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Mainz 05 „Der wollte offenbar im Mittelpunkt stehen“

Beim Spiel zwischen dem FSV Mainz und dem 1. FC Nürnberg steht der Vierte Schiedsrichter viel zu oft zum Hauptdarsteller. Mainz-Trainer Tuchel will sich beim DFB schriftlich beschweren, aber er ist nicht ganz unschuldig.

10.11.2012 14:12
Von Jan Christian Müller
Immer voll bei der Sache: Thomas Tuchel. Foto: Bongarts/Getty Images

Normalerweise sitzt Lutz Wagner regelmäßig bei Heimspielen des FSV Mainz 05 im Stadion und beobachtet und bewertet die Leistung des Schiedsrichterteams. Wagner, 49, ist Schiedsrichter-Lehrwart des Deutschen Fußball-Bundes. Bis vor zwei Jahren war der Fertigungsleiter aus Hofheim einer der beliebtesten deutschen Referees. Spezialität: Mal ein netter Spruch, mal ein freundliches Lächeln, deeskalierende Körpersprache.

Genau das Gegenteil präsentierte der Stuttgarter Martin Petersen als Vierter Offizieller beim 2:1 von Mainz 05 gegen den 1. FC Nürnberg. Petersen ist erst 27 Jahre alt und ein hervorragender Zweitliga-Referee mit bester Perspektive. Im gestrengen Fachblatt Kicker sammelte er zuletzt Top-Noten für seine Spielleitungen auf dem Platz. Aber am Spielfeldrand muss der junge Mann noch eine Menge lernen.

Tuchel fühlt sich gestört

Ständig hielt sich der große, kräftige Kerl in der Coaching Zone des Mainzer Trainers Thomas Tuchel auf, teilweise versperrte Petersen den freien Blick von der Mainzer Bank aufs Spielfeld, so dass sich Tuchel hinterher beschwerte, er fühle sich „in meiner Berufsausübung“ gestört. Denn, so der leidenschaftliche Fußballlehrer: „Ich bin ein Trainer, der seine Mannschaft aktiv coacht. Es ist nicht hinnehmbar, wenn ich dabei vom Vierten Unparteiischen gestört werde.“

Tuchel will nun einen Bericht an den DFB schicken, sich beschweren und dabei den Spieß mal umdrehen: „Wenn ich mich so benehmen würde wie der Vierte Mann sich benommen hat, dann würde ich jede Woche im Schiedsrichterbericht vorkommen.“

Der 39-Jährige ist sicher nicht der angenehmste Zeitgenosse für die in der Bundesliga vor neun Jahren eingeführten Vierten Schiedsrichter, gegen Nürnberg hatte er sich schon in der Anfangsphase fürchterlich und völlig übertrieben über eine seiner Meinung nach falsche Einwurf-Entscheidung des Schiedsrichters Thorsten Kinhöfer aufgeregt. Aber die Situation hätte sicher viel schneller beruhigt werden können, wenn sich Petersen von da an nicht ständig in der Nähe des Mainzer Trainers aufgehalten hätte.

„Der wollte offenbar im Mittelpunkt stehen“, ätzte 05-Manager Christian Heidel, „und diesen Mittelpunkt sah er in unserer Coaching-Zone.“ Heidel empfand das als Provokation, bat Petersen während des Spiels sich doch bitteschön ein wenig zu entfernen, und interpretierte dessen Antwort als „Arroganz“.

Vom Gebaren der Vierten Offiziellen genervt

Man sollte „da besser einen erfahrenen Schiri hinstellen“, schlägt Heidel vor, viele Manager- und Trainerkollegen sehen das genauso und sind genervt vom gestrengen Gebaren einiger Vierter Männer.

Kein Zweifel: So einen wie den alten Hasen Lutz Wagner hätte es bei dem hitzigen Spiel an der Außenlinie gebraucht, um der Situation Herr zu werden. Doch Wagner ist zu alt, mit spätestens 47 Jahren ist laut Reglement Schluss in der Bundesliga, was viele bedauern.

Selbst als Vierter Offizieller dürften weder er noch gestandene Größen wie die Ex-Fifa-Schiedsrichter Herbert Fandel oder Hellmut Krug in der Bundesliga wirken. Denn der Vierte Mann muss zur Not den Hauptschiedsrichter ersetzen können, wenn sich dieser verletzt. Das erfordert Fitness, regelmäßige Leistungsprüfungen und ständiges Training, weshalb der DFB den sich wiederholenden Wünschen der Klubs, möglichst auch Altmeister ihrer Zunft am Spielfeldrand zu postieren, nicht nachkommen kann.

Vierter Mann soll deeskalierend wirken

Am Wochenende weilte Lutz Wagner bei einem Kongress der europäischen Lehrwarte in Wien, er war deshalb in Mainz nicht vor Ort, konnte aber am Handy grundsätzlich Auskunft darüber geben, was von den Vierten Unparteiischen verlangt werde: „Sie sind angewiesen, deeskalierend zu wirken.“

Ihr Aufenthaltsort befinde sich grundsätzlich zwischen den Trainerbänken und nicht in den Coaching-Zonen. Im Dialog und Austausch an den Trainerbänken lasse sich oft viel klären: „Wir haben damit in der Regel sehr positive Erfahrungen gemacht.“

Martin Petersen muss nun allerdings damit rechnen, dass sein Verhalten entsprechend kritisch auf dem Lehrvideo erwähnt wird, das Wagner nach jedem Wochenende den DFB-Schiedsrichtern zukommen lässt. Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer, der zehn Gelbe Karten verteilte, sagte jedenfalls selbstkritisch: „Wir werden das analysieren und gucken, wie wir es in Zukunft besser machen.“

Und vielleicht denkt ja auch Thomas Tuchel noch einmal darüber nach, ob es der richtige Weg ist, auf eine vermeintlich falsche Einwurf-Entscheidung in Körpersprache und Lautstärke derart unangemessen aggressiv zu reagieren. Denn damit fing ja alles an.

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