Lade Inhalte...

Interview mit Jürgen Zäck "Der Spirit in Hawaii hat mich infiziert"

Genau vor 20 Jahren ist Triathlon-Legende Jürgen Zäck das erste Mal auf Hawaii gestartet. "Zäck Attack" spricht mit der Frankfurter Rundschau über die frühen Tage des Ironman, Mythen, Geschichten und wie man zu Spitznamen kommt.

09.10.2009 12:10
Jürgen Zäck beim Ironman in Frankfurt 2004. Foto: Getty

Frankfurter Rundschau: Sie hatten vorher die verkürzte Distanz beim Ironman in Roth gewonnen. Erinnern Sie sich noch, wie es damals war?

Jürgen Zäck: Ganz genau, ich bin ja 1989 auf Anhieb Siebter geworden, Mark Allen hat in einem legendären Kopf-an-Kopf-Rennen gegen Dave Scott gewonnen, Wolfgang Dittrich, mit dem ich zusammen aus San Diego angereist war, hatte das Rennen als Neuling bis zum Marathon angeführt. Ich sage mal: Das Niveau war nicht so viel schlechter als heute. Nur waren wir viel schlechter organisiert. Wir hatten keine Kohle, haben die Vorbereitung in amerikanischen Bretterbuden gehaust und wie die Verrückten trainiert. Oft viel zu viel.

War der Mythos Hawaii damals schon spürbar?

Bis dahin hatte ich ja nur Kurzstrecken gemacht. Von Hawaii wusste ich nur: Das ist zu lange, da ist es zu heiß, darauf habe ich keine Lust. Dann hat das Fernsehen 1988 plötzlich mal eine Viertelstunde vom Ironman in Roth gezeigt. Dann habe ich gesagt: Ich zeige denen, dass ich das auch kann. In Hawaii war sofort alles wie eine große Familie, diesen Spirit habe ich danach nirgendwo anders gefunden. Das hat mich infiziert. Jeder Helfer, jeder Agegrouper ist wichtig, die meisten kapseln sich nicht ab, man findet sofort Kontakt. Da ist viel von der amerikanischen Lebensart spürbar. Als Athlet, als Experte oder als Tourist war ich dann noch 15-, 16-mal drüben. Heute steht ein Geschäft dahinter, um die Marke und den Mythos zu erhalten.

Was ist so besonders?

Auf Hawaii kann niemand taktieren. Das fängt schon beim Schwimmen ohne Neoprenanzug an. Schlechte Schwimmer sind da chancenlos. Beim Radfahren drängen Seitenwinde einen fast in die Lavafelder, da kann alles passieren.

Sind Sie eigentlich noch sauer über das was 1998 geschehen ist?

Ich kam damals ja als Favorit auf die Insel, lag nach Hälfte der Radstrecke auch vorne, als ich einen platten Reifen bekam. Obwohl eines der Servicefahrzeuge beim Führenden sein sollte, kam keines. Dieses Fahrzeug hielt sich bei Peter Reid und Thomas Hellriegel auf, die vier, fünf Minuten hinter mir waren. Erst dann konnte ich das Rad wechseln, habe die beiden wieder eingeholt, bin dann aber beim Laufen eingebrochen, schlussendlich zu Fuß als 246. ins Ziel gekommen. Speziell auf Hawaii wurde diese Geschichte höher bewertet als alles andere. Später habe ich dann vom Fahrer des Servicewagens erfahren, dass der Titelsponsor Reebok die Anweisung gegeben hatte, man solle immer bei Reid bleiben, weil der beim Sponsor ausgerüstet wurde.

Sie haben auf Hawaii nie gewonnen.

Aber acht andere Ironman. Und 1997, als ich Zweiter wurde, ist die Sache mit dem Helm passiert. Ein Helfer hatte den Verschluss abgerissen. Mehrere Minuten hat es gebraucht, bis der Kinnriemen wieder dran war und ich aufs Rad konnte. Eine legendäre Szene. Zuvor hatte ich eine beginnende Stressfraktur in der Hüfte, konnte vor dem Rennen überhaupt nur fünfmal laufen. In diesem Jahr waren erstmals Blutkontrollen angekündigt, deshalb wollte ich aber unbedingt dabei sein.

Jetzt können Sie es ja verraten: Wieviel wurde damals manipuliert?

Ich kann diese Spekulationen nicht nachvollziehen. Wir haben mit sechs Athleten in einem Apartment gewohnt, hatten einen Kühlschrank, da war nichts zu verheimlichen, alles war offen. Ich hatte bei freiwilligen Blutuntersuchungen ganz normale Hämatotkritwerte. In gewissen Zeiten ist vielleicht was gemacht worden, aber ich kann auch nur mutmaßen, wer was gemacht hat.

Was fällt Ihnen also stattdessen ein, wenn Sie an Hawaii denken?

Geschichten oder Anekdoten wie die von Mark Montgomery. Über die Kurzdistanz ein bärenstarker Amerikaner Anfang der 90er Jahre. Er hat es jahrelang nicht ins Ziel geschafft. Bei seinem elften Rennen ist er dann frustriert wieder beim Laufen ausgestiegen, hat geduscht, sich in sein Hotelzimmer ins Bett gelegt, Hamburger, Pommes und Eiscreme gegessen und sich den Ironman im Fernsehen angesehen. Dann hat ihn die Atmosphäre von der Übertragung so beeindruckt, dass er Stunden später wieder auf die Strecke gegangen ist. Damit hatte er zum ersten Male gefinisht mit Tränen in den Augen unter tosendem Applaus.

Die Deutschen haben eine besondere Rolle bei diesem legendären Rennen gespielt.

Das verraten ja schon die Spitznamen über die Laufe der Jahre. Dirk Aschmoneit war damals schnell The German Rambo , Wolfgang Dittrich, Schwimmspezialist, hieß The German Tank. Ich war als guter Radfahrer Zäck Attack , Thomas Hellriegel deshalb Hell on Wheels, die Hölle auf den Reifen. Und Normann Stadler wird Stormin' Norman gerufen, stürmischer Normann.

Timo Bracht hat noch keinen Namen.

Das bekommt nur, wer einen bestimmten Charakterzug mitbringt, wer Ecken und Kanten zeigt. Erst der eigene Spitzname, den die Amerikaner den besten Athleten in Kona verpassen, gibt einem das Gütesiegel.

Kann Timo Bracht als Europameister denn Weltmeister werden?

Er hat nur eine Chance bei mildem Wetter, wenig Wind. Gerade wenn auf dem Queen K Highway raus nach Hawi viel Wind ist, schätze ich Normann derzeit stärker als Timo ein. Und Craig Alexander wird schwer zu schlagen, Chris McCormack ist mental stark ohne Ende.

Wem drückt Jürgen Zäck vor Ort die Daumen?

Oh nein, ich bin gar nicht da. Erst wieder, wenn meine Nachwuchsathleten, die ich derzeit trainiere, dort starten. Ich werde für einen Internet-Livestream (www.triathlon-szene.de) aus einem Frankfurter Studio das Rennen kommentieren. Das geht an ein Insiderpublikum: 2000, 3000 User, die sich genau auskennen. Da muss ich stundenlang während des Rennens voll auf der Höhe sein, aber ein Ironman ist trotzdem anstrengender. Und irgendwie schöner!

Interview: Frank Hellmann

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen