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Sportpsychologe Oliver Stoll Problematische Suchtsymptome

Sportpsychologe Professor Oliver Stoll im FR-Interview über gute Gefühle und sinkende Hirnleistung beim Sport.

08.12.2009 00:12
Professor Oliver Stoll ist Sportpsychologe an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und selber Ausdauersportler. Foto: dpa

Herr Professor Stoll, der Zugspitzlauf ist nur die alpine Top-Herausforderung. Bergläufe gibt es auf etliche Gipfel: Sind die Teilnehmer Masochisten?

Nein. Die Sportler machen so einen Lauf ja nicht, um Schmerzen zu haben...

Aber ihre Qual ist doch mit Händen zu greifen!

Das stimmt. Aber die nehmen sie in Kauf, weil sie etwas erreichen und etwas Besonderes erleben wollen.

100-Kilometer- und 24-Stunden-Läufe: Warum tut sich das jemand an?

Meist gibt es nicht nur ein Motiv. Oft fängt es damit an, dass jemand etwas für seine Gesundheit tun will. Dann ändert sich das. Für viele wird das Laufen plötzlich zum Lebenssinn. Ein athletischer Körper steigert das Selbstwertgefühl. Dann gibt es das sogenannte Feeling-better-Phänomen. Das ist eine kurzfristige euphorische Befindlichkeitsveränderung, die nach dem Ziel bis zu vier Stunden anhalten kann. Auch sie ist ein Grund warum Läufer laufen.

Das klingt nach einem kurzfristigen Kick. Manche Sportlern wirken aber geradezu besessen.

Das hat auch mit dem "Selbstunternehmertum" zu tun. So ein Marathon-Projekt ist etwas, was ein Läufer ganz allein durchziehen und selbstbestimmt planen kann - vom Training, über selbst gesetzte und dann erreichte Ziele bis zum Event selbst. Das ist für viele ein wohltuender Kontrapunkt zum Alltag, wo sie sich nur als Rad in einer großen Berufsmaschine fühlen. Diese positive Verstärkung suchen viele, aber finden sie im Beruf nicht mehr.

Das klingt ja noch ganz vernünftig. Was aber treibt jene, die fast schon fanatisch laufen?

Diese Läufer haben eine bestimmte Persönlichkeitsdisposition. Wir nennen sie Sensation Seekers. Sie brauchen den Kick. Normalerweise machen die auf der Suche nach dem schnellen Adrenalinstoß Bungee Jumping oder andere hochriskante Sportarten. Ist so jemand ohne Vorbereitung auf einem Berglauf dabei, um auszutesten, was geht, kann es gefährlich werden. Wobei ich betonen möchte: Eigentlich ist der Zugspitzlauf nicht riskant. Nach vernünftiger Vorbereitung und wenn das Wetter stimmt, ist das machbar. Aber nicht in kurzen Hosen und Netzhemdchen.

Also ist sowas nur für Anfänger gefährlich?

Man muss wissen: Der Kreislauf ist an seiner Grenze, und das Gehirn fährt zur Entlastung alle Areale herunter, die es nicht zum Laufen benötigt - auch den präfrontalen Kortex, den wir brauchen, um Situationen zu analysieren und Probleme zu lösen. Das heißt, die Läufer können Gefahrensituationen nicht erkennen. Wenn dann noch Erschöpfung und eine bestimmte Persönlichkeitsdisposition hinzukommt, bricht das System zusammen.

Sind Extremsportler anders?

Statistisch hat unsere Befragung von 100-Kilometer-Läufern keine Auffälligkeiten ergeben. Es gibt natürlich Ausnahmen, ich nenne sie akzentuierte Persönlichkeiten, die es im Leistungssport öfter gibt. Ein Leistungssportler muss in der Lage sein, sich in hohem Maße zu motivieren und sehr hohe Ziele zu setzen. Wie Perfektionisten. Gefährlich wird das, wenn diese nicht gelernt haben, mit Misserfolgen umzugehen. Dann kann der Ehrgeiz ins Gegenteil umschlagen, in Wut und Enttäuschung, und zu einer Depression führen.

Manche Extremsportler trainieren in jeder freien Minute - ist das schon Getriebenheit?

Ich selbst habe mich früher von einer Grenze zur nächsten getrieben. Zuerst bin ich zehn Kilometer, dann Halbmarathon, Marathon, dann 100 Kilometer gelaufen. Beim 24-Stunden-Lauf war Schluss. Ich weiß, es wird problematisch, wenn Suchtsymptome auftreten: ständige Steigerung der Dosis, soziale Isolation, Entzugssymptome, schlechtes Gewissen, wenn man nicht trainiert, und das Bedürfnis, es immer wieder zu tun. Manche laufen sogar mit Ermüdungsbrüchen. Wenn drei, vier Symptome zutreffen, wird es problematisch. Andererseits: Wenn Olympiateilnehmer 25 Stunden die Woche trainieren, ist das eben so. Wir arbeiten ja auch 40 Stunden und mehr.

Hat die Lust auf Extreme auch mit einem grauen Alltag zu tun?

Ein Großteil der Bevölkerung in der Industriegesellschaft absolviert jeden Tag eine monotone Arbeit. Die Suche nach neuen Reizen ist also plausibel.

Interview: Frauke Haß

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