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Darmstadt 98 Gelüfteter Schleier

Dirk Schuster hat als Trainer dem SV Darmstadt 98 wieder eine Perspektive vermittelt.

08.11.2013 11:21
Sebastian Rieth
Akribischer Arbeiter: Darmstadts Trainer Dirk Schuster. Foto: imago sportfotodienst

Es war kein schöner Tag. Draußen auf dem Karolinenplatz hatte sich der Himmel längst zugezogen, wie ein Schleier lagen die Wolken über der Innenstadt, es war diesig, nasskalt, manch einer fröstelte. Auch die Weihnachtsbeleuchtung, die nur zwei Nächte nach den Festtagen an einigen Fenstern noch hängen geblieben war, änderte daran wenig. Drinnen, in dem kleinen Konferenzraum eines Hotels, war es zwar angenehm warm, die Stimmung hob sich aber kaum vom Stadtbild ab. Wie konnte sie auch? Schließlich präsentierte der SV Darmstadt 98 gerade den dritten Trainer der laufenden Saison, man stand mit dem Rücken zur Wand, mit einem Bein in der Regionalliga. Und so wirklich überzeugt, dass Dirk Schuster der richtige Mann für diese schwierige Aufgabe sei, war kaum jemand. Die Zweifel überwogen, was allerdings in erster Linie mit den schlechten Erfahrungen der Vergangenheit, denn mit Schuster selbst zusammenhing. „Wir spielen unsere letzte Karte“, hatte Präsident Rüdiger Fritsch damals erzählt. Im Nachhinein stellte sich heraus: Es war ein Ass.
In nur elf Monaten hat es Schuster geschafft, aus einem scheinbar leblosen und dem Abstieg entgegen taumelden Häuflein, eine vor Selbstvertrauen nur so strotzende Truppe zu formen, die nicht nur in dieser Saison das Potential für einen längeren Aufenthalt in der Spitzengruppe der dritten Liga besitzt, sondern schon längst ihre rosigen Perspektiven für die nächsten Jahre offenbart hat. In 32 Ligaspielen seit seinem Amtsantritt holte Schuster mit den Lilien stattliche 47 Punkte. Lediglich Heidenheim, Osnabrück und Wehen Wiesbaden bringen es in der dritten Liga im aktuellen Kalenderjahr auf ein besseres Ergebnis. Und doch bleibt der Baumeister des Erfolgs ganz bescheiden, man hat die Lehren aus dem sportlichen Abstieg im Sommer gezogen. Natürlich sei er stolz, aber 25 Punkte und ein dritter Tabellenplatz seien „noch kein Ruhekissen“, mahnt Schuster. Diese Demut passt zu ihm, sie passt zu dem Verein.

Das Brauseimperium kommt

Ohnehin war es wohl die Stärke des 45-Jährigen, sich bedingungslos auf seine neue Aufgabe einzulassen. Schuster mäkelte nicht über das marode Stadion, Maulwurfshügel auf dem Trainingsplatz oder die kaum vorhandenen finanziellen Möglichkeiten. „Ich habe mich damit arrangiert.“ Und das Beste daraus gemacht, wie Präsident Fritsch bestätigt: „Er trägt unser Konzept der Entwicklung in kleinen Schritten mit.“
Den Gegenentwurf können die Darmstädter am Samstag (14 Uhr) begutachten. Dann kommen die mit den Millionen eines österreichischen Brauseimperiums Richtung Bundesliga strebenden Rasenballsportler aus Leipzig zum Spitzenspiel ans Böllenfalltor. Geld spielt bei den Neureichen aus Sachsen keine Rolle. Schuster ist zwiegespalten. „Es ist positiv, dass in Ostdeutschland ein Verein die Perspektive für die erste Liga hat“, sagt der gebürtige Chemnitzer. „Inwieweit man sich von einem Gönnerpaket abhängig macht, muss aber jeder Verein selbst entscheiden. Hier in Darmstadt gibt es das Gott sei Dank nicht.“
Der frühere Bundesliga-Verteidiger ist kein Visionär, er ist ein Arbeiter, authentisch, akribisch und ehrlich. Und der Trainer hat auch Manageraufgaben übernommen. Der siebenmalige Nationalspieler – vier Einsätze davon für die ehemalige DDR – stärkte in Darmstadt zunächst die Defensive, dann erneuerte er komplett den Angriff und setzte dabei auf Spieler, die es anderswo nicht mehr schafften. Es ist eine Art gewinnbringende Gemeinschaft der Gescheiterten, die jetzt die Liga aufmischt. Zudem lobt Fritsch: „Die Mannschaft und der Trainer funken auf der gleichen Wellenlänge. Die Menschelei stimmt.“ Es gibt viele Freiheiten, niemand nutzt diese aus.
Was Schuster noch vor hat, verrät er so genau nicht. „Wir sind nicht am Ende der Fahnenstange“, sagt er. Und: „Wir wollen noch mehr haben.“ Das setzt aber eine Verlängerung des bis auslaufenden Vertrags voraus. Erste Gespräche mit dem Präsidium hat es bereits gegeben. „Wir sind bereit, das Team weiterzuentwickeln“, sagt Schuster. Auch Fritsch würde gerne den Kontrakt verlängern. Die dunklen Wolken haben sich ja längst verzogen.

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