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Mainz 05 - Hannover 96 Vernebelte Sinne

Beim 1:1 zwischen Mainz und Hannover sorgt der Videobeweis nicht unbedingt für Gerechtigkeit. Hinterher gibt es deshalb auf allen Seiten unzufriedene Menschen

Jean Philippe Mateta
Für den kleinen Rempler gab es Elfmeter: Jean-Philippe Mateta fällt kurz darauf hin. Foto: Imago

Der Sinn des Videobeweises im deutschen Profifußball ist es, auf den Sportplätzen der Ersten Bundesliga für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Dafür wurde das System intensiv getestet und schließlich scharf gestellt. Am Sonntagnachmittag beim 1:1 (0:1) des FSV Mainz 05 gegen Hannover 96 wurde das Gerechtigkeits-Arrangement mehrfach auf die Probe gestellt und versagte einmal auf geradezu groteske Art und Weise.

Hinterher gab es deshalb auf allen Seiten unzufriedene Menschen: Der Schiedsrichter Robert Hartmann verließ die Mainzer Arena missgestimmt, weil er in der 87. Minute einen Strafstoß gegeben hatte, den er niemals hätte geben dürfen; die Gäste aus Hannover waren sauer, weil durch eben diesen Strafstoß aus ihrer schönen 1:0-Führung ein 1:1 durch Daniel Brosinskis scharf geschossenen Schuss aus elf Metern wurde; und schließlich waren auch die Gastgeber aus Mainz nicht glücklich, weil ihr vermeintliches 2:1 durch Anthony Ujah in der sechsten Minute der achtminütigen Nachspielzeit aberkannt wurde. Diesmal allerdings richtigerweise, weil der Torschütze sich knapp im Abseits aufgehalten hatte.

Die Verlängerung der Spielzeit war notwendig geworden, weil Besucher aus dem Block der Niedersachsen kurz nach der Pause Rauchfackeln gezündet hatten, die eine achtminütige Unterbrechung notwendig machten. Es war nämlich nicht mehr genug zu sehen gewesen im Mainzer Strafraum. Auswirkungen auf den in einem Studio in Köln-Deutz sitzenden Video-Assistenten Patrick Ittrich kann der künstliche Nebel aber eigentlich nicht gehabt haben. Und doch müssen dem anerkannten Bundesliga-Referee Ittrich irgendwie die Sehsinne vernebelt gewesen sein, als er sich kurz vor Ende der regulären Spielzeit nicht bei Hartmann in Mainz meldete. 

Denn schon von der Tribüne im nur mit 23 000 Zuschauern gefüllten Stadion hatte es verdächtig nach einer Schwalbe ausgesehen, als der Mainzer Stürmer Jean-Philippe Mateta nach allenfalls leichter Berührung mit dem 96-Abwehrmann Matthias Ostrzolek noch ein paar Meter weiter lief und dann fiel wie ein gefällter Baum. Wieso hat Ittrich, dem im Kölner Keller ja sogar noch ein weiterer Mann vorm Bildschirm assistiert, den Kollegen Hartmann nicht auf dessen Fehleinschätzung der Szene aufmerksam gemacht? 

Nach der Partie begab sich Hannovers Sportchef Horst Heldt dann bald schäumend vor Wut in die Schiedsrichterkabine. Zuvor hatte Heldt am Sky-Mikrofon seinem Frust überaus freien Lauf gelassen. Er sprach an seinem 49. Geburtstag von einem „Witz“, von einem „Wahnsinn“, und sogar brachial davon, dass der „Scheiß“ so ganz sicher „nicht akzeptabel“ sei. Als er dann vom Besuch beim Schiedsrichterteam zurück gekommen war, hatte sich der gute Horst Heldt immerhin ein wenig beruhigt. Denn Hartmann hatte ihm berichtet, er selber sei sehr unglücklich darüber, dass dieser Strafstoß nicht aus Köln korrigiert wurde. „Die sitzen“, berichtete Heldt glaubhaft, „alle niedergeschlagen in ihrer Kabine.“

Der vermeintlich Gefoulte Mateta ließ später am Abend über die Mainzer Pressestelle ausrichten, es habe sich keinesfalls um eine Schwalbe gehandelt. „Es gab einen Rempler, ich kann mich nicht für eine Schwalbe entschuldigen, die keine war.“ Nun ja, diese Aussage muss man nach Ansicht der TV-Bilder als mindestens eigen interpretieren, keinesfalls sah es nämlich für einen neutralen Betrachter so aus, als hätte es durch den Kontakt mit Ostrzolek in dem Kontaktsport Fußball den Anlass gegeben, hinzufallen.

 „Schwalbe und Gelb“, befand Hannovers Trainer André Breitenreiter knochentrocken und kam damit der Wahrheit deutlich näher als Mateta. Und auch Breitenreiters Erkenntnis, man könne mit dem Fußballspielen aufhören, wenn eine solche Begebenheit aus Köln als Schwalbe bewertet werde, erscheint nachvollziehbar. Nachvollziehbar ist allerdings auch, dass der Mainzer Kollege Sandro Schwarz darauf hinwies, ein Spieler könne im Zeitalter der Videotechnik nicht derjenige sein, der beim Schiedsrichter für vermeintliche Gerechtigkeit sorgt. Das müssten die Herren Unparteiischen dann schon selber hinbekommen. 

Wie dem auch sei: Die für den Videobeweis zuständigen Oberschiris Lutz Michael Fröhlich und Jochen Drees, deren Nerven ohnehin schon mehrfach arg auf die Probe gestellt wurden, werden in dieser Woche wieder einmal vermehrten Gesprächsbedarf haben. Denn so, wie das System am Sonntag in Mainz angewandt wurde – unter anderem auch bei einem umstrittenen Handspiel in Hannovers Strafraum vor der Pause, als sich Ittrich aus Köln meldete, obwohl er besser den Mund gehalten hätte –, macht es wenig Sinn und sorgt vor allem für Ärger. Ärger, den alle Beteiligten durch den Videobeweis ja gerade vermeiden wollten. 

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