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Im Gespräch "Als sich Boysen verabschiedete, habe ich ihn umarmt und geweint"

FSV-Spieler Ju-Tae Yun über seinen ehemaligen Trainer, seine ersten beiden Tore für den FSV Frankfurt und seine Hoffnung auf eine Olympiateilnahme in London.

18.04.2012 22:19
Freunde: Ju-Tae Yun schultert Nils Teixeira. Foto: Jan Hübner

Ju-Tae Yun, 21, ist ein höflicher, stets freundlicher junger Mann. Seiner landesüblichen kurzen Verbeugung lässt der südkoreanische Profi des Fußball-Zweitligisten FSV Frankfurt vor unserem Interview ein „Danke“ folgen ? „es ist dies das erste Wort, das er auf Deutsch gelernt hat“, erklärt sein Freund und Berater Han-Myung Song. Seit November drückt Yun die Schulbank; zwischen den Trainingseinheiten wird er von Angela Kiefer, der Ehefrau des einstigen FSV-Präsidenten Carlo Kiefer unterrichtet. „Er versteht schon fast alles“, sagt Song, „nur mit dem Sprechen, da hapert es noch.“ Song, diplomierter Kaufmann aus Frankfurt, gibt gerne den Dolmetscher für seinen Landsmann.

Was schmeckt Ihnen besser: Kimchi oder Sauerkraut?

Sauerkraut ist auch lecker. Aber ich bevorzuge dann doch lieber den eingelegten Sauerkohl aus meiner Heimat.

Vermissen Sie Ihre Heimat?

Am meisten vermisse ich meine Familie.

Ihr Bruder lebt mittlerweile bei Ihnen.

Das ist eine ganz neue Lebensqualität. Mit ihm kann ich reisen, Dinge gemeinsam erleben. Außerdem kocht er für mich. Das ist toll.

Die vergangenen neun Monate waren nicht immer leicht für Sie, oder?

Das stimmt. Die dreimonatige Pause wegen einer Sprunggelenksverletzung in der Vorrunde hat mir sehr zugesetzt. In der Rückrunde habe ich immer wieder gute Torchancen ausgelassen ? auch in Rostock. Ich hatte in der Halbzeitpause deswegen schon eine kleine Krise, denn das war sicherlich nicht mein bestes Spiel. Aber meine ersten beiden Tore für den FSV haben mich all das dann vergessen lassen. Das hat mir unheimlich gutgetan.

Wie ist Ihr Kontakt zu Ihren Mannschaftskollegen?

Besonders guten Kontakt habe ich zu Nils Teixeira, Ilian Micanski oder Macauley Chrisantus, weil Sie sich für mich interessieren und mir helfen wollen, mich schnellstmöglich auch sprachlich zu integrieren. Mit ihnen spreche ich schon ganz einfaches Deutsch. Seitdem verstehe ich auch besser, was ich auf dem Platz zu tun habe. Gerade im Defensivverhalten. Vorher habe ich immer nur ‚Yun, Yun‘ gehört. Jetzt weiß ich, was es bedeutet, wenn einer ‚Hintermann, rechts, links oder Umschalten‘ ruft.

Vielleicht sollten Sie auch gleich noch Englisch lernen ? es heißt, Ihr Ziel sei es, einmal in der Premier League zu spielen.

Meine Priorität liegt ganz klar beim FSV. England ist ein Traum von mir, das stimmt ? ich habe allerdings noch viel Zeit, diesen Traum zu leben.

Und wie sieht es mit der Nationalmannschaft aus? Auch ein Traum?

Ich habe früher in diversen Jugendnationalmannschaften gespielt. Ich mache mir Hoffnungen, für das olympische Fußballturnier in London nominiert zu werden. Ich habe gehört, der Trainer unserer Olympiaauswahl soll in den nächsten Wochen nach Deutschland kommen.

Sie kamen im Sommer von der Yonsei Universität zum Probetraining beim FSV und haben Hans-Jürgen Boysen überzeugt. Kurz vor Weihnachten wurde der Trainer beurlaubt. Waren Sie irritiert, traurig?

Ich war sehr geschockt und verstört, als ich davon erfahren habe. Als sich Boysen am nächsten Tag von uns verabschiedete, habe ich ihn umarmt und geweint. Er hat mich immer sehr gut behandelt, ich habe ihm viel zu verdanken und werde ihn nie vergessen.

Glauben Sie, auch Boysen hätte die Wende zum Besseren noch einleiten können?

Das ist hypothetisch, das weiß ich nicht. Als unser neuer Trainer Benno Möhlmann kam, dachte ich, was soll der denn bewirken können. Schließlich ist die Lage so prekär und das Spielermaterial dasselbe. Aber ich wurde eines Besseren belehrt. Ich hätte nicht geglaubt, dass ein Trainer so einen Einfluss auf eine Mannschaft und das Spiel nehmen kann.

Was macht ein junger Mann aus Südkorea in Frankfurt, wenn er nicht gerade Fußball spielt?

Ich bin vielleicht etwas atypisch, ich gehe nicht auf die Piste wie andere in meinem Alter. Wenn ich Zeit habe, spiele ich mit Bekannten Fußball auf der Playstation oder unternehme Kurzreisen mit meinem Bruder. Am Sonntag war ich mit ihm beispielsweise in Fulda ? ich habe auch schon Frankfurt erkundet ? und natürlich die Loreley und Heidelberg besucht.

Das Gespräch führte Jörg Hanau.

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