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Jannik Huth Tendenz zum Eigengewächs

Der Mainzer Torwart Jannik Huth darf sich wohl auch beim FC Bayern beweisen.

Fussball Bundesliga Saison 2016 2017 Mainz Opel Arena 15 4 2017 1 FSV Mainz 05 MZ Hertha
Der Matchwinner gegen die Hertha: Daniel Brosinksi bedankt sich auf seine Art bei Keeper Jannik Huth. Foto: imago

Auch wenn Jannik Huth schon wie eine ziemlich coole Socke wirkt, wird er das Osterfest 2017 so schnell nicht vergessen. Heimdebüt in der Bundesliga zum 23. Geburtstag mit einem zu-Null-Sieg im Abstiegskampf feiern und schlussendlich vor den Fanblock treten, um beim selbst ernannten Karnevalsverein die „Humba“-Hymne zu buchstabieren – viel mehr geht beim FSV Mainz 05 eigentlich gar nicht. Trotzdem berichtete der junge Torwart von diesem Erweckungserlebnis für seine Profikarriere am Samstag in einem Tonfall, der ohne kindlichen Überschwang auskam.

„Es hat alles gepasst: Das war ein gelungener Tag und die richtige Reaktion“, sagte einer, dessen Vorstellungsrunde im Oberhaus in der Vorwoche nicht ganz so glücklich verlaufen war. Der Keeper kollidierte beim SC Freiburg (0:1) mit einem Mitspieler und galt als Mitverursacher eines Gegentors, das seinem Trainer beinahe den Job gekostet hätte. Martin Schmidt begründete gerne, warum er seine Nummer 33 gegen Hertha BSC (1:0) wieder aufstellte, obwohl Stammtorwart Jonas Lössl sich gesund gemeldet hatte: „Jonas hat nur das Abschlusstraining gemacht, da wollte ich nochmal den Jannik nehmen. Ich kenne ihn, seitdem er sich als dritter und vierter Torwart der U23 bis zum zweiten der Profis hochgearbeitet hat.“ Der bis 2020 gebundene Huth solle jetzt Vorbild für den gesamten Nachwuchs sein. Mit Talent, Fleiß, Ehrgeiz und Geduld wird man an diesem Standort irgendwann belohnt.

Schmidt lässt seine Entscheidung offen

Als „kleinen Glücksbringer“ machte der Cheftrainer den beförderten Ballfänger aus, der gegenüber seinen hochkonzentriert spielenden und leidenschaftlichen kämpfenden Vorderletzten kein Deut abfiel. Es sei nun „eine Denksportaufgabe“, sagte Schmidt, wer am Samstag beim FC Bayern („die vergangenen vier, fünf Jahre ist gegen die immer mal was gegangen“) zwischen den Pfosten steht. Lössl oder Huth? Vorschnell wollte der Schweizer Fußballlehrer keine Entscheidung verkünden („ich weiß es noch nicht“), aber die Tendenz geht zum Eigengewächs. Was perfekt zur Schmidt-Doktrin passen würde, dass man mit dem Befreiungsakt gegen Berlin „Altes besiegt hat und Neues entstehen lässt“.

Zudem verbietet keine Regel, mitten im Überlebenskampf auf einer Schlüsselposition zu tauschen. Schmidts Landsmann Lucien Favre hat in Mönchengladbach 2011 mal vorgemacht hat, welches Signal ausgesendet wird, wenn ein Unverbrauchter unvermittelt in höchster Abstiegsnot den Job unter der Latte übernimmt: Am Niederrhein erarbeite sich der damals gerade 18-jährige Marc-André ter Stegen in Windeseile das Vertrauen. Nicht viel anders könnte es nun in Mainz mit dem in Bingen geborenen Huth werden, der seit dem 13. Lebensjahr ein Nullfünfer ist.

Den Jüngling mit dem kernigen Kinnbart empfing der Anhang mit offenen Armen und stimmte bei jeder Aktion jene langgezogenen „Huuuuth“-Rufe an, die den kantigen Abwehrrecken Robert Huth einst landesweit im DFB-Trikot begleiteten. Jannik Huth besitzt zumindest für die Region Rheinhessen das Zeug zur Identifikationsfigur: Als der Ersatztorwart der deutschen U21-Nationalmannschaft vom Olympischen Fußballturnier eine Silbermedaille mitbrachte, bereitete ihm sein Heimatverein SG Guldental einen herzlichen Empfang.

Für den vor der Saison als eigentliche Nummer eins verpflichteten Dänen Lössl verheißt das alles nicht viel Gutes. Sportchef Rouven Schröder hatte gerade erst erläutert, dass der introvertierte Blondschopf zwar ein solider Schlussmann sei, doch das Problem habe, stets mit dem extrovertierten Vorgänger Loris Karius (FC Liverpool) verglichen zu werden. Was dem 28-Jährigen für das Standing in der Öffentlichkeit fehle, sei ein Spiel, „das er mit zwei, drei Glanzparaden alleine gewinnt“. Huth genügte der zweite Erstliga-Einsatz, um im Matchwinner-Status inmitten glücklicher Mainzelmänner auf den Zaun zu klettern.

Seine selbstbewusste Art kommt auch bei den Mitspielern gut an. „Er macht sich nicht verrückt und ist als Typ sehr abgeklärt“, lobte Mannschaftskapitän Stefan Bell. Ein Prototyp der modernen Torwartschule, die sich im Wissen um die eigene Stärke keinen Kopf macht. Und deren Zuständigkeitsgebiet nicht mit der Strafraumlinie endet. Seine Spieleröffnung schaut fast eine Klasse reifer aus als die des Konkurrenten. „Ich weiß, was ich mit dem Ball am Fuß kann“, stellte Huth heraus, „da ist auch egal, ob ich Bundesliga oder Dritte Liga spiele.“ Er möchte sich fortan bitte häufiger in der ersten Liga beweisen. Vermutlich wird ihm dieser Wunsch bald erfüllt. Beim Gastspiel am Samstag beim designierten Deutschen Meister.

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