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Darmstadt 98 Lilien fit im Dauerregen

Kein Verein beklagt statistisch so wenige Verletzungen und Ausfalltage wie der SV Darmstadt 98 – das ist laut einer neuen Erhebung kein Zufall.

Flusslandschaft bei Lara: Darmstädter Profis auf dem Weg ins Hotel. Foto: Huebner/Ulrich

Dauerregen. Durchgeweichte Plätze. Knöcheltiefes Wasser. Das sind die Bedingungen, die die Profis des SV Darmstadt 98 zur Ankunft an der türkischen Riviera vorfanden. Als erster Bundesligist nahmen die Lilien bereits am vergangenen Samstag die Arbeit wieder auf, um tags darauf das obligatorische Trainingslager in Lara nahe bei Antalya zu beziehen. Der Frühstart für die Rückrunde besitzt Symbolcharakter, denn nach der Hinrunde führt der Neuling zumindest ein Ranking an: Niemand hatte so wenige Verletzungen zu beklagen.

Die Freiburger Internetseite www.fussballverletzungen.com (siehe Grafik) listet akribisch alle Verletzungen der Bundesligisten auf – und erstellt eine Tabelle, die sich aus den Ausfalltagen pro Spieler ergibt. Umgerechnet auf die Kadergröße. Weniger als acht Ausfalltage sind es in Darmstadt – bereits der Zweite, 1899 Hoffenheim, kommt auf doppelt so viele. Die meisten Ausfälle verzeichneten der FC Bayern (durchschnittlich 30 Ausfalltage), Hertha BSC (33) und Schalke 04 (34).

Zeitpunkt und Art der Verletzungen werden dabei vom Statistiker Fabian Siegel erfasst. Vorweg: Über die Qualität der medizinischen Versorgung kann auch Siegel nur bedingt Auskunft erteilen – wenn beispielsweise der Gladbacher André Hahn durch den Tritt des Schalkers Johannes Geis monatelang ausfällt, kann kein Mannschaftsarzt oder Physiotherapeut etwas dafür.

Aber doch zeigen sich Trends. „Ich glaube nicht an schlechtes Karma, Schicksal oder göttliche Wesen, die für die Verletzungen verantwortlich sind. Tatsächlich kann man sehr viel auf falsche Trainingsmethoden, Überlastung und mangelhafte ärztliche Behandlung zurückführen“, schreibt Siegel, der Darmstadt „sensationelle Werte“ zuschreibt. Die Führungsposition des Emporkömmlings, der bereits in der zweiten Liga ohne größere Ausfälle den Durchmarsch bewerkstelligte, sei gewiss kein Zufall.

In der „Sportärztezeitung“ erklärte Trainer Dirk Schuster die erfolgreiche Verletzungsprophylaxe als ein Geheimnis des Erfolgs. „Das Thema Verletzungen hängt natürlich immer auch ein wenig mit Glück und Pech zusammen. Für uns in Darmstadt ist Prophylaxe ein Riesenthema. Die Steuerung von Belastung und Erholung hat oberste Priorität.“ Um Überbelastungen zu vermeiden, kommuniziere er sehr viel mit den Spielern, „ohne Ehrlichkeit funktioniert es nicht.“ Motto: Bloß kein falscher Ehrgeiz. Credo: Lieber ein Spiel länger schonen als sich lange verletzen. Dafür treibt der 48-Jährige seine Akteure im Trainingsalltag bis an die Grenzen – die wöchentliche Stabi-Einheit ist gefürchtet, dient aber der Vorbeugung, speziell für die gefährdeten Adduktoren. Und: In den Trainingsspielen wird eine harte Gangart angewiesen, über die sich Neuzugänge anfangs wundern. Nur soll das böse Erwachen nicht im Wettkampf folgen.

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Entscheidender Vorteil am Böllenfalltor: Bei 20 hauptamtlichen Mitarbeitern fallen die Eitelkeiten einzelner Abteilungen weg. Ein Zerwürfnis zwischen Trainer- und Medizinstab wie beim FC Bayern, wo die Ärzte mit einem Kopfschütteln reagiert haben sollen, als sich der von Pep Guardiola entgegen aller Bedenken sofort wieder eingesetzte Franck Ribery erneut verletzte, wäre in Darmstadt undenkbar. Die fünfköpfige medizinische Abteilung arbeitet mit den drei Trainern Hand in Hand. „Mit Fitnesstrainer Frank Steinmetz haben wir jemanden, der viel sportwissenschaftliches Knowhow mitbringt“, sagt Schuster. „Aber auch unser Mannschaftsarzt Klaus Pöttgen deckt mit vielen guten Ansätzen ein breites Spektrum über Ernährung, Verletzungsprophylaxe und Krankheitsvorsorge ab.“

Der frühere Triathlet, der lange die medizinische Verantwortung für den Ironman Frankfurt trug, legt seit 2011 Wert darauf, dass die Kicker analog zum Einzelsportler anderer Sportarten eine höhere Aufmerksamkeit für den eigenen Körper entwickeln. Der für den internistischen Bereich verantwortliche Arzt steuerte „in der Sprintsportart Fußball“ (Pöttgen) von Anfang an den Umgang mit Nahrung, Kalorien und werthaltigen Lebensmitteln, „der Kuchen und die Bananen wurden schrittweise aus der Kabine verbannt“. Statt dessen werden in der Halbzeitpause Energy-Gels und Protein-Gels gereicht. „Anfangs waren die Jungs nicht so begeistert“, erzählt Schuster, „mittlerweile merken sie auch, dass es ihnen hilft.“

Trainerwechsel erhöhen die Anzahl der Verletzten

Ein weiterer Ansatzpunkt stellt neben einer regelmäßigen Körperanalyse auch die so genannte Bio-Impedanz-Analyse dar, die monatlich Aufschluss über Ernährungszustand und Widerstandsfähigkeit gibt. Fällt diese richtig schlecht aus, begleitet Pöttgen einen Profi auch schon mal in den Supermarkt. Weitere Hilfsmittel sind legale Nahrungsergänzungsmittel. Der 52-jährige Mediziner: „Hier sind wir beim Thema Einbauraten von Aminosäuren und Eiweiß.“ Ein Muskel habe sich in der Regel ja in drei Monaten komplett erneuert. Und siehe da: Zerrungen und Faserrisse sind seitdem weitgehend unbekannt. Selbst der bekennende Veganer hat Marco Sailer hat diesbezüglich keine Probleme mehr.

Verwunderlich: DFB oder DFL erheben kein vergleichbares Datenmaterial für Verletzungen. Die Vereine melden Ausfallzeiten lediglich den zuständigen Berufsgenossenschaften, die ein gesteigertes Interesse an einer Reduzierung der Verletztenzahl besitzen und regelmäßig Symposien mit Vertretern fast aller Bundesligisten anbieten. Dennoch sieht die sportärztliche Betreuung in den Klubs teilweise völlig unterschiedlich aus.

Verpflichtend werden Ausfallzeiten lediglich von den Europapokalteilnehmern bei der Uefa hinterlegt, die daraus den „Uefa Elite Club Injury Study Report“ erstellt. Damit haben Topvereine schwarz auf weiß, wie sie international abschneiden. Interessant: Der Wechsel von Trainerteams führt statistisch gesehen zu einer erhöhten Verletzungsanzahl. Sportmedizinische Themen rücken auch hierzulande in den Fokus und bilden beim 3. DFB-Wissenschaftskongress am 21./22. Januar einen Schwerpunkt.

Vor allem die Betonung der orthopädischen Komponente, die sich stets der Frage widmet, wie schnell ein Fußballer nach einem gerissenen Band oder gebrochenen Knochen wieder fit werden kann, stellen Experten infrage. Darmstadt beschreitet bereits seit Drittliga-Zeiten vorrangig andere Wege. Und steht vielleicht auch deshalb zur Halbzeit der Bundesliga erstaunlich gut da.

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