Lade Inhalte...

Zweitliga-Relegation Ein Märchen

Auf den letzten Metern zum Wunder steht Darmstadt 98 gegen Bielefeld ein alter Bekannter im Weg.

16.05.2014 06:51
Sebastian Rieth
Ohne den Lizenzentzug der Kickers würden die Lilien nun nicht ans Zweitligator hämmern. Foto: imago

Wer die märchenhafte Metamorphose des SV Darmstadt 98 in Gänze nachvollziehen will, der muss im Kalender nicht weit zurückblättern. Ein Jahr, um genau zu sein. Die Erinnerungen an damals, an den 18. Mai 2013, haben sich wie eine Narbe in das Gedächtnis der Beteiligten gebrannt, kaum einer wird die bedrückende Stille vergessen, die im schmalen Kabinengang des Stadions am Böllenfalltor lag und nur durch das Klirren der Bierflaschen durchbrochen wurde, die ein Betreuer in den Duschraum schleppte. Der Frust wurde runtergespült. Es roch nach Schweiß und Gras. Die Fetzen des Rasens lagen auf den abgenutzten Fliesen. Resignation, Trauer, Tränen.

Mit beschlagener Brille, zittriger Stimme und Schweißperlen auf der Stirn gab Rüdiger Fritsch damals den letzten Kämpfer, redete von „faulen Eiern“, die man endlich aus der Dritten Liga aussortieren müsse, und dem „Preis der Seriosität“, den die Lilien mit dem Abstieg in die Bedeutungslosigkeit zu bezahlen hätten. Der Präsident klang wie ein unverbesserlicher Optimist. Und daran, dass der Verein nur 363 Tage später in zwei Bonusspielen sogar um den Aufstieg in die zweite Liga kämpfen würde, statt sich mit Gegnern wie Pfullendorf oder Neckarelz herumzuschlagen, dachte in diesem Augenblick ohnehin niemand. Heute Abend (20.30 Uhr/HR) empfangen die Lilien zum Hinspiel der Relegation Arminia Bielefeld.

"Wir bleiben drin"

„Wir waren am Boden, haben geheult, waren enttäuscht und manche sogar arbeitslos“, erinnert sich Dirk Schuster an die bitteren Stunden. Die Mitteilung über den Lizenzentzug des Rivalen Kickers Offenbach und den eigenen nachträglichen Klassenerhalt ereilte den Trainer in Thailand im Urlaub. Eine kurze SMS seines Assistenten Sascha Franz reichte aus. „Wir bleiben drin.“ Schuster öffnete sich ein Bier.

Der 46-jährige Sachse trägt wohl den größten Anteil daran, dass sich der Eigentlich-Absteiger mit traumwandlerischer Zielstrebigkeit zu einem potentiellen Aufsteiger entwickelt hat. Schuster machte das Darmstädter Aschenputtel salonfähig, er krempelte die Offensive um, holte Spieler, denen einst eine große Karriere vorhergesagt wurde, die mittlerweile aber am Scheideweg ihrer Laufbahn standen: Dominik Stroh-Engel, Marcel Heller, Marco Sailer, Milan Ivana – für sie alle war Darmstadt die wohl letzte Chance, den persönlichen Abwärtstrend zu stoppen. Schuster hatte eine Gemeinschaft der Gescheiterten am Böllenfalltor versammelt. „Natürlich war in solchen Fällen ein bisschen Risiko dabei, aber wir haben nur Spieler geholt, die wir kannten“, erklärt der Trainer mit Manageraufgaben. „Von Wundertüten haben wir Abstand genommen.“

Echter Teamgeist

Die strenge Auswahl nach sozialen Faktoren sollte sich auszahlen. Oft wird im Sport hochtrabend von Teamgeist gesprochen – bei den 98ern findet man ihn tatsächlich. An warmen Tagen liegen die Spieler schon mal gemeinsam im Darmstädter Herrngarten, nach dem Abpfiff wird noch ein Bier getrunken. Der Fußball ist am Böllenfalltor, auch wegen der alten Schüssel, in der sie dort spielen, eben noch rein und puritanisch. Vieles erinnert mehr an Kreisliga, denn an Profifußball. Schlecht ist das deswegen nicht. Die Spieler sind für ihr Wohl in erster Linie selbst verantwortlich, Schuster ist kein Prinzipienfanatiker, der ihnen alles vorschreibt. „Wenn einer das Bedürfnis hat, sich einen Burger reinschieben zu müssen, dann: Bitte. Das Leben ist auch Genuss“, erklärt der Trainer. Lediglich vor den beiden Relegationsspielen heute zu Hause und am Montag in Bielefeld hat er ein Fast-Food-Verbot verhängt. Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt vor anderthalb Jahren.

Es könne auch mal knallen, wenn es unehrlich zugehe, versichert der ehemalige Nationalspieler. Generell ist bei ihm aber eine lange Leine angesagt. So gibt es beispielsweise einen Joker, den jeder inklusive des Funktionsteams ziehen darf, um entschuldigt an einer Trainingseinheit zu fehlen. Die Mannschaft honoriert das. „Ich bin ein Wohlfühlspieler“, sagt Stroh-Engel und verrät das Geheimnis seiner 27 Saisontore: „Der Trainer hat mich vom ersten Tag an gestreichelt.“

Natürlich wissen sie, dass die Chance, den Verein nach 21 Jahren Abstinenz wieder zurück in die zweite Bundesliga zu führen, wohl einmalig ist. Das kommt so schnell nicht wieder, dieser Lauf, diese Leichtigkeit. Die Mannschaft hat es geschafft, eine brach liegende Euphorie in der Stadt zu entfachen. Nicht umsonst merkt Schuster an, dass mittlerweile fast jedes Auto mit Darmstädter Kennzeichen einen kleinen Lilienaufkleber trage. Vor einem Jahr hätte das noch keiner gedacht.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen