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Löwen Frankfurt "Ich krieche niemandem in den Hintern"

Löwen-Coach Frank Gentges redet gerne mal Tacheles. Auch gegenüber den Medien. Im FR-Interview äußert sich der Trainer des Eishockey-Oberligisten über Drecksäcke, eine zu hohe Erwartungshaltung und Kommentare im Internet.

24.09.2012 21:11
„Wenn sich zwei Spieler prügeln, sollen sie Helme und Handschuhe ausziehen.“ Frank Gentges. Foto: Hübner

Löwen-Coach Frank Gentges redet gerne mal Tacheles. Auch gegenüber den Medien. Im FR-Interview äußert sich der Trainer des Eishockey-Oberligisten über Drecksäcke, eine zu hohe Erwartungshaltung und Kommentare im Internet.

Es ist 21.50 Uhr an einem Werktag als Frank Gentges unseren Mitarbeiter in den Konferenzräumen der Eissporthalle zum Interview empfängt. Vor dem Start der Eishockey-Oberliga am kommenden Freitag gibt es für den neuen Trainer der Löwen Frankfurt noch allerhand zu tun. Trotzdem nimmt sich der 47-jährige Kempener, der im Sommer vom EHC Dortmund an den Main kam, eine Stunde Zeit.

Herr Gentges, wie war das damals als Kind? Konnten Sie beim Mensch-ärgere-dich-nicht verlieren?

Wenn ich ein Spiel spiele, will ich es auch gewinnen. Sonst fange ich erst gar nicht an.

In Ihren Gedanken kommt eine Niederlage nicht vor?

Ich denke nicht an Niederlagen. Ich quatsche ja auch nicht eine Frau drei Stunden in der Disco an, und dann nimmt sie ein anderer mit.

Warum ist das, was sie tun, richtig?

Der Erfolg gibt mir recht. Wenn du alles optimal machst, ist es egal, welche Mittel du hast. Dann musst du nur auf die Fehler der anderen warten. Das habe ich in Dortmund bewiesen. Dort habe ich alles bestimmt, deswegen wusste ich, dass nichts schief geht.

Auf welche Dinge haben Sie in Frankfurt keinen Einfluss?

Wenn vom ersten Tag an nur über Platz eins und die Meisterschaft geredet wird, dann finde ich das anmaßend. Immerhin ist man in der vergangenen Saison nur Sechster geworden und hat kein Derby gewonnen. Dann kommt ein neuer Trainer, alles dreht sich um 180 Grad und der Erfolg ist da? Wir müssen aufpassen, dass uns die Erwartungshaltung nicht erdrückt.

Aber Sie reden doch immer vom Gewinnen…

...für mich wäre der zweite Platz eine Niederlage, aber das kann das Umfeld doch nicht für sich in Anspruch nehmen. Dieses Über-den-Dingen-stehen in Frankfurt nervt mich, weil dadurch der Respekt vor dem Gegner verloren geht. Es muss bewusst sein, dass eine vor langer Zeit errungene Meisterschaft uns heute keinen einzigen Punkt bringt. Man muss aufhören in der Vergangenheit zu leben.

Geht es Ihnen in Frankfurt zu harmonisch zu?

Erfolg entsteht nicht durch Harmonie, sondern durch Reibungspunkte. Ein Spieler funktioniert, wenn hinter ihm jemand steht, der seinen Job haben will. Der Mensch ist im Innersten faul und versucht immer den einfachsten Weg zu gehen. Zu viel Harmonie schläfert ein. Die Spieler sind mir hier viel zu lieb, sie müssen auch einmal Drecksäcke sein. Ich habe in einer Mannschaft gespielt, da hat es jeden Tag gescheppert, da wurden sich gegenseitig die Schläger angesägt, um ins Team zu kommen.

Haben Sie deswegen vor einer Woche auf den Putz gehauen?

Das war doch harmlos. Leider sind einige Punkte falsch rübergekommen. Aber wenn einer meiner Spieler im Internet angegriffen wird, dann muss ich ihn schützen. Wenn jemand immer nur vor dem Computer sitzt und tippt, dann kann ich ihn nicht mehr für voll nehmen. Ich kann diese Welt nicht mehr für voll nehmen. Wegen eines Videos kommt es zu extremen Ausschreitungen – das ist doch krank. Die höchste Währung auf diesem Planeten ist der Respekt. In meinen Augen geht der zunehmend verloren.

Haben Sie keine Befürchtungen, dass Ihre derbe Wortwahl als Bumerang zurückkommt?

Nein, meine Antworten entsprechen absolut der Wahrheit und meine Wortwahl ist deutlich und unmissverständlich. Viele Leute schreien regelrecht danach, angelogen zu werden. Aber da sind sie bei mir an der falschen Adresse.

Sie gelten als arrogant und unnahbar…

...das mag in den Augen einiger oder vieler so aussehen. Dadurch werde ich jedenfalls nicht andauernd angesprochen. Oberflächliches Gequatsche mit Ahnungslosen steht absolut nicht auf meiner Wunschliste. Dafür habe ich keine Zeit und Nerven. Ich bin auch kein Trainer, der Ehrenrunden läuft und Zäune hochklettert. Das ist nicht mein Ding. Ich bin korrekt und krieche niemandem in den Hintern. Es muss immer ehrlich und keine Show sein. Wenn sich zwei Spieler auf dem Eis prügeln, sollen sie die Helme und die Handschuhe ausziehen. Das ist okay. Aber die Alibi-Scheiße sollen sie sein lassen.

Ist Frank Gentges privat anders?

Den würden Sie nicht wiedererkennen. Ich habe mir über einen langen Zeitraum antrainiert, den Schalter beliebig umlegen zu können. Das ist die wichtigste Fähigkeit, um in diesem Geschäft emotional zu überleben.

Das hört sich hört sich verbittert und enttäuscht an?

Ich habe in meinen mehr als 40 Eishockeyjahren solche Abgründe gesehen. Das hat mich verändert und abgestumpft. Menschen können mich jedenfalls nicht mehr enttäuschen – und dass man selbst immer nur Mittel zum Zweck ist, ist mir bewusst. Da habe ich keine Illusionen.

Das Gespräch führte Sebastian Rieth.

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