der Patrick ist ein ganz anderer Typ. Wie mit Dave Scott und Mark Allen: Der eine kommt daher und schreit: ‚Hier bin ich‘, der andere ist eher ruhig und explodiert auf der Strecke. Wenn ich ein bisschen wie Dave Scott war, ist Patrick eher wie Mark Allen.
 
Was ist denn aus den Abenteuerzeiten des Ironman noch geblieben?
Wenn man sich mal anschaut, wer die ersten waren: Taxifahrer, Barbesitzer, Paradiesvögel. Triathleten sind auf jeden Fall Typen, die ein starkes Ego haben und beachtet werden wollen – und die sind dann auch im Beruf erfolgreich, weil sie ehrgeizig sind. Es sind Leute, die eine Herausforderung suchen. Solche Haudraufs sind zumindest bei den Profis weniger geworden.
 
Die DTU hat derzeit 59.000 Mitglieder. Es gibt zwar weiterhin ein Wachstum, aber wer Triathlon machen will, muss ein bisschen Geld mitbringen. Allein das Rennrad kostet bei vielen Athleten so viel wie ein Kleinwagen. Schreckt das Einsteiger nicht ab? 
Diese Ausrüstungsgeschichte höre ich immer wieder. Da sage ich immer zu den Leuten: ‚Gebt mir 2000 Euro und ich besorge euch bei Ebay alles.‘ Natürlich ist der Schnickschnack, den man sich danach anschaffen kann, unterhaltsam. Was Triathleten ins Schwimmbad mitnehmen: den Schnorchel, das Seil und acht verschiedene Paddel. Aber Badehose und Schwimmbrille würden auch reichen.
 
Aber Kinder, die vielleicht den Ironman-Sieger Lange gut finden, spielen dann letztlich doch lieber Fußball, oder?
Triathlon ist tendenziell ein Sport, wo man schon im jungen Alter auch mal alleine trainieren muss. Es geht auch weniger darum, jemand anderen zu besiegen, sondern du machst es für dich und dein Ego, aber das macht es auch so schön und spannend. Ich kann von mir sagen: Auch wenn es Triathlon nicht gegeben hätte, wäre ich geschwommen, Rad gefahren und gelaufen. Ich hätte nur keine Wettkämpfe gemacht. 
 
Interview: Frank Hellmann

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