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Mainz 05 Es zwickt und zwackt

Darum wird der FSV Mainz 05 bis zum Ende der Bundesligasaison zittern müssen - eine Mängelanalyse der abstiegsgefährdeten Rheinhessen.

Abdou Diallo gegen Boateng und da Costa
Links an der Linie: Abdou Diallo (hier gegen Boateng und da Costa) auf der falschen Position. Foto: afp

Die Probleme des FSV Mainz 05 sind nicht erst seit dem in einer beschämenden Sang- und Klanglosigkeit 0:3 verloren gegangenen Bundesligapartie am Wochenende bei Eintracht Frankfurt offenkundig. Sie sollten dringend zumindest in wichtigen Teilen abgestellt werden, wollen die Rheinhessen nicht Gefahr laufen, sich weiterhin nahezu ausschließlich auf die Schwächen der anderen Kellerasseln der Fußball-Bundesliga zu verlassen, um mindestens den Relegationsplatz zu erringen. Realistisch betrachtet, dürfte es angezeigt sein, schon bald Späher nach Kiel zu schicken, um dort schon mal prophylaktisch einen möglichen Gegner der beiden Entscheidungsspiele Mitte Mai zu observieren.

Die Frankfurter Rundschau hat sich intensiv mit den Problemfeldern in Mainz beschäftigt und dabei die Erkenntnis gewonnen, dass es an allzu vielen Stellen zwickt und zwackt.

Das Torwartproblem: Mainz 05 hat in der laufenden Saison drei Keeper eingesetzt. Die Wechsel erfolgten jeweils verletzungsbedingt von René Adler auf Robin Zentner, zurück auf Adler, zurück zu Zentner, weiter zu Florian Müller. Alle drei haben nicht stabil überzeugen können, immerhin hat Müller in Hamburg einen Punkt festgehalten. Der Abwehr fehlt ein verlässlicher Rückhalt.

Das Kettenproblem:  In der Vorrunde haben die Mainzer nahezu durchweg hinten mit einer Viererkette agiert. Dieses System war vor allem dem einzigen überzeugenden Neuzugang Abdou Diallo auf den Leib geschneidert. Der Kapitän der französischen U-21-Nationalequipe entwickelte sich zu einem der besten Bundesliga-Verteidiger. In der Rückrunde setzt Trainer Sandro Schwarz zur vermeintlichen Stabilisierung der Defensive auf eine Dreierkette mit drei wuchtigen Innenverteidigern. Diallo agiert dadurch nicht mehr aus der Mitte heraus, sondern von halblinks. Bei (den häufigen) Rückständen muss der filigrane Franzose dann links außen verteidigen. Eine Rolle, die ihm sichtlich nicht behagt und seine Stärken missachtet. In der Spieleröffnung geht er so verloren, seine Nebenmänner Stefan Bell und Leon Balogun können das aufgrund technischer Defizite keinesfalls kompensieren. 

Das Außenverteidigerproblem: Weder der Italiener Giulio Donati vor der Dreierkette rechts noch Daniel Brosinski links überzeugen auf stabilem Bundesliganiveau. Brosinski ist zudem ein Rechtsfuß, seine Streuung bei Flanken ist groß, ohnehin ist der laufstarke Ersatzkapitän dort nur eine Notlösung. Die Mainzer haben keinen gelernten Linksverteidiger mehr im Kader. Donati ist rechts in der Offensive als alleiniger Mann auf dem Flügel überfordert.

Das Problem auf der Sechs: Der athletische Jean-Philippe Gbamin wird von Trainer Schwarz regelmäßig in die Dreierkette zurückgezogen, um mit seiner Körperlichkeit dort für Ordnung zu sorgen. Dadurch fehlt der Franzose aber im defensiven Mittelfeld an allen Ecken und Enden. Die körperlich viel schwächeren Danny Latza und Nigel de Jong taugen bei allem Kampfgeist viel weniger als früher Puffer gegnerischer Angriffe und gewinnen zudem weniger Kopfballduelle. Zudem fehlt Gbamins Dynamik nach vorn. 
  
Das Sturmproblem: Emil Berggreen hat nach langer Verletzungspause erstaunlich gute Leistungen gezeigt, ist aber schon geraume Zeit krankheitsbedingt zurückgeworfen worden. Der im Winter geholte Millionenmann Anthony Ujah ist zwar ein netter Kerl, aber bislang nur ein Schatten dessen, was er vor seinem China-Trip in Köln und Bremen war. Sommerverpflichtung Kenan Kodro blieb den Nachweis von Bundesliganiveau schuldig und ist schon wieder weg. Yoshinori Muto scheint mit jeder weiteren Woche schwächer auf der Brust zu werden. 

Das Problem auf den Flügeln: Wegen der Dreierkette hinten gibt es vorn keine zwei Außenstümer links und rechts mehr. Die Position von Levin Öztunali wurde also ersatzlos gestrichen, ohnehin hatte Öztunali nach ordentlichem Saisonstart stark abgebaut und ist aktuell nur noch ein Häuflein Elend. Der mit viel Hoffnungen auf links in die Saison gestartete dänischer Nationalspieler Viktor Fischer verabschiedete sich im Winter mangels Einsätzen. 

Die Problem Passquote: Eigentlich wollte Sandro Schwarz nach dem puren Umschaltfußball von Vorgänger Martin Schmidt wieder einen ansehnlicheren Spielstil entwickeln. Das ist bislang heillos misslungen. Mainz 05 präsentiert fußballerische Magerkost, die Passquote ist regelmäßig schlicht ungenügend und oftmals eine ganze Klasse schlechter als die des jeweiligen Gegners. 

Das Problem Mentalität und Aggressivität: Die Identität des Spiels von Mainz 05 fußt seit der Ära Klopp auf aggressivem Laufspiel. Die ist weitgehend verloren gegangen. Nach dem 0:3 in Frankfurt sagte Danny Latza: „Wir müssen viel aggressiver anlaufen. Wir waren viel zu passiv. Das ist nicht unsere DNA.“ Vor allem in Auswärtsspielen zeigt sich das in erschreckender Auffälligkeit. 

Das Problem gegnerische Standards: Besorgniserregend ist die notorische Mainzer Schwäche bei gegnerischen Standardsituationen, zuletzt wieder in Frankfurt beim frühen ersten Gegentreffer. Es fehlt - wie oft auch anderswo auf dem Spielfeld – den Nullfünfern regelmäßig die notwendige Intensität im Abwehrverhalten und die Handlungsschnelligkeit. 

Das Transferproblem: Bis auf Diallo haben sämtliche Neuzugänge nicht überzeugen können. Weder Adler noch Fischer, noch Kodro, noch der zum Zweck der besseren Spielkultur verpflichtete Alexandru Maxim, dessen fahriges Spiel mittlerweile ein Ärgernis ist. Die im Winter aus Furcht vor dem Abstieg geholten Ujah und de Jong blieben bislang den Nachweis schuldig, eine Hilfe zu sein. 

Das Führungsspielerproblem: Kapitän bei Mainz 05 ist Niko Bungert, charakterlich ohne Fehl und Tadel, aber im laufenden Spieljahr noch ohne Einsatz in der Bundesliga. Sein Stellvertreter Stefan Bell, menschlich ebenfalls über alle Zweifel erhaben, ist dies leistungsmäßig in dieser Saison allerdings nicht. Selbiges gilt für Daniel Brosinski, den Stellvertreter des Stellvertreters, sowie für weiter Männer, deren Persönlichkeit Führungskompetenz erkennen lassen: René Adler und Danny Latza. Weil Sportchef Rouven Schröder und Trainer Schwarz dieses Manko diagnostiziert hatten, wurde Nigel de Jong als Aggressive Leader geholt. Zwischenfazit: De Jong ist zwar ein Klassekerl, aber nach mehr als einem halben Jahr auf der Tribüne in Istanbul keine Verstärkung. 

Fazit: Mainz 05 dürfte angesichts dieser gravierenden Schwierigkeiten gezwungen sein, weiter auf die latente Schwäche des 1. FC Köln, Hamburger SV und VfL Wolfsburg zu hoffen und gleichzeitig in den verbleibenden Heimspielen gegen Mönchengladbach, Leipzig, Freiburg und Bremen ein paar Punkte zu hamstern. Auswärts ist das im derzeitigen Zustand der Truppe in Köln, Augsburg und Dortmund kaum zu erwarten. Ein Wechsel auf der Trainerposition, wo Sandro Schwarz den Verein zwar vorbildlich lebt, ohne aber Lösungen für das anhaltende sportliche Tief zu finden, käme für Sportvorstand Rouven Schröder einem Offenbarungseid gleich. Schröder dürfte viel daransetzen, dem persönlich geschätzten Schwarz den Rücken zu stärken. Zum Ultimo der vergangenen Saison hat diese Strategie bei Martin Schmidt, in den Schröder seinerzeit das Vertrauen längst verloren hatte, funktioniert. Sandro Schwarz seinerseits wirkt zwar noch kämpferisch, aber dennoch sichtbar angeschlagen. Er erwartet auch von sich selbst, dass er mehr liefert. Zurecht! 

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