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Sebastian Kienle "Tiefstapeln kann ich nicht mehr"

Im FR-Interview äußert sich Sebastian Kienle über seine Ziele beim Ironman Hawaii, die Konkurrenz um Jan Frodeno und Doping im Triathlon.

Sebastian Kienle wird beim Ironman Hawaii als Topfavorit gehandelt. Der 30-Jährige hat nichts dagegen. Foto: imago

Sebastian Kienle, Sie weilen schon seit fünf Wochen in Kona am berühmten Alii Drive. Ist die frühe Anreise notwendig, um sich den Traum vom Sieg beim Ironman Hawaii zu erfüllen?
Ich habe das in den beiden vergangenen Jahre schon genauso gehalten. Durch meine Teilnahme bei der Ironman-70.3-WM im kanadischen Mont-Tremblant vor einigen Wochen hatte ich schon die Hälfte der Zeitverschiebung drin, und normalerweise ist der September wettertechnisch in Deutschland sehr unsicher. Konnte ja niemand wissen, wie gut es dann geworden ist, aber die klimatische Anpassung gelingt auf Hawaii einfach besser, wenn man schon vor Ort ist.

Was macht den Reiz aus?
Mit diesem Rennen kann man sich unsterblich machen. Mein Sieg beim Ironman Frankfurt ist wertvoll, aber im nächsten Jahr interessiert das keinen mehr. Hawaii-Sieger bleibt man hingegen ein Leben lang – das ist so wie bei einem Fußball-Weltmeister. Und man muss dieses Flair hier erleben: Ich glaube, es gibt kein Fleckchen Erde, an dem das Fitnesslevel der Menschen so hoch ist wie in Kona während der Rennwoche. Und wenn man beim ersten Freiwassertraining im offenen Pazifik plötzlich Delfine sieht, ist das schon ganz besonders.

Sind Sie allein angereist?
Nein, anfangs war mein Trainer Lubos Bilek mit, jetzt ist meine Freundin Christina nachgereist. Sie ist ja selbst eine sehr gute Läuferin, mit der ich bis zu dreimal die Woche trainiere – davon profitieren beide Seiten (lacht).

Seit Normann Stadler 2006 hat kein Deutscher mehr triumphiert. Sie sind zuletzt Vierter und Dritter geworden und werden mit jetzt 30 Jahren als Sieganwärter gehandelt. Spüren Sie eine besondere Last?
Tiefstapeln kann ich nicht mehr. Ich kann und will mich nicht verstecken. Ich führe das Kona Points Ranking an, habe die Europameisterschaft in Frankfurt gewonnen. Ich habe mir meine Position also hart erarbeitet, aber da gibt es noch mindestens fünf andere Kandidaten. Es wird derjenige gewinnen, der das beste Gesamtpaket bietet.

Wie bereiten Sie sich mental vor?
Im Kopf entspannt bleiben. Ich finde den Werbespruch von Jürgen Klopp dazu sehr passend: „Ich glaube nicht daran, dass die Angst vorm Verlieren dich eher zum Sieger macht als die Lust aufs Gewinnen.“ So sehe ich das auch, denn ich werde nicht die nächsten 40 Jahre unglücklich sein, wenn ich Hawaii nicht gewinne. Ich bin am besten locker, nervös werde ich bis zum Start noch früh genug. Ich kann aber sagen: Ich bin voll im Plan und im Kopf noch frisch.

Was trauen Sie Jan Frodeno zu?
Für mich ist ‚Frodo‘ ein Topfavorit, weil er in Frankfurt schon gezeigt hat, zu was er fähig ist, aber auch Nils Frommhold ist nicht zu unterschätzen. Bei ‚Frodo‘ kann beim ersten Mal auf Hawaii alles passieren. Wenn er mit der Hitze klarkommt, traue ich ihm zu, auch ganz weit vorne zu landen. Er hat auf jeden Fall den Speed.

Offiziell werden Sie immer noch als Physikstudent geführt. Gehen Sie noch zu Vorlesungen?
Nein, das Studium ruht. Ich habe zwar das Vordiplom in der Tasche, aber für mich bemerkt, dass das parallel nicht funktioniert. Was nicht heißt, dass die Lust darauf verpufft ist, aber ich studiere in Ansbach jetzt internationales Management; während meiner Verletzungspause war das ein prima Gehirnjogging.

Triathlon ist eine extreme Ausdauersportart. Die Versuchung liegt möglicherweise nahe, die natürlichen Grenzen mit unerlaubten Mitteln zu verrücken. Schwimmt, radelt und läuft bei Ihnen Argwohn mit, wenn Sie auf ihre Konkurrenten blicken?
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Ironman-Szene kein Dopingproblem hat. Sonst könnte ich mich auch nicht immer aufs Neue motivieren. Ich weiß, dass es ein schwaches Argument ist, wenn ich in dieser Debatte zunächst betone, dass man mir vertrauen soll. Aber ich habe meine Spitzenleistungen ganz sicher ohne Hilfsmittel gebracht, und ich habe nicht das Gefühl, dass die Athleten in meinem Umfeld Drogen bräuchten, um da mitzuhalten.

Damit begegnen Sie aber nicht allen Vorbehalten.
Das Dumme ist doch, dass für uns Athleten gefühlt die Beweislastumkehr gilt. Ich kann nur sagen, dass mich Kontrolleure im Auftrag der Nada sogar hier auf Hawaii aufgesucht haben. Ich bin in einem Testpool, in dem ich allein in diesem Jahr schon rund 20-mal unangemeldet kontrolliert wurde – da gibt es meines Wissens im Triathlon nicht viele. Das beweist zwar nichts, ist aber doch ein weiteres Indiz, dass ich sauber bin. Zu dopen, würde für mich alles konterkarieren. Wenn ich mich dazu entschieden habe, die Treppe zu gehen, steige ich auch nicht halbem Wege in den Aufzug.

Interview: Frank Hellmann

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