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Triathlon Fast wie ein Glaubenskrieg

Die Fehde zwischen den beiden Triathlon-Konkurrenten Ironman Frankfurt und der Challenge Roth erreicht die nächste Eskalationsstufe.

Umjubelter Triathlet: Jan Frodeno bei seinem zweiten Hawaii-Sieg 2016. Foto: imago

Vielleicht ist eine friedliche Koexistenz zwischen den beiden großen Triathlon-Konkurrenten wirklich nur noch ganz am Rande möglich, bei Veranstaltungen wie der Triathlon-Night: Am Ausgang der Stadthalle Langen verteilten die einen am Wochenende Adventskalender, auf denen die Termine für die vier Ironman-Rennen auf deutschem Boden aufgedruckt waren. Die anderen ermöglichten vor einer Stellwand mit Challenge-Logo Siegerfotos. Jeweils nette Erinnerungen. Doch damit waren die Gemeinsamkeiten auch schon erschöpft.

Die Delegation der vom Weltverband WTC gelenkten Ironman-Serie und der aus dem fränkischen Roth gelenkten Challenge-Veranstaltungen begegneten sich ansonsten mit eisigem Schweigen, weil die beiden wichtigsten Langdistanz-Rennen tatsächlich am gleichen Tag stattfinden: Der 9. Juli 2017 wird nicht nur Athleten, sondern auch Fans, Helfer und Medien für die 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen vor die Wahl stellen: das idyllische Roth oder das pulsierende Frankfurt? Hier wie da werden Helden gekürt und Rekorde gejagt.

Eine lange Fehde steuert auf eine neue Eskalationsstufe zu: Björn Steinmetz als Ironman-Geschäftsführer Deutschland sowie Alice, Felix und Kathrin Walchshöfer von der Challenge-Leitung hatten sich mal wieder nichts zu sagen. Die Terminüberschneidung gab es zwar zuletzt auch 2012, sollte aber eigentlich für immer vermieden werden. Ein frommer Wunsch. „Wir belegen seit Jahrzehnten das zweite Juli-Wochenende, in Jahren einer Fußball-WM oder EM das Dritte“, beteuerten die Walchshöfers. „Wir müssen immer mehrere Wettkämpfe koordinieren. An dem Tag findet der Ironman Klagenfurt statt“, sagte Steinmetz.

Die Kompromissbereitschaft bei der Terminkollision tendierte dem Vernehmen nach gegen null. Dumm nur: Die dank Doppel-Weltmeister Jan Frodeno zuletzt ungeahnte Aufmerksamkeit generierende Randsportart schießt sich damit selbst ins Knie. Wäre ja ungefähr so, als würden im Fußball das Champions-League-Finale und das EM-Endspiel am selben Abend gespielt. Und müsste Cristiano Ronaldo sich überlegen, ob er für Real Madrid oder Portugal aufläuft.

"Dilettantismus in Reinform"

Vermittlungsversuche der Deutschen Triathlon-Union (DTU) schlugen fehl; der Verband hat gegenüber den privaten Ausrichtern keine offizielle Handhabe. Auch die Funktionäre sind nicht glücklich, dass sich eine wachsende Sportart dermaßen einfältig kannibalisiert. Faris Al-Sultan muss sich zügeln, dass ihm keine Flüche herausrutschen: „Also formuliere ich es diplomatisch: Ein GAU. Man erlaubt der WTC und Challenge wieder auf dem Rücken des deutschen Triathlonsports, zu dessen Erfolg beide natürlich sehr beitragen, ihren privaten Zwist auszutragen.“ Der Altmeister empört sich über „Dilettantismus in Reinform“. Frankfurt-Begründer Kurt Denk, der einst die Ironman-Lizenz aus Roth erwarb, rät ironisch: „Der liebe Gott hat den Verantwortlichen die gleiche Sprache gegeben. Man sollte dieses Geschenk im Sinne des Sports ruhig mal benutzen.“

Ironman oder Challenge – das wird unter Triathleten mitunter wie ein Glaubenskrieg betrachtet. Die einen sehen in dem nach Franchise-Prinzipien aufgebauten Challenge-Gebilde einen bodenständigen Familienbetrieb, der noch die wahren Werte ihres Sports aufrechterhält und in der wachsenden Ironman-Serie eine gewinnsüchtige Vereinigung, die nur noch nach Expansion und Profit strebt. In Langen brach deshalb lautes Jubelgeheul los, dass Roth mit weitem Abstand von fast 23 000 Lesern des „Triathlon-Magazins“ erneut zum „Rennen des Jahres“ auf der Langdistanz gewählt wurde.

Um eine differenzierte Betrachtung bemühen sich die deutschen Heroen, die auf Hawaii auf dem Podium standen. Frodeno teilte per Videobotschaft aus Australien mit, dass er einerseits das Ambiente in Roth enorm schätze, wo er eine neue Weltbestzeit schaffte. Anderseits wolle er keine drei Langdistanz-Rennen im nächsten Jahr für seinen angestrebten dritten Sieg auf Hawaii bestreiten. Da er selbst als Ironman-Weltmeister über das komplizierte Qualifikationssystem noch keinen Startplatz sicher hat, muss er also noch einen Ironman machen. In Frankfurt?

Manager Felix Rüdiger bestätigt Verhandlungen, doch müsse dem Marktwert auch irgendwie Rechnung getragen werden. In diesem Jahr hatte der Ironman-Weltmeister bekanntlich Roth vorgezogen – die Branche spekulierte sogar von einer sechsstelligen Startgage. „Dass Jan noch einmal nach Roth kommt, ist aber unwahrscheinlich“, sagte Alicia Walchshöfer der FR. Erneut auf eine Weltbestzeit zu setzen – diesem Ziel will man nicht nachjagen.

Im Abwägungsprozess befindet sich auch der WM-Zweite Sebastian Kienle als Titelverteidiger in Frankfurt. Problem: Der von der WTC vorgesehene feste Vergütungskatalog berücksichtigt nicht die Sonderstellung der deutschen Stars. Daher hält sich sogar der Sensationsdritte Patrick Lange aus Darmstadt alle Türen offen: „Texas, Roth oder Frankfurt: Für mich gibt es drei Varianten.“ Challenge und Ironman, deren 3000 Teilnehmerplätze hier wie da in Windeseile ausgebucht waren, bestätigen jeweils, die Gespräche mit den Topathleten aufgenommen zu haben. Das Hauen und Stechen geht also weiter. Nur auf anderer Ebene.

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