Lade Inhalte...

Darmstadt 98 Große Gefühle in Darmstadt

Die Darmstädter feiern den kaum für möglich gehaltenen Klassenerhalt, ahnen aber auch, dass die kommende Saison schwerer werden dürfte.

16.05.2016 17:00
Steffen Gerth
Darmstädter Ikone: Die Lilien-Fans feiern Marco Sailer (rechts). Foto: dpa

An so einem Samstag geht es nicht ohne Katja Ebstein, denn ihr Titel „Wunder gibt es immer wieder“ ist ja der Soundtrack für die jüngere Geschichte des SV Darmstadt 98. Sie spielten das Lied im Böllenfalltorstadion, wo 17 000 Menschen in einem blau-weißen Fahnenmeer feierten, dass die Lilien nach ihrem überraschenden Aufstieg in die Bundesliga nicht gleich wieder absteigen müssen. Der Klassenverbleib war für die Darmstädter wie eine Meisterschaft. Da war auch Schadenfreude dabei, wie sich an den T-Shirts ablesen ließ, die einige Verantwortliche trugen. Man hatte darauf eine Auswahl Zeitungsüberschriften gedruckt, die vor der Saison das Darmstädter Niveau beschreiben sollten. Die Prophezeiungen reichten von „Der Kader ist nicht bundesligatauglich“ bis natürlich: „Der Klassenerhalt wäre ein Wunder“.

Was sie mit dieser Kompilation gemeint haben ist ein großes: Ääätsch! Denn sie haben es allen gezeigt mit ihrem Sparbrötchenetat von etwa 16 Millionen Euro, ihrer Bruchbude als Stadion, und mit Spielern, die vor zwei Jahren noch in der dritten Liga gegen den Abstieg gespielt haben. Aber ist das alles wie das „achte Weltwunder“, wie es Mittelfeldrenner Marcel Heller nach dem entscheidenden 2:1-Sieg vor einer Woche bei Hertha BSC meinte? Wunder-Expertin Ebstein rät: „Viele Menschen fragen: Was ist schuld daran? Warum kommt das Glück nicht zu mir? Fangen mit dem Leben viel zu wenig an. Dabei steht das Glück schon vor der Tür.“

Die Lilien haben nicht auf das Glück gewartet – sondern es sich mit einem schlauen Plan erarbeitet. Und der Chefplaner heißt Dirk Schuster. Der Trainer hat einen unmodernen Spaßverderberfußball entwickelt, mit dem die ballzirkulierende Konkurrenz wenig anfangen konnte. Weil sich dafür nicht jeder Spieler begeistern lässt, hat er nur mentalitätsstarke Leute geholt, die oberhalb von Darmstadt chancenlos waren – und hier das Beste aus ihren Möglichkeiten machten.

Allen voran Sandro Wagner, in Berlin ausgemustert, in Darmstadt mit 14 Saisontreffern zum sechstbesten Torjäger der Liga gestürmt. Wagner wird die Lilien verlassen, ob zu einem deutschen oder einem englischen Verein, vermochte er am Samstag nicht zu sagen. Letztlich hängt es ja auch davon ab, welcher Klub welche Ablösesumme für einen Mann zahlen möchte, bei dem Selbstbewusstsein mit Egozentrik konkurriert. Einer seiner Nachfolgekandidaten ist Artjoms Rudnevs, bisher Hamburger SV – und selbstverständlich dort ausgemustert.

Zu Schusters Plan gehört auch die Kommunikationsstrategie. Das eigene Team klein- den Gegner übergroß reden, das Kokettieren mit den schlechten Möglichkeiten – damit schwört man die eigenen Reihen, mithin die ganze Stadt, ein im Kampf gegen die großen Reichen. Und man schafft es, die Konkurrenz einzulullen – um sie dann auf dem Platz wie eine Bande Desperados niederzukämpfen. Hinten dicht, die Bälle nach vorne kloppen, den Rest besorgt ein Eckball – so läuft das Prinzip Schuster. Auswärtsfußball. Folglich gewannen die Lilien nur zwei Heimspiele (gegen Bremen und Ingolstadt); mit einer Heimniederlage gegen Borussia Mönchengladbach (0:2) verabschiedeten sie sich am Samstag auch aus der Saison.

Wagner hat noch eine Darmstädter Spezialität ausgemacht. „Hier ist alles sehr gefestigt.“ Er meint damit die Vereinsstrukturen. Auch in kritischen Zeiten „sind die Jungs hier immer relativ ruhig geblieben“. Wie soll auch Unruhe aufkommen, wenn nur zwei Verantwortliche für den Verein sprechen dürfen? Schuster zum Thema Sport. Und Präsident Klaus-Rüdiger Fritsch zum Rest. Man hat sich einen speziellen Kosmos eingerichtet, den selbst Fritsch mit einem Kegelklub verglich. Das ist lustig, denn immerhin bewegen sich die Lilien seit fünf Jahren, seit dem Aufstieg in die dritte Liga, im Profifußball.

Maximale Kontrolle

Doch an der Kegelklubstruktur wird sich weiterhin nichts ändern, einen Sportdirektor etwa soll es nicht geben. Ein neuer Mann wie Holger Fach als Mitarbeiter für Kaderplanung ist eine Ergänzung – nicht mehr. Zu Schusters Plan gehört eben auch die maximale Kontrolle über das Sportliche. Solche Machtfülle müsste er beim FC Augsburg oder dem VfB Stuttgart, wo man sich wohl mit ihm beschäftigt hatte, aufgeben. Fraglich, ob er das will.

Interessant wird sein, ob dieses Konstrukt dauerhaft trägt. Erst einmal sind die Geschichten über einen durch den Wald laufenden Trainer, die Kuchen backende Präsidenten-Schwiegermutter oder gar den zottelbärtigen Veganer Marco Sailer erzählt. Der populärste Edelreservist Deutschlands bekam keinen neuen Vertrag mehr – der Drittligaverein 1. FC Magdeburg soll an ihm interessiert sein, Schusters letzter Klub als DDR-Oberligaspieler. Auch die Reservisten Milan Ivana, Michael Stegmayer (wird Teammanager) und Torwart Patrick Platins gehen (wird Torwarttrainer der Bundesligafrauen des VfL Wolfsburg) – Stammtorwart Christian Mathenia wechselt zum Hamburger SV. Komisch klang am Samstag Marcel Heller, immerhin noch mit einem Jahr Vertrag ausgestattet: „Zum Trainingsauftakt bin ich wahrscheinlich da – was die Zukunft bringt, wird man sehen.“

Heller ahnt, dass für Darmstadt „die nächste Saison einen Ticken schwerer wird als diese“. Bisher wurden die Lilien als romantische Bereicherung des Milliardengeschäfts Bundesliga geführt, dazu passt, dass Mittelfeldspieler Mario Vrancic am Samstag via Stadionmikrofon seiner Freundin erfolgreich einen Heiratsantrag machte. Doch künftig dürften die Maßstäbe in der Bewertung der Lilien strenger ausfallen, wenn der als „anders“ verkaufte Charakter des Vereins sich als Mangelverwaltung entpuppt. Nur noch Nostalgiker werden sich am maroden Stadion erfreuen, dessen sich dahin schleppender Umbau zu einem Lokalpolitikum ausgewachsen ist.

Der Druck auf die Stadt als Eigentümer wächst, selbst Präsident Fritsch gibt seine eisern gepflegte Bündnistreue zur Lokalpolitik langsam auf und redet öffentlich davon, was auch vereinsintern längst gängige Meinung ist: Das Böllenfalltor ist als Bundesligastandort ungeeignet, eine neue Arena an einem anderen Ort muss her. Da hilft auch keine Tradition. Und ein Wunder sowieso nicht.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen