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SV Darmstadt 98 Schweineläufe und Pudelmützen

Der ehemalige Triathlon-Arzt Klaus Pöttgen ist für die gute Fitness der Profis von Darmstadt 98 verantwortlich.

11.09.2014 06:49
Steffen Gerth
Bereit für den Marathon: Lilien-Coach Dirk Schuster. Foto: imago

Ein kleiner Traum von Dirk Schuster wurde dann vom Terminplan der zweiten Fußball-Bundesliga zerstört. Eigentlich wollte der Trainer des SV Darmstadt 98 am ersten Novembersonntag beim New York Marathon mitlaufen, 42,195 Kilometer von Staten Island bis in den Central Park. Schuster wird nicht antreten können, denn einen Tag vorher müssen die Lilien beim 1. FC Heidenheim ran. Nur mit übermenschlichen Kräften hätte der Trainer danach Zeit und Raum überwinden müssen, um anderntags 9.40 Uhr an der Startlinie in New York zu stehen.
Dass ein Fußballtrainer sich überhaupt so einem Projekt stellen will ist ungewöhnlich – für Darmstädter Verhältnisse nicht. Denn der Fußball, der hier gespielt wird, lebt von einer immensen Fitness. Das war schon in der vorigen Drittligasaison so und setzt sich nach dem Aufstieg in Liga zwei fort. Die Lilien laufen die Gegner regelrecht müde. Wie ist das dauerhaft möglich?
Es beginnt, dass Schuster der Mannschaft Fitness vorlebt. Als Spieler, sagt er, habe er immer kein gutes Gefühl gehabt, wenn ein Trainer „mit einer Plauze“ vor dem Team steht. Davon ist der Sachse weit entfernt. Gemeinsam mit seinem Assistenten Sascha Franz rennt er vor Auswärtsspielen immer zum nächstgelegenen Flugplatz der jeweiligen Stadt. Und bei Heimpartien laufen beide immer früh morgens vom Böllenfalltor zum Steinbrücker Teich und zurück. Zwölf Kilometer.

„Bis an die Kotzgrenze“

Überhaupt steht Laufen hoch im Kurs in der Saisonvorbereitung des Teams. Sie sprinten im Wald bergab und bergan. Und weil der Trainingsplatz am Böllenfalltor eine Weile gesperrt war, musste auf die Anlage des TV Traisa ausgewichen werden. Dorthin gelangte die Mannschaft: laufend. Gut drei Kilometer durch den Darmstädter Wald. Legendär ist auch der Höhepunkt jeder Vorbereitung unter Schuster, der „Schweinelauf“, wie er es formuliert. Auf einer Strecke über zweimal 2,5 Kilometer muss jeder Spieler sich völlig verausgaben. „Bis an die Kotzgrenze“, heißt das bei Schuster. Selbst die Spielformen werden immer mit hoher Intensität durchgeführt, denn beim Trainer gilt: „So, wie man trainiert, spielt man auch.“
Laufen, Pausen für erschöpfte Spieler und zur Entspannung Bowling spielen – gut und schön. Doch hinter dem Erfolg der Darmstädter Fitness Company steckt mehr. Und hier kommt Klaus Pöttgen ins Spiel. Seit der Darmstädter Arzt 2011 zum Team der Lilien stieß, hob der frühere Triathlet und Medizinische Leiter des Frankfurter Ironman-Rennens die Betreuung der Spieler auf sportwissenschaftliches Niveau „Das war für Fußball ein gewaltiger Schritt“, sagt er.
Heute stopfen sich Lilien-Profis nicht mehr vor den Spielen die Bäuche voll mit Kuchen und schwer verdaulichen Bananen. Stattdessen gibt es unmittelbar ab zwei Stunden vor Anpfiff und in den Pausen nur noch Kohlehydrat-Gels. Und bis spätestens eine Stunde nach Abpfiff hat jeder Spieler seine Portion Putenfleisch mit Nudeln vertilgt, um die Eiweißspeicher aufzufüllen. Wer ausgewechselt wird, muss sofort einen Eiweißriegel essen. „Die Regeneration beginnt mit der Ernährung“, sagt der Mannschaftsarzt.

Kreatin und Koffein

Pöttgen organisierte auch die im Ausdauersport längst üblichen Kompressionsstrümpfe, um die Muskulatur zu entspannen. Es gibt Varianten fürs Training und welche für die Regeneration, die auch bei Busfahrten getragen werden müssen. Selbst um Kleinigkeiten kümmert sich der Doktor: Wer ausgewechselt wird, muss sofort ein trockenes T-Shirt anziehen. Und in der kalten Jahreszeit dürfen TV-Interviews direkt nach dem Spiel nur mit Mütze gegeben werden – alles, damit sich niemand erkältet. Selbst Fußpflege hat Pöttgen für die Spieler organisiert, denn wer einmal die ramponierten Zehen von Profis gesehen hat weiß, dass hier viel im Argen liegt.
Pöttgen will bei Regeneration und Leistungssteigerung alle Möglichkeiten ausnutzen, die in Einzelsportarten zum Standard gehören – die aber auch die Grenzen des Erlaubten nicht überschreiten. Zu Muskelaufbau und –regeneration arbeitet er mit der Aminosäure Beta Alanin sowie dem unter Fachleuten nicht unumstrittenen Nahrungsergänzungsmittel Kreatin. Auch Koffein wird bei den Lilien bewusst eingesetzt. Sollte Dirk Schuster irgendwann die Chance auf seinen Marathonlauf bekommen – er wird gut vorbereitet sein.

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