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Ironman Frankfurt Weniger ist mehr

Warum Hawaii-Sieger Jacobs die Kollegen kritisch betrachtet und der Australier am Sonntag in Frankfurt kaum gewinnen wird

Stargast in Frankfurt: Hawaii-Sieger Pete Jacobs. Foto: dpa

Die Stimme von Mike Reilly wirkte ziemlich vertraut. Und sie zauberte Pete Jacobs auf Anhieb das typische Lächeln ins Gesicht. Wie auf Kommando grinste der Hawaii-Sieger, als der Staransager sich im 21. Stock eines Frankfurter Hotels mit Skyline-Blick das Mikrofon griff, um den Stargast des 12. Frankfurt Ironman anzukündigen. Die mittlerweile wichtigste deutsche Triathlon-Veranstaltung, die zugleich als Europameisterschaft firmiert, bringt diesmal mit Jacobs nicht nur den aktuellen Weltmeister an den Start (6.45 Uhr am Langener Waldsee/ab zehn Uhr live im hr), sondern mit Reilly wartet eine lebende Legende im Ziel.

Was Michael Buffer einem Boxkampf gibt, stellt Mike Reilly für einen Ironman unter dem Dach der World Triathlon Corporation (WTC) dar – eine unverwechselbare akustische Identität seit einem Vierteljahrhundert. Dessen unverwechselbarer Ausruf „you are an ironman“ gilt als Ritterschlag unter den Extremsportlern, die die 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen angehen. Ein Status, über den der Heroe Jacobs längst hinaus ist: Seit sich der 31-Jährige im vergangenen Oktober in Kona den Siegerkranz aufsetzte, wird er in Triathlon-Kreisen angehimmelt: Sein erster Start in Frankfurt ist umrahmt von PR-Auftritten oder Fotoshootings. „Mein Leben hat sich seitdem sehr verändert.“

Nach Frankfurt, wo laut WTC-Boss Andrew Messick diesmal das „stärkste Feld außerhalb von Kona“ zusammenkommt, ist der Champion im Beisein seiner Frau Jaimielle und seines Vaters Jeff gereist. Dass die 28-jährige Ehefrau, die alle Sponsoren- und Medientermine koordiniert, und der 62-Jährige Papa, der seinem Sohn in Sydney früh zum exzellenten Schwimmer formte, um ihn vor den Gefahren im Meer zu schützen, begleitet haben, ist die Ausnahme. Denn der Triathlet, dessen vier Jahre älterer Bruder Tim den australischen Kajak-Vierer coacht, der in London olympisches Gold gewann, gibt ansonsten bewusst den Einzelgänger. Trainieren in der Gruppe kommt für ihn nicht infrage.

Staunen über die Raelerts

„Ich lebe nicht nach einem Plan, sondern nach meinem Gefühl.“ Ist es gut, wird gepowert; ist es schlecht, wird geruht. Eine simple wie effektive Methode. Wer Jacobs den Trainingsumfang des Hawaii-Zweiten Andreas Raelert vorlegt, dessen in Frankfurt startender Bruder Michael sich eher noch länger quält, erntet ungläubiges Staunen.

1000 Kilometer Schwimmen, 19 000 Radfahren, 5000 Laufen im Jahr könne er nie und nimmer abspulen. „Die anderen trainieren zweimal so viel wie ich.“ Auch die rund 40 Wochenstunden, die etwa Frankfurts Vorjahressieger Marino Vanhoenacker oder der Hawaii-Vierte Sebastian Kienle im Frühjahr auflisten, hält der 1,79 Meter große und 70 Kilo leichte Modellathlet für übertrieben. Sein Motto in einer Sportart, deren Dopingkontrollsystem immer noch lückenhaft ist, lautet: „less is more – weniger ist mehr“.

„PJ“, wie ihn alle in der Szene nennen, weiß, dass neben den Profis auch viele Amateure glauben, unnatürliche Belastungen seien unweigerlicher Alltag des heroischen Dreikampfs. „Nein“, entgegnet er, „der Körper braucht Pausen.“ Er beispielsweise mache den Montag stets zum „rest day – zum Ruhetag“. Massage, Emails – ansonsten wird geschlafen. „Und wenn ich am Dienstag auch noch müde bin, bleibe ich zuhause.“ Dass er seine Wohnung in Sydney mit einem Haus in Noosa Heads, einem Städtchen 140 Kilometer nördlich von Brisbane eingetauscht hat, habe viel damit zu tun, dass er dort besser trainieren könne. Vater Jeff lässt übrigens durchblicken, dass er Sydney auch für einen geeigneten Lebensmittelpunkt gehalten hätte.

Aber das jüngste von drei Kindern – Tochter Jacky Jacobs hat als einzige aus der Familie mit Sport nicht so viel am Hut – gibt sich als „sehr naturverbunden“ aus. Deshalb habe ihm auch sein erlernter Beruf als Landschaftsgärtner so gut gefallen. Die Leidenschaft Triathlon ist mit 18 Jahren erwacht, mittlerweile schwimmt und läuft auf der Langdistanz kaum einer schneller als Jacobs, der in Deutschland kein Unbekannter ist: Zwischen 2007 und 2010 startete er bei der Konkurrenzveranstaltung in Roth, die zwar 2002 den Ironman-Status an Frankfurt verlor, aber meist nicht minder gut besetzt war. Der Australier ist dort Vierter, Dritter und zweimal Zweiter geworden; zum Sieg hat es nie gelangt.

Kienle glaubt ihm nicht

Nach seiner Einschätzung wird er auch in Frankfurt nicht als Erster den roten Teppich am Römer erreichen. „Ich bin noch nicht in der Form wie vor Hawaii“, gesteht der Sunnyboy, „meine Leistungskurve steigt langsam.“ Frankfurt gibt im Grunde nur die Zwischenstation, um den Coup von Hawaii zu wiederholen. Jacobs spricht von „fünf, sechs Jungs, die hier das Ding gewinnen könne.“ Sein erklärter Favorit für den Sonntag ist der Belgier Vanhoenacker. Konkurrent Kienle traut derlei Tiefstapelei nicht. „Der Pete ist ein Fuchs. Wenn der beim Laufen noch Land sieht, ist der am Ende doch ganz vorn.“

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