Lade Inhalte...

Mainz absolviert Trainingslager beim FC Barcelona Halbbruder im Geiste

Im Trainingszentrum des FC Barcelona schult die Mannschaft von Trainer Thomas Tuchel Kopf und Beine. Die Vorbereitung beim großen Vorbild kommt einer Pilgerfahrt gleich, die Tuchel sichtlich gefällt.

06.01.2011 17:34
Ronald Reng
Spielerisches Einüben von Automatismen: Die Mainzer beim Mannschaftstraining in Barcelona. Foto: Hübner

In der Trainerbesprechung versucht Thomas Tuchel, sich daran zu erinnern, wo er gerade ist. Er plant mit seinen Mitarbeitern das nächste Training, vor ihrem Hotelfenster breitet sich halb Barcelona aus, kurz fliegt Tuchels Blick hinaus, und als der Trainer im Steinmeer der Stadt das Stadion entdeckt, ruft er abrupt: „Hey, Leute, können wir mal kurz einhalten und uns klar machen, dass wir hier sind: Wir am Camp Nou, wir bei Barça!“

Während der Rest der Bundesliga die Wintertrainingslager derzeit wie üblich in den Tourismusburgen Südspaniens oder in den Ferienzentren der türkischen Riviera verbringt, ist der FSV Mainz 05 auf einer Art Pilgerfahrt: Er trainiert fünf Tage lang im Schatten des Camp Nou auf dem mythischen Trainingsplatz La Masía, wo der FC Barcelona jahrzehntelang sein einzigartiges Passspiel einstudierte. Tuchel erklärt, er habe angesichts der kurzen Winterpause keine lange Anreise gewollt. Und Barça vermiete seinen alten Trainingsplatz, sagte ihnen ein Vermittler.

Tuchel vertritt dieselbe Lehre

Die Farben der Werbebanden in La Masía sind ausgeblichen. Barça ist vor drei Jahren in ein neues Trainingszentrum in der Vorstadt umgezogen, die berühmten Kollegen treffen die Mainzer deshalb nicht. Doch wenn der FSV in der Masía übt, kann man sich der Symbolik schlecht verschließen: Tuchel kommt zu Barça als Halbbruder im Geiste.

Das elektrische Mainzer Spiel, mit dem die individuell unscheinbare Mannschaft in der Bundesligavorrunde sensationell auf Platz zwei kletterte, unterscheidet sich in vielem vom großen Barça, natürlich zuvorderst in der Qualität. Doch in der Grundlehre teilt Tuchel die Ideen Barças vom Passen und Pressen, und so hat der 37-Jährige ebenso wie einige Kollegen ein Training und Spiel in die Bundesliga etabliert, das noch vor Jahren in Deutschland allenfalls ein paar versprengte Verfechter hatte.

Auf dem Drittel des Platzes lässt Tuchel acht in gelben Leibchen gegen acht blaue spielen. Zwischen ihnen in der Mitte drei zentrale Mittelfeldspieler in grün, sie gehören als Joker immer zum Team im Ballbesitz. Die Außenspieler des ballführenden Teams dürfen sich nur auf einem Außenkorridor bewegen. Die Enge des Raums, die beschränkten Passoptionen, der Gedanke, gehören die Grünen gerade zu mir oder zum Gegner, halten die Spieler konstant am Limit und prägen Automatismen. Solche Kleinfeldspiele bilden die Essenz von Barças Schule. Bis vor drei, vier Jahren legte Tuchel dagegen wie die meisten in Deutschland den Trainingsschwerpunkt auf Ganzfeldübungen, mit denen die Defensivformation simuliert werden soll.

Dann hörte er von Barça, auch vom Schweizer Training, er ließ sich vom Mainzer Uniprofessor Wolfgang Schöllhorn aus der Hirnforschung erklären, wie Menschen lernen. Einschleifen bringe nichts, ein Fußballer müsse seine Aktionen spielerisch wiederholen, ohne zu merken, dass er das gleiche tue. Taktik lerne er besser visuell, mit Video. Tuchel dachte sich viele Formen von Kleinfeldspielen aus, durch die Enge und Schnelligkeit wird jeder Spieler in zweieinhalb Minuten in jedem Detail des Fußballs viel mehr gefordert als bei dem traditionellen, getrennten Torschuss- oder Taktiktraining. Er hat beides genauso wie das klassische Ausdauertraining abgeschafft.

Tägliche Analyse auf Video

Im Nebenraum des Hotels warten bereits seine Assistenten, sie wollen das Morgentraining auf Video analysieren. Aber Tuchel erzählt weiter mit ansteckender Leidenschaft, anderthalb Stunden bereits: Wie er in der Halbzeitpause die Elf erst einmal fünf Minuten alleine zur Ruhe kommen lässt und stattdessen in der Trainerkabine drei entscheidende Szenen aus der ersten Halbzeit auf Video zusammenstellt, um sie dann zu zeigen. Mit seinem fachlichen Fanatismus hat Tuchel aus Mainz 05 „ein Fußball-Sahnehaus“ gemacht, dichtet sein Spieler Lewis Holtby. Nur ein Problem hat Tuchel selbst damit: Er kann es nicht genießen.

Im Mannschaftsbus auf dem Weg zu La Masía hat er noch einmal versucht, sich zu erinnern, wo er eigentlich ist, Mann, du am Camp Nou! „Aber ich kriege die Euphorie einfach nicht hin“, sagt er, ein bisschen enttäuscht über sich selbst, „mein Kopf schaltet immer gleich um zum Gedanken, was wir im nächsten Training machen könnten.“

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum