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Ironman-Meister Patrick Lange „Wir alle leben nur in Blasen“

Der Hawaii-Sieger Patrick Lange zu seinem Verzicht bei Essen und Trinken zum Fest, seinen Erfahrungen mit dem neuen Ruhm und seinen Vorhaben für das Sportjahr 2018.

Ironman Hawaii
Der einsame Lauf gegen die Hitze, die Erschöpfung – und sich selbst: Patrick Lange beim Ironman Hawaii. Foto: afp

Ein trüber Dezembernachmittag. Der Ironman-Weltmeister Patrick Lange hat die „kostbar“ als Treffpunkt vorgeschlagen. Ein heimeliger Wohlfühlladen für biologische Produkte in Nähe des Komponistenviertels in Darmstadt. Der Hawaii-Sieger wohnt nicht nur in der Nähe, sondern pflegt enge Bande mit den Besitzern, die sich auf vegetarische Kost spezialisiert haben.

Heiligabend und Silvester verbringen und verbinden die meisten Menschen mit einem Festtagsbraten. Wie ist das bei Ihnen?
Ich ernähre mich ja nicht vegan, sondern vegetarisch – und das seit acht Jahren. Kein Fisch, kein Fleisch. Aber genau wie alle anderen bin ich über die Festtage mehr am Schlemmen als am Sporttreiben (lacht).

Aber was gibt es zum Fest?
Ich werde in Freising bei München bei meiner Schwester sein, die das zweite Mal schwanger ist. Wir haben kein festes Menü. Ich mag zum Beispiel Süßkartoffeln in allen Varianten und natürlich Salate. Beim Fleischessen mache ich nur einmal im Jahr eine Ausnahme, wenn ich in Texas in einer Gastfamilie untergebracht bin und der Hausherr sein Barbecue zubereitet: Ich fände es respektlos, würde ich dann nicht dieses eine Steak essen.

Es heißt bei Ihnen, dass Sie zum Frühstück Weizengrütze, Haferflocken, Trockenobst, Mandeln, Kokosraspeln, Sonnenblumenkernen und Zimt in Mandelmilch einweichen und mit Sojajoghurt und Obst garnieren. Das hört sich komplizierter als ein Weihnachtsmenü an.
Ist es aber nicht. Das steht alles in Gläsern in der Schublade. Das lässt sich auch im Halbschlaf mischen. Wenn man einmal gemerkt hat, was eine gesunde Ernährung mit dem Körper in Sachen Leistungs- und Regenerationsfähigkeit macht, dann wird das schnell selbstverständlich.

Brauchen Sie Zusatzpräparate?
Ich habe genetisch bedingt einen sehr hohen Verbrauch an Eisen, den ich mit Hülsenfrüchten nicht decken kann; das könnte ich wissenschaftlich aber auch nicht mit Fleischkonsum. Dazu führe ich Vitamin B12 zu. Und wenn ich in der Hochvorbereitungsphase auf Hawaii sechs, sieben Stunden hart trainiere, muss ich für den Energiebedarf auch mit Shakes, Energieriegeln und Eiweißpräparaten arbeiten.

Der hohe Fleischkonsum ist ein Grund für das Ungleichgewicht, aber auch den Hunger in der Welt. Spielt das auch eine Rolle?
Mit den für die Fütterung der Nutztiere verwendeten Ackerflächen könnte man ungefähr die doppelte Zahl von Menschen ernähren, wenn sich alle fleischlos ernähren würden. Also spielt die ethische Frage mit hinein. Bei mir sind es eher egoistische Motive: Ich merke in jeder Leistungsdiagnostik, dass meine Werte seitdem besser geworden sind. Hinzu kommt: Mein Onkel hat eine Metzgerei in Bad Wildungen, in der ich oft in den Ferien gearbeitet und Schweine geschlachtet habe. Und das hat mich eben auch geprägt...

Sie hat das abgeschreckt?
Mir ist das auf jeden Fall im Kopf geblieben. Und es hat nachhaltig etwas mit mir veranstaltet, obwohl ich bestimmt fünf, sechs Jahre weiter Fleisch gegessen habe. Ich behaupte: Jeder, der mal ein Schlachthaus von innen gesehen hat, wird schnell zum Vegetarier. Paul McCartney hat das ja so ähnlich mal besungen...

Stimmt es, dass Sie jeden Tag ein alkoholfreies Weizenbier trinken?
Nicht täglich. Aber es schmeckt mir tatsächlich sehr gut. Wenn ich in der Hitze trainiere, freue ich mich danach unheimlich darauf am Abend.

Meiden Sie Alkohol eigentlich komplett?
Während der Saison schon. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass es mir in irgendeiner Form fehlt. Bei der Triathlon-Night habe ich zuletzt ein Bier getrunken, bei Essen mit Freunden mal einen Rotwein, aber ich kann mich kaum daran erinnern, dass ich mich betrunken gefühlt habe – das letzte Mal ist wohl vier Jahre her.

Stattdessen treiben Sie Sport an Weihnachten und Silvester.
Am Heiligabend bin ich zuletzt in den Isarauen Laufen gewesen, ohne Trainingsplan und Stress. Nur 15 Kilometer, ein lockeres Stündchen. Ich kann nicht den ganzen Tag nur rumsitzen. Und am 31. Dezember stehe ich in Frankfurt beim Silvesterlauf am Start.

Vor genau zwei Jahren standen Sie am Scheideweg und wären beinahe in ihren Beruf als Physiotherapeut zurückgegangen. Dann hat ihnen ein Logistikunternehmen ermöglicht, sich noch einmal für drei Jahren auf Triathlon zu konzentrieren. Inwieweit wurde ihr Leben durch den Titel als Ironman-Weltmeister auf den Kopf gestellt?
Das ist definitiv passiert. Mein Leben hat sich schlagartig verändert, aber Leben verändert sich immer. Ich sehe das wirklich positiv. Ich weiß zu schätzen, dass die gestiegene Popularität auch schnell wieder verfliegen kann, weshalb ich den Rest des Jahres genutzt habe, z.B. einige Talkshows aufzusuchen.

Sie sind nicht nur bei Markus Lanz oder Günther Jauch gewesen, sondern kürzlich auch nach New York zum Broadcaster NBC geflogen.
Es ging um eine Veranstaltung der Ironman Foundation, eine Non-Profit-Abteilung des Ironman. An dem Abend mit meiner Anwesenheit wurden 160 000 Dollar für wohltätige Zwecke gesammelt. Stressig, aber schön.

Merken Sie beim Blick aufs Bankkonto, dass Sie Hawaii-Sieger sind?
Natürlich. Es wäre ja schade, wenn das nicht so wäre. Der Sieger auf Hawaii bekommt 120 000 Dollar, da werden aber direkt 30 Prozent amerikanische Steuern abgezogen. Ich kann gewiss nicht sagen, ich lege die Füße hoch und muss mein Leben nicht mehr arbeiten.

Bei der Sportlerwahl des Jahres sind Sie Zweiter hinter dem Nordischen Kombinierer Johannes Rydzek geworden. Zufrieden?
Ich fand supertoll, dass ich dort aufs Treppchen durfte. Die Nordischen Kombinierer waren fast jedes Wochenende im Winter präsent – da können wir nicht mithalten. Daher ist mein zweiter Platz für den Triathlon eine coole Sache, weil wir immer noch Randsportart sind.

Vor zwei Jahren wurde der Ironman Jan Frodeno gleichwohl zum Sportler des Jahres gekürt.
Es geht bei dieser Wahl mehr um das Gesamtbild und weniger um sportliche Wertigkeit. ‚Frodo‘ hatte natürlich den Vorteil, vorher schon Olympia-Gold gewonnen zu haben. Er stand im Grunde jahrelang in der Öffentlichkeit, mich kennen die meisten erst seit drei Monaten. Außerdem muss man sich ein bisschen Luft nach oben lassen (lacht).

Wie ist ihr Verhältnis zu Frodeno?
Gut und respektvoll. Wir sind ja früher schon für TuS Griesheim in der Triathlon-Bundesliga gestartet und kennen uns seit Ewigkeiten. Seine Geste auf Hawaii hat mich gefreut.

Mit welchen Zielen gehen Sie ins nächste Jahr? Sie werden bereits beim Ironman Frankfurt auf Frodeno treffen. Es kündigt sich für den 8. Juli 2018 ein Showdown der Superlative an.
Natürlich möchte ich als hessischer Bub in Frankfurt gewinnen, aber wenn ich dort nur Dritter würde und dafür wieder Hawaii gewänne, würde ich diese Konstellation vorziehen.

Ist es möglich, auf Hawaii unter acht Stunden zu bleiben?
Diese Marke spielt für mich nur in dritter oder vierter Instanz eine Rolle. Ich habe die neue Benchmark gesetzt, und die acht Stunden sind menschenmöglich. Nur diese Insel besitzt ihre eigenen Regeln. Es kann sein, dass der nächste Sieger achteinhalb Stunden braucht.

Sie haben im Zielkanal von Kona bekannt, Sie hätten mit dem Gedanken gespielt, zwischendrin aufzuhören. Warum?
Man dringt bei solch einem Rennen in Seelenbereiche vor, die man aus dem normalen Leben nicht kennt. Ich hatte plötzlich sechs Minuten Rückstand auf dem Rad. Gerade weil man sich monatelang darauf vorbereitet hat, muss man stahlhart in der Birne sein, um sich zu sagen: ‚Der Tag ist noch lang‘. Auf dem Rückweg von Hawaii habe ich mich in eine Helikopterperspektive versetzt, um die emotionalen Aspekte außen vor zu lassen.

Was haben Sie sich da gesagt?
Sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und fester zu treten. Und als ich dann zu Boris Stein aufgefahren bin, habe ich ihm beim Vorbeifahren zugerufen, er solle mir helfen – wir kennen uns ja gut. Spannender als dieses Rennen geht es bei einem Ironman kaum. Mich haben viele Menschen angesprochen, die eigentlich nur den Schwimmstart schauen wollten und dann bis drei Uhr nachts ausharrten.

Sie haben verraten, dass Ihnen der nach langer Krebskrankheit verstorbene Lilien-Fan Jonathan Heimes auch Kraft gegeben habe.
Mich hat das angeschoben, doch ich hatte vorher keinen Kontakt zur Familie und ihn selbst auch nicht kennengelernt – die Verbindung zur Stiftung wurde im Nachgang aufgebaut, weshalb ich jetzt sein Armbändchen trage. Gerade haben wir eine Aktion angeschoben, dass ein Trainer aus meinem Verein DSW Darmstadt Schwimmtraining mit krebskranken Kindern anbietet.

Der SV Darmstadt 98 ist das sportliche Aushängeschild ihrer Wahlheimat. Wie ist der Bezug?
Ich war schon mal in der Regionalliga dort, als das Böllenfalltor fast leer war. Mich hatte jetzt im Herbst der damalige Trainer Torsten Frings angerufen, ob ich mal kommen könnte – sie hätten einen Durchhänger und würden mich gerne hören. Ich habe dann eine Dreiviertelstunde vor einem Training in der Kabine zur Mannschaft gesprochen.

Ein ausgearbeiteter Vortrag?
Nein, ich bevorzuge interaktive Geschichten mit Fragen und Antworten. Alle erreicht man nicht, aber mit Jan Rosenthal habe ich bis heute noch Kontakt. Ich möchte nur noch sagen: Ich bin kein Hardcore-Fan der Lilien und habe auch kein Trikot zuhause. Ich freue mich für Eintracht Frankfurt beispielsweise aus lokaler Sicht genauso.

Der Fußball ist die Sportart, die zunehmend den Rest des Sports an den Rand drängt, was Fernsehpräsenz, Zuschauer und Sponsoren angeht. Eine Gefahr?
Sicher. Der Fußball ist sehr präsent. Ich vermisse eine gewisse Vielfältigkeit. Die Frage stellt sich ja: Warum fokussieren sich die Medien auf den Fußball? Weil sie dem Interesse der Massen folgen.

Müssten nicht gerade die Öffentlich-Rechtlichen dafür sorgen, dass auch Randsportarten nicht vergessen werden?
Im Triathlon habe ich nicht das Gefühl: Das ZDF hat den Ironman Hawaii übertragen, der Hessische Rundfunk und damit die ARD tun das seit langem mit dem Frankfurt Ironman. Ich würde mir auch beim Zuschauer wünschen, dass er sich nicht nur den Mainstream verfolgt. Aber irgendwie ist der Deutsche da sehr konservativ.

Der Normalmensch kann sich in die Belastung eines Ironman kaum hineinversetzen. Wer sich schon mal an einem Marathon versucht hat, weiß ungefähr, was für eine Strapaze dann 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen sind. Wie würden Sie irgendwann später ihrer kleiner Nichte erklären, dass sie Triathlon machen soll?
Triathlon ist wie Fußball – nur geiler! (lacht). Das wir ein gesondertes Völkchen mit einer besonderen Leidenschaft sind, steht außer Frage. Ich würde die vielen Berührungspunkte mit der Natur, aber auch die besonderen Begegnungen mit Menschen in den Vordergrund stellen. Man sollte nicht mit einem Ironman beginnen. Eine Sprintdistanz reicht. Und ich sage immer: Wir reden noch einmal, wenn derjenige über die Ziellinie gekommen ist. Der Triathlon entwickelt die Persönlichkeit und verändert die Seele. In krasser Form.

Inwiefern?
Schwimmen, Radfahren, Laufen, dazu Krafttraining: Für den Körper wird eine Palette wie in kaum einer anderen Sportart abgedeckt. Im Kopf passiert etwas, wenn man sich überwindet, draußen bei fünf Grad im Regen eine Radausfahrt zu machen. Schafft du es, schaffst du es nicht? Ich habe das mit Faris Al-Sultan drei Tage vor Hawaii durchlebt: Ich habe nicht für möglich gehalten, den Ironman durchzuhalten. Faris hat nur geantwortet: ‚Das hast du letztes Jahr auch gedacht!‘

Der Hawaii-Sieger von 2005 ist ihr Trainer. Was ist das besondere an ihm?
Er ist sehr einfach in seiner Visualisierung. Das ist nicht jedermanns Sache. Viele Triathleten können nicht damit umgehen, wenn auf dem Trainingsplan steht: eine Stunde flott laufen. Weil das Interpretationsspielraum lässt und stark auf Körpergefühl setzt, das viele aufgrund von Geräten wie Garmin, Pulsuhren oder sonstwas verloren haben. Ich kann eine solche Angabe für mich konvertieren.

Wie spürt Faris Al-Sultan Ihre Verfassung?
Wir haben viel Kontakt, und er hört oft schon an meiner Stimme mein Befinden. Mir gefiel schon immer seine Einfachheit, wenn er ins Trainingslager ging und zwei T-Shirts dabei hatte. Sein Reisegepäck bestand aus einem Radkarton und ein paar Tüten. Das wirkte so befreiend.

Wie haben Sie sich gefunden?
Im Trainingslager auf Lanzarote. Ich sagte ihm damals: ‚Wenn du deine Karriere beendest, wirst du mein Trainer!‘ Das war ein Bauchgefühl. Und wie es der Zufall wollte, beendete er beim Ironman Texas 2015 seine Karriere, wo ich ein Jahr später gewonnen habe.

Liebe auf den ersten Blick?
(lacht). Sozusagen. Ich bin sein erster Athlet, und es ist schon eine besondere Beziehung. Wir sind uns menschlich sehr nah.

Sie haben zuletzt in so mancher Talkshow interessante Menschen kennengelernt. Was ist übergreifend haften geblieben?
Für mich hat sich vor allem herauskristallisiert, dass wir alle echt nur in Bubbles, in Blasen leben. Nico Rosberg in seiner Formel-1-Blase, aber er schaut dann auch mal raus und sieht auf einmal die verrückten Triathleten. Und wir leben in unserer Triathlon-Blase und denken uns: ‚Die Formel1-Fahrer, der ist aber ein toller Junge.‘ Dann kam aber Nico und wollte eine Selfie mit mir. Wir haben immer noch Kontakt.

Müssen Sie bei ihrem Heimatverein beim DSW Darmstadt nach dem Training Autogramme geben?
Ja, zumal ich häufiger mit Marco Koch trainiere. Wir haben beide in unserer Abteilung da auch einen Auftrag: Wenn ich vor 15 Jahren in mein Schwimmbad gekommen wäre und da würde der Ironman-Sieger und ein Weltklasse-Schwimmer trainieren, was hätte ich dann gemacht? Ich bin mir dieser Rolle noch gar nicht immer bewusst.

Werden Sie auf der Straße auch oft erkannt?
Das hält sich in Grenzen. Manchmal spüre ich das Gemurmel der Leute. Manchen raunen, dass sie gedacht hätten, ich wäre größer.

Ab dem 1. Januar sind Sie dann schon wieder auf Reisen.
Genau, weil ich dann nach St. Moritz ins Trainingslager fahre, um meinen geregelten Trainingsaufbau anzugehen. Skilanglauf an, Schwimmen und Radfahren auf der Rolle. Und ab 9. Januar geht es dann weiter nach Lanzarote, damit verschiebt sich der Fokus komplett wieder aufs Sportliche.

Stoßen Sie aufs neue Sportjahr vorher mit Sekt oder Selters an?
Mit einem Weizenbier. Dann aber mit Alkohol (lacht).

Interview: Frank Hellmann

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