Lade Inhalte...

Mainz 05 Kuriose Volte

Selbst der oft um Deutungshoheit bemühte Mainzer Trainer Tuchel vermag das kuriose 4:2 gegen Hoffenheim nicht zu erklären.

17.03.2014 08:24
Tobias Schächter
Mainzer Jubel: Die Torschützen Okazaki und Choupo-Moting. Foto: dpa

Es gibt viele Fußballlehrer, die die Deutungshoheit nie freiwillig hergeben. Nie. Schon aus Prinzip nicht. Thomas Tuchel, der Trainer des FSV Mainz 05, ist da anders. Er hat kein Problem damit, zunächst einmal Ratlosigkeit zuzugeben. Klar, als Sieger fällt das leichter. Aber Tuchel muss grundsätzlich nach viereinhalb erfolgreichen Jahren in Mainz nicht fürchten, Autorität zu verlieren, wenn er Zweifel zugibt. Tuchel ist in diesem Punkt mittlerweile erstaunlich entspannt. Am Samstag schlug der Spielverlauf der Partie TSG 1899 Hoffenheim gegen den FSV Mainz 05 eine Volte, die keiner verstand. Auch Tuchel nicht.

Tuchel nimmt das Glück hin

Ob er die Wende habe kommen sehen? Der 40-Jährige schüttelte den Kopf, er wollte nach diesem Coup betont nicht den Eindruck erwecken, er hätte durch „irgendwelche Kniffe“ oder „irgendwelche Umstellungen“ diese spektakuläre Wende herbeigeführt. Bis zur 67. Minute lag seine Mannschaft 0:2 zurück, auch über ein 0:5 hätten sich die Mainzer nicht beschweren können. Dann aber traf der umworbene Eric-Choupo-Moting zum 1:2 und innerhalb von acht Minuten führte der FSV plötzlich 3:2.

Am Ende hatten die Nullfünfer 4:2 gewonnen und Tuchel sagte den schönen Satz: „Manche Spiele gewinnt man, weil man sie gewinnt.“ Der vertraglich bis 2015 an die Rheinhessen gebundene Trainer nahm das Glück, ohne es zu pedantisch zu hinterfragen und ohne Heldengeschichten oder Überhöhungen zu stricken.

Es war ja nicht so, dass Hoffenheim plötzlich gezittert, oder Mainz plötzlich soviel besser gespielt hätte nach dem ersten Mainzer Tor. Nein, plötzlich stand es 3:2 und niemand wusste warum. Hoffenheim spielte bis zur 65. Minute so gut wie nie in dieser Saison, Mainz so schlecht wie nie. Dann fiel ein Mainzer Tor, und dann noch eins, und noch eins und noch eins – und die Verhältnisse waren auf den Kopf gestellt. Auch wenn vielleicht jedes einzelne Mainzer Tor in seiner Entstehung erklärbar ist – die radikale Wendung bleibt rätselhaft.

Auch TSG-Trainer Markus Gisdol war ratlos, er sagte: „Ich kann nicht erklären, warum wir dieses Spiel hergegeben haben.“ Es passte im Nachhinein zu diesem vermaledeiten Tag aus Sicht der Kraichgauer gepasst, dass der sonst so sichere Elfmeterspezialist Sejad Salihovic schon nach zwei Minuten einen Strafstoß verschossen hatte.

In Hoffenheim hatten sie ja gehofft, derlei bizarre Blackouts innerhalb von wenigen Minuten würden düstere Erzählungen aus der Vergangenheit bleiben. Nun wäre die TSG gut beraten, nicht in Selbstzerfleischung zu verfallen. Die Badener sollten ihre Stärke (hochbegabte Offensive) weiter stark reden und mit ihrer Schwäche (tiefbegabte Defensive) leben lernen, sonst wird es eng: 29 Punkte nach 25 Spieltagen sind eher zu wenig und 56 Gegentore sicher zu viel – Hoffenheim muss nach unten schauen.

Zweifel am Matchplan

Der Mainzer Trainer gab zu, während des ganzen Spektakels von grundsätzlichen Zweifeln geplagt gewesen zu sein. Tuchel zweifelte an seinem Matchplan (Raute im Mittelfeld und zwei Stürmer) und an der Tagesform seiner Spieler selbst nach der Führung, erzählte er. Nein, er, so Tuchel, habe nicht an eine Wende geglaubt, seine Spieler aber schon – und das wolle er auch „nicht klein reden“. Das erste Tor gab dieser Mannschaft offenbar so viel Vertrauen, dass sie wieder einmal ihre trotzige Comeback-Mentalität an den Tag legte.

Der Glaube an sich selbst resultiert vermutlich aus der Serie mit nur einer Niederlage aus den letzten elf Partien. Mainz ist jetzt Fünfter der Tabelle! Die Europa-League-Teilnahme scheint möglich, die Champions-League-Plätze liegen nur noch drei Punkte entfernt. Doch vom Ausrufen neuer Ziele will Tuchel nichts wissen. Erst recht nicht vor dem Heimspiel gegen den FC Bayern am kommenden Samstag.

In Hoffenheim hatte seine Mannschaft eine Menge Glück von jener Sorte, die man nicht zu oft strapazieren sollte. Der hervorragende Torwart Loris Karius hatte außerdem mit erstaunlichen Paraden mehrfach seine Elf vor einem Debakel bewahrt. „Vielleicht“, so Karius, „kriegen wir es nächste Woche ja besser verteidigt.“ Dann kommt der Münchner Unbesiegbar-Trupp, der unter Umständen vorzeitig die Meisterschaft in Mainz feiern könnte.

Unabhängig vom Ergebnis hat Tuchel aber schon einmal einen Plan für den Rest der Saison ausgerufen, er sagt: „Wir wollen diese Rückrunde durchziehen.“ Was das für die Zielsetzung heißt, ist aus Tuchels Sicht zweitrangig. In Mainz stimmt der Weg, und dieser Weg kennt den Abstiegskampf ja nur noch vom Hörensagen. In Hoffenheim dürfen sie das nach diesem Erlebnis noch nicht behaupten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen