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Ironman in Wiesbaden Der Tod schwimmt mit

Das Drama um den Staffel-Triathleten beim Halbdistanz-Ironman in Wiesbaden ist längst kein Einzelfall mehr.

Ein Schwimmer ertrank am Wochenende beim Ironman-Triathlon in Wiesbaden. Foto: Christian Sahm

Das Drama um den Staffel-Triathleten beim Halbdistanz-Ironman in Wiesbaden ist längst kein Einzelfall mehr.

Manch gestählter Körper hatte am Sonntag im Kurpark von Wiesbaden größte Mühe, vier simple Stufen einer Eisentreppe zu bewältigen, die zur ersehnten warmen Dusche führte. Welche Strapaze selbst ein halber Ironman – die sogenannte 70.3-Distanz beinhaltet 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und 21,1 Kilometer Laufen – darstellt, war erst wieder nach der Europameisterschaft zu beobachten.

In dem vom Dauerregen aufgeweichten Athleten-Garten hielten sich die abgekämpften Triathleten auf, die sich Finisher nennen durften. Erst allmählich sprach sich der Stimmungskiller eines ansonsten stimmungsvollen Events herum: Der Tod eines 55-jährigen Hessen, der als Staffelschwimmer einer Firma gestartet war und bereits auf dem ersten Streckenteil im Schiersteiner Hafen leblos aus dem Wasser gezogen werden musste.

Die sofort eingeleiteten Maßnahmen in den Horst-Schmidt-Kliniken von Wiesbaden blieben erfolglos – letztlich konnten die Ärzte nur den Tod feststellen. Nach allen Erkenntnissen sind dem Ausrichter keinerlei Vorwürfe zu machen. „Die Rettungskette hat perfekt funktioniert“, sagt Renndirektor Kai Walter, „der Mann ist sofort aus dem Wasser gezogen und noch im Rettungsboot reanimiert worden.“ Dem Vernehmen nach sei der Mann zuvor sogar mehrfach von begleitenden Helfern auf Surfbrettern angesprochen worden, weil er weit zurückgefallen war und einen müden Eindruck gemacht habe.

Walter: „Ich kann nur sagen, dass wir unsere behördlichen Auflagen bei Weitem übererfüllen, wir haben seit jeher mehr Helfer, Rettungsboote und Rettungstransportwagen an der Strecke als gefordert.“ Der Geschäftsführer des europäischen Ironman-Headquarters wirkt geschockt. Im Triathlonsport haben sich die Todesfälle so wie in keiner anderen Ausdauersportart gehäuft. Auch in Aachen, Ingolstadt und Cottbus starben Triathleten. Schon bei der ersten Disziplin im Wasser.

Klaus Pöttgen, der medizinische Direktor des Ironman in Frankfurt und Wiesbaden, erklärt die tragische Entwicklung so: „Schon das Tragen eines Neoprenanzugs ist nichts Normales: Die Sportler schwitzen mehr, dazu kommt die vertikale Lage im Wasser. Schon kleinste Behinderungen führen zu einem massiven Laktatanstieg mit einer extremen Kreislaufbelastung.“ Zudem besitzen die Staffelschwimmer oft kaum Wettkampferfahrung, doch bei einem Triathlon sind Tritte und Schläge alltäglich. Pöttgen: „An den Bojen kann es zu Zweikämpfen wie beim Fußball, ja zu regelrechten Schlägereien kommen.“ Schlechtere Schwimmer sollten sich hinten oder außen einordnen und nicht die Ideallinie suchen – ein Hinweis, der aus falschem Ehrgeiz oft ignoriert wird.

Todesfälle regelmäßige Erscheinung

Todesfälle sind in allen boomenden Ausdauersportarten eine regelmäßige Erscheinung: Im Juli erst starb der passionierte Mountainbiker Heinrich Schmieder, besser als „Tatort“-Ermittler bekannt, beim „Bike Transalp“ ? der 40-Jährige wurde tot in seinem Hotelzimmer im italienischen Livigno gefunden. Im Juni zeigte sich, wie gefährdet untrainierte Menschen sind ? beim J.P. Morgan-Lauf in Frankfurt, wo sich 72000 Menschen über eine 5,6-Kilometer-Strecke drängeln und dafür stundenlang anstehen, kollabierte ein Mann und starb.

Die ärztliche Versorgung soll nach Augenzeugenberichten unzureichend gewesen sein. Das Unternehmen kommunizierte den Fall nicht. Man wolle „keine große Aufmerksamkeit schaffen“, hieß es. Weil der Tod nicht in ein Event passt, das allein für ein positives Firmenimage positioniert wird?

Fast immer wird diskutiert, ob vor einem Ausdauerwettkampf eine sportmedizinische Untersuchung zur Auflage gemacht werden kann. Für ältere Teilnehmer, die sich das erste Mal der Herausforderung eines Marathons oder Triathlons stellen wollen, sollte der Gesundheitscheck zur Pflicht werden. Fast alle Veranstalter stehen dem ablehnend gegenüber und appellieren stattdessen an die Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Das nützt aber nichts.

„Ich denke, dass viele Altersklassenathleten die Frage auf die leichte Schulter nehmen, weil sich beispielsweise fast alle Triathleten für überdurchschnittlich fit halten“, sagt Pöttgen. Und er warnt: „Viele Über-50-Jährige besitzen koronare Vorschädigungen, von denen sie nichts wissen.“ Der Darmstädter Mediziner räumt ein, dass selbst bei Unter-35-Jährigen erblich bedingte Erkrankungen vorkommen, die zum plötzlichen Herztod führen können. Klaus Pöttgen: „Eine 100-prozentige Sicherheit kann nicht mal die sportmedizinische Untersuchung bieten.“

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