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Mainz-Coach Tuchel im Interview "Ich war kein einfacher Spieler"

Vor dem Duell gegen den FC Bayern spricht der junge Mainzer Trainer Thomas Tuchel im FR-Interview über den FC Barcelona, seine neue Vaterrolle und seine Abneigung gegen grün-schwarz-gelbe Haare. Und: Wie gewinnt man gegen die Münchner?

21.08.2009 00:08
Nahm sich vor dem Spitzenspiel gegen den FC Bayern Zeit für die Frankfurter Rundschau: Der junge Mainzer Trainer Thiomas Tuchel. Foto: ddp

Herr Tuchel, Sie sind auf dem Handy kaum zu erreichen. Nehmen die Anrufe überhand, seit Sie Cheftrainer bei Mainz 05 sind?

Ja, schon. Aber wenn Sie mir eine SMS schicken, versuche ich auf alle Fälle, zurückzurufen.

Haben Sie bereits eine Geheimnummer?

Ich habe mir tatsächlich inzwischen ein zweites Handy beschafft. Denn ich versuche, mir auch hin und wieder Freiräume für private Dinge zu verschaffen.

Sie haben eine nur etwas mehr als einen Monat alte Tochter. Wir nehmen an, dass Sie kein guter Vater sind?

Das ist ein bisschen provokant formuliert, aber ja, das fühlt sich tatsächlich ein bisschen so an. Ich hatte ursprünglich geplant, deutlich mehr Zeit mit meiner Frau und dem Kind zu verbringen und meine Frau mehr zu unterstützen. Das haut nicht so hin.

Was haut denn hin?

Meine Eltern sind da und helfen. Und ich plane Zeiten ein, wo ich zu Hause bin und mich auch entspannen und ein bisschen helfen kann.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie vom Stress mitunter überrollt werden?

Nein. Allerdings hat sich der mediale Stress tatsächlich potenziert. Als A-Jugendtrainer war da nicht mehr als ein Anruf nach dem Spiel. Da habe ich dann kurz den Spielbericht durchgegeben. Ansonsten fühle ich mich sehr wohl, wenn das Training stattfindet oder ein Spiel. Das ist das Kerngeschäft.

Müssen Sie sich manchmal kurz schütteln, wenn Ihnen gewahr wird, wie schnell der Aufstieg vom A-Jugendcoach zum Bundesligatrainer kam? Im wahrsten Sinne des Wortes: über Nacht.

Ja. Das ist tatsächlich ein Stück weit so. Ich habe das noch nicht zu hundert Prozent realisiert, dass ich jetzt Trainer in der ersten Bundesliga bin. Es macht unheimlich Spaß, aber manchmal ist es auch sehr unwirklich. Ich spüre, dass die Fußballwelt ein Stück auch eine Art Parallelwelt ist. Und deshalb fühlt es sich tatsächlich mitunter auf der Heimfahrt so an, als käme ich gerade aus einem Film. Aus einem schönen Film.

In dem Sie selbst der Hauptdarsteller sind. Sie sagten einmal in einem Interview, als Jugendtrainer Sie seien vor allem Ausbilder und Erzieher. Was sind Sie denn jetzt?

Jetzt bin ich hoffentlich eine gute Führungskraft. Inhaltlich ist es ohnehin nicht der Quantensprung, den man vorher vielleicht hätte erwarten können. Auch im Bundesliga-Nachwuchsbereich wird inzwischen hoch professionell gearbeitet.

Erzieher und Ausbilder sind Sie also weiterhin?

Ja, das ist so. Für gewisse Werte zu stehen und diese auch zu vermitteln, hört nicht auf, wenn man Erwachsene trainiert.

Sie haben Jugendspieler auch mal zum Frisör geschickt. Ist eine anständige Frisur ein solcher Wert?

Das habe ich in Augsburg (als Nachwuchskoordinator, die Red.) tatsächlich gemacht. Man muss einem Jugendlichen bewusst machen, dass er nicht mehr als Einzelperson wahrgenommen wird, wenn er in den Klamotten des Vereins steckt. Wenn er grün-schwarz-gelbe Haare hat und mit dem Ausgehanzug vom FC Augsburg unterwegs ist, dann fällt es auf den Verein zurück und nicht nur auf ihn als Privatperson.

Eine neue Frisur ist bei einem der Mainzer Profis nicht nötig?

Nein, aber in der Umgehensweise sind es im Grunde nur Nuancen. Die Scheu darf auch nicht zu groß sein von Trainerseite. Profis möchten auch sehr viel erklärt bekommen, sie möchten wissen, wieso ein Trainer etwas tut. Für mich ist es vor allem deshalb jetzt einfacher, weil ich keine Rücksicht auf Schulpläne und Klassenarbeiten mehr nehmen muss.

Was hat Sie am meisten überrascht in der Bundesliga?

Dass ich bei Bundesligaspielen ruhiger bin als bei A-Jugendspielen. Das könnte damit zu tun haben, dass man ohnehin viel schlechter gehört wird wegen der Lautstärke im Stadion. Ich habe festgestellt, dass ich mich in diesem Umfeld besser zurücknehmen kann und so auch besser reflektieren kann als noch in der A-Jugend vor hundert Zuschauern.

Sie haben unter anderem BWL an der Berufsakademie in Stuttgart studiert und abgeschlossen. Hilft Ihnen das Studium jetzt?

Inhaltlich natürlich sehr wenig. Aber mir war es seinerzeit wichtig, nachdem ich wegen eines schweren Knorpelschadens im Knie und eines Patellaspitzensydroms nicht mehr aktiv Fußball spielen konnte, auch mal etwas zu Ende zu bringen.

Sie wollten sich selbst etwas beweisen?

Ich hatte parallel zu meiner aktiven Zeit zuvor Englisch und Sport bis zum Vordiplom studiert, ich hatte eine Ausbildung zum Physiotherapeuten angefangen, aber alles aus Zeitmangel wegen des Fußballs abbrechen müssen. Deshalb war es wichtig in meiner Charakterausbildung, auch mal etwas durchzuziehen, was mir bestimmt nicht immer leicht gefallen ist und auch nicht unbedingt meinen Talenten entsprach.

Ist Ihre Trainerkarriere auch so etwas wie eine Ersatzbefriedigung gewesen, weil Sie nicht weiter aktiv Fußball spielen konnten?

Ich war anfangs gar nicht auf dem Trichter, Trainer zu werden. Erst einmal musste ich damit fertig werden, dass ein Lebenstraum zu Ende gegangen war, zumal meine Ulmer Mannschaft dann ja auch in fast identischer Aufstellung bis in die erste Liga aufgestiegen ist. Schließlich hat Ralf Rangnick mich gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, im Nachwuchsbereich Trainer zu werden. Dann habe ich begonnen, meine Trainerscheine zu basteln. B-Lizenz mit Notenschnitt 1,1, A-Lizenz 1,4, Fußballlehrer 1,4, ich war ein schöner Streber (lacht).

Und im BWL-Studium? Auch ein Streber?

Nein, nein. Da habe ich nur auf Ankommen studiert.

War Ralf Rangnick, der Sie in Ulm trainierte, prägend für Sie?

Er hat uns die Viererkette und das ballorientierte Spiel beigebracht. Das war völlig neu für uns, und wir waren zunächst entsprechend skeptisch, das so konsequent umzusetzen. Das war auf alle Fälle prägend für mich.

Was waren Sie eigentlich für ein Spielertyp?

Ich war bestimmt für einen Trainer kein einfacher Spieler. Ich habe viel hinterfragt und war manchmal etwas zu mündig und habe mich mit einem sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn auch für andere eingesetzt, obwohl das gar nicht meine Baustelle war.

Würden Sie einen solchen Spieler wie sich selbst heute in Ihrer Mannschaft fürchten?

Ich habe mit Jan Kirchhoff, der jetzt auch zu den Profis aufgestiegen ist, so einen Mann in der Mainzer A-Jugend gehabt. Es hat viel Spaß gebracht, mich mit ihm zu reiben. Aber es muss auch klar sein: Nähe zu Spielern gibt es nur im Austausch mit Leistung.

Sie wurden bereits mehrfach mit Jürgen Klopp verglichen. Amüsiert Sie das oder nervt Sie das mehr?

Weder noch. Ich nehme das hin. Erstens: Jürgen hat hier eine Ära geprägt und dafür gesorgt, dass Mainz 05 zur Elite in Deutschland gehört. Zweitens: Seine Erfolge haben sicher auch dafür gesorgt, dass der Verein den Mut aufgebracht hat, einem unbekannten Namen wie mir das Vertrauen zu schenken. Drittens: Ich kann nicht in Verdacht geraten, ihn zu imitieren, weil ich ihn nicht kenne und weil ich noch nicht im Verein war, als er hier gearbeitet hat.

Klopp hat das Spiel gegen den Ball bei Mainz 05 geprägt. Am Defensivverhalten gab es selten etwas auszusetzen. Was ist Ihre Idee vom perfekten Fußball?

Im Moment geht die Entwicklung im modernen Fußball wieder ganz stark hin zum eigenen Ballbesitz. Das ist der Trend schlechthin und das finde ich gut. Ich habe mich sehr gefreut, dass der FC Barcelona mit diesem Stil, den eigenen Ballbesitz zu kultivieren, so viele Titel gewonnen hat. Vorher hatte ja geheißen: Schön ist so ein Fußball schon, aber er bringt halt keine Titel.

Aber so können Sie mit Mainz nicht ernsthaft spielen wollen?

Da sind wir tatsächlich noch eine ganze Ecke von entfernt. Unser Fußball muss zunächst einmal einen praktischen Nutzen haben: Nämlich Punkte zu holen. Wir können nicht von vorne herein mit offenem Visier in jedes Spiel gehen. Aber unser Ziel muss es perspektivisch doch sein, dass wir die Qualität auf den Platz bringen, uns bei eigenem Ballbesitz länger zu erholen für das aufwändige Spiel gegen den Ball.

Ist der moderne Fußball wirklich ein völlig neues Spiel geworden, wie mitunter kühn formuliert wird?

Zumindest ein wahnsinnig optimiertes Spiel. Ich fand es beeindruckend, mit welcher Hingabe die Mannschaft von Barcelona in der vergangenen Saison den Ball oft innerhalb von Sekunden in der gegnerischen Hälfte zurückerobert hat. Diese Demut dem Spiel gegenüber haben auch die ganz großen Stars gezeigt. Das ist das wahre Kollektiv. Vom Tempo, von der Taktik, aber auch vom Einzelkönnen her hat sich der Fußball extrem verbessert.

Der gläserne Spieler wird inzwischen zentimetergenau verfolgt und analysiert. Begrüßen Sie diese Entwicklung?

Ja. Denn Spieler wollen mittlerweile messbare, objektive Ergebnisse vorgelegt bekommen. Dann sind sie auch zugänglich für Kritik. Diese Kritik muss mittlerweile klar weggehen von einer Pauschalisierung. Dann entwickeln Fußballspieler auch den Ehrgeiz, sich zu verbessern.

Wo sehen Sie die größten Schwierigkeiten, nachdem Sie erst vier Tage vor Bundesligabeginn und nach dem Aus im Pokal als Trainer der Mainzer Profimannschaft eingestiegen sind?

Das ist natürlich ein klarer Wettbewerbsnachteil. Die anderen Trainer arbeiten seit mindestens acht Wochen mit ihren Mannschaften, die haben ein ganz anderes, objektiveres Bild von ihren Spielern.

Im Grunde hat Mainz 05 also nicht den Hauch einer Chance gegen Bayern München?

Kann sein. Aber klar ist auch: Wenn wir nur das Gleiche machen wie die anderen, dann werden wir niemanden überholen. Deshalb werden wir uns überlegen müssen: Wo können wir mal eine Abkürzung nehmen oder mal quer denken, um einen Wettbewerbsvorteil zu erzielen. Auch gegen die Bayern. Aber gegen die brauchen wir natürlich auch Glück.

Interview: Andreas Hunzinger, Jan Christian Müller

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