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Frankfurt-Marathon Blut geleckt

Warum der Tempomacher Richard Ringer plötzlich zur Marathon-Hoffnung wird.

Foto: isaak Papadopoulos

Arne Gabius kann sich noch gut an die spontane Anfrage am letzten Tag im schweizerischen Sommertrainingslager erinnern. Ehe sich Richard Ringer auf die Rückfahrt nach Friedrichshafen machte, kam der deutsche Marathonrekordhalter im Grond Café von Pontresina gegenüber dem stärksten deutschen 10 000-Meter-Läufer zur Sache: „Richard, überlege doch mal: Willst du nicht für mich beim Frankfurt Marathon Tempo machen?“ Anfang Juli wollte der 29-Jährige bei „Kaffee und Kuchen“ (Gabius) im Engadin zwar noch keine Zusage geben, aber letztlich kamen die beiden nun für den zweitgrößten deutschen Marathon am letzten Oktober-Sonntag zusammen.

Dass Gabius die deutsche Jahresbestzeit (2:11:45 Stunden) lief, war dem bis Kilometer 31 wie ein Uhrwerk im Wind rennenden Pacemaker Ringer zu verdanken. „Sein Schritt sah auf der Straße richtig gut aus“, lobte Gabius. So gut, dass der 37-Jährige unterwegs dem begleitenden Reporter vom Hessischen Rundfunk übermittelte: „Der macht mir Angst!“ Hinterher war er überzeugt: „Wir haben hier den Beginn einer Straßenkarriere gesehen. Ich muss in den nächsten Jahren richtig Gas geben, sonst kommt der Rekord durch Richard in Gefahr.“

Dabei sahen Ringers Perspektiven im Frühjahr noch anders aus, nachdem er im Mai in 27:36,52 Minuten beim Europacup in London die europäische Jahresbestzeit über die 10 000 Meter rannte. Der Blondschopf vom Bodensee startete bei den Europameisterschaften im August in Berlin als Mitfavorit, musste dann aber nach 17 Runden aufgeben. In Frankfurt hatten die Füßen jedoch den für den VfB LC Friedrichshafen startenden Läufer so weit getragen wie noch in seinem Leben: „Es hat Spaß gemacht, und es tut nichts weh.“ Der nach Trennung von Eckhardt Sperlich trainerlose Ringer hatte bei seinem Marathon-Teildebüt – mit einer Halbmarathonzeit von 1:04:53 – nach Querung der Schwanheimer Brücke bei Kilometer 24 sogar noch die Mainzer Landstraße in Angriff genommen. „Es lief ja so gut.“ Erst nach 1:36 Stunden auszusteigen, war in keinem Ablaufplan vorgesehen. Nur bis in die Festhalle hätte er es nicht geschafft: „Ich hatte fast nur Wasser getrunken. Irgendwann musste ich mir den Grapefruitsaft nehmen.“

Trotzdem hat einer für die 42,195 Kilometer offenbar Blut geleckt. „Ich habe mich selbst gewundert, wie schnell es vorbeigeht.“ Gabius begann hernach seine direkten Überredungskünste, den Bahnspezialisten für den Straßenlauf zu gewinnen. Nicht nur in dessen Vita mit einer Bestzeit von 13:10,94 Minuten über 5000 Meter erkennt er frappierende Parallelen. Zudem: „Wir haben beide keinen Trainer. Daher werde ich ihm meine Trainingsaufzeichnungen von Renato Canova zur Verfügung stellen.“

Frankfurt hält Tür offen

Wie geht es für Ringer nun weiter? „Mein nächstes Ziel sind die Olympischen Spiele 2020. Mit 31 Jahren kann ich immer noch wechseln.“ Doch die Marathon-Szene würde ihn lieber heute als morgen vereinnahmen. Der Athlet müsse wissen, dass das Erreichen eines Endlaufs in Tokio in seiner Disziplin das Höchste der Gefühle sein werde, riet ihm Frankfurts Renndirektor Jo Schindler. „Selbst wenn er fünf Sekunden schneller wird, landet er auf Platz 15, 18 oder 23. Da gewinnt er nicht viel.“ Auch Marathon-Bundestrainerin Katrin Dörre-Heinig empfiehlt: „Er sollte keine Jahre mehr verschenken. Es gibt leider genug Beispiele von deutschen Läufern, die zu lange auf der Bahn geblieben sind.“

Olympische Medaillenträume, die sich auf den 5000 Metern zuletzt 1988 und 1992 Dieter Baumann erfüllte, sind bei weltweiter Konkurrenz tatsächlich unrealistisch geworden. Was bei der Entscheidungsfindung helfen könnte: Das Geld für mit einer solchen Grundschnelligkeit gesegneten Spezialisten liegt inzwischen auf der Straße. Antrittsgelder, Gagen oder Prämien seien im Marathon deutlich höher, beteuerte Gabius: „Es ist schwer, auf der Bahn etwas zu verdienen.“

Der Sportliche Leiter Christoph Kopp warb bereits beim Abschlussgespräch am Montag offensiv um den Hoffnungsträger: „Richard Ringer steht auf unserem Wunschzettel ganz oben. Noch so ein Rennen wie Sonntag – und er denkt noch schneller um.“ Renndirektor Schindler ergänzte: „Und dann merkt er, dass auch die letzten elf Kilometer im Marathon hier ganz geil sind.“

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