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Böllenfalltor Die ewige Stadionfrage

Eigentlich sollte der SV Darmstadt längst in einer modernen Fußballarena spielen. Stattdessen kickt er weiter im chronisch renovierungsbedürftigen Böllenfalltor - und wie es weitergeht, ist unklar.

SV Darmstadt 98
Im jetzigen Zustand ohne Zukunft: Das Stadion am Böllenfalltor. Foto: imago

Es ist jetzt die Zeit, da beim SV Darmstadt 98 die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Im Bereich Sport sitzen die Verantwortlichen selbst an den Hebeln, sie leiten Vertragsverlängerungen und Spielerverpflichtungen für die kommende Saison ein, in welcher der Verein wieder in der zweiten Liga spielt. Die Wahrscheinlichkeit, den Klassenerhalt zu schaffen, ist ja verschwindend gering für den Tabellenletzten – kleiner noch als die Chance, den Lotto-Jackpot zu knacken, wie der Hessische Rundfunk bei einem Hochschullehrer für Quantitative Methoden in Erfahrung brachte.

Dass die Darmstädter ihre Heimspiele irgendwann mal in einem modernen Fußballstadion austragen können, ist dann zwar schon ein bisschen wahrscheinlicher, aber wann genau das neue Stadion gebaut wird und wo und wie, ist weiterhin völlig offen. Was die Zukunftsweichen Richtung neue Heimstätte angeht, bleibt dem Verein überdies nur ein Zuschauerplatz im Stellwerk; die Stadt baut, die Lilien pachten. Etwas anderes lassen die Vereinsfinanzen nicht zu.

Das Frankfurter Architektenbüro Albert Speer und Partner untersucht derzeit im Auftrag der Stadt vier potenzielle Standorte, Ende Mai, Anfang Juni sollen die Ergebnisse vorliegen. Und auch der Traditionsstandort am Böllenfalltor, wo die Lilien derzeit in einem runtergekommenen Stadion spielen, gilt im Rathaus wieder als mögliche Alternative, seit der Bund Anfang des Jahres eine Lockerung der Lärmschutzauflagen bei Sportstätten um fünf Dezibel angeschoben hat. Vielleicht ist das Stadion nun also doch nicht zu laut für die Anwohner, nachdem die Lärmbelastung und das damit verbundene Klagerisiko noch als zentraler Punkt für den Stopp des Bauleitplanverfahrens im Sommer 2016 angeführt wurden. Die Stadt will nun von Gutachtern prüfen lassen, ob eine veränderte Gesetzeslage ausreicht, um einen möglichen Umbau am alten Standort dann wiederum zu prüfen, das Bauleitverfahren also wieder aufzunehmen.

Womit dann mal wieder alle Klarheiten beseitigt sind in der Darmstädter Stadionfrage. Wenn man im Jahre 2013 richtig zugehört hat, dann spielt der SV Darmstadt 98 eigentlich schon seit Anfang der Saison 2016/17 in einer tollen, modernen Arena. Zu Jahresbeginn erschienen damals die Ergebnisse der ersten Machbarkeitsstudie, am machbarsten und finanzierbarsten von allen Optionen war demnach ein Umbau am Traditionsstandort Böllenfalltor. Planung, Bau, alles würde nun fix in die Wege geleitet werden, so um die 30 Millionen würde es kosten, und nach drei Jahren schon, verkündete man in Darmstadt, könnten die Lilien in einer schicken modernen Sportstätte ganz entspannt der Zukunft entgegenkicken.

Dann kam dieses lästige Bauleitverfahren dazwischen, das Anfang 2015 auf einmal doch dringend notwendig wurde und das nicht eben baubeschleunigende Ergebnis zutage förderte, dass ein Neubau am Böllenfalltor aus rechtlichen Gründen nicht machbar sei. Gut ein halbes Jahr zuvor hatte Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch (Bündnis 90/Die Grünen) auf dem Neujahrsempfang des SVD noch verkündet, das neue Stadion wäre zum Saisonbeginn 2018/19 fertig. Und plötzlich ist wieder 2013.

Man kann dem SV Darmstadt nicht verdenken, dass er die konstant unkonstante Entwicklung mit wachsender Unruhe verfolgt. Präsident Rüdiger Fritsch lässt keine Gelegenheit verstreichen, die Wichtigkeit der Causa zu betonen. „Ohne ein modernes Stadion wird es mittelfristig keinen Profifußball in Darmstadt geben“, sagt der 55-Jährige gebetsmühlenartig: „Es muss etwas passieren, und es muss schnell passieren.“ Der Jurist weiß ja, dass 16 der 17 anderen Bundesliga-Klubs bereits in einer modernen Arena spielen, und der SC Freiburg wird sein neues Heim 2019 beziehen. Auch in der zweiten Liga sind zwei Drittel der Klubs bereits bestens auf die Zukunft vorbereitet.

Der Druck wächst, auch von Seiten der DFL. In seinem jetzigen Zustand genügt das Stadion nicht den nötigen Anforderungen, der Verein muss Ausnahmeanträge stellen, um die Lizenz zu bekommen. Ab der kommenden Saison beispielsweise müssen alle Stadien überdacht sein, am Böllenfalltor trifft das für die Gegengerade inklusive Gästebereich nicht zu, und auch bei der Zahl der Sitzplätze bleibt der SVD unter den DFL-Vorgaben. Woran auch die beiden Stahlrohrtribünen nichts änderten, die im Herbst und Winter 2016 hinter den Toren aufgebaut wurden. Leasingprojekte, die für drei Jahre drei Millionen Euro Kosten.

Am Böllenfalltor improvisiert man derzeit für viel Geld mehr schlecht als recht Bundesliga-Bedingungen. Neben der Stadionmiete, die sich Stadtangaben zufolge auf 550 000 Euro pro Jahr belaufen, müssen die Lilien mehr als eine Millionen Euro an Dritte bezahlen, für Stromgeneratoren beispielsweise oder mobile Toiletten, die dann doch nicht ausreichen auf dem engen Gelände. Viele männliche Stehplatzbesucher urinieren deshalb einfach durch den Zaun auf den Hang hinter der Gegengerade.

Das Geld, das für die Instandhaltung des Oldtimers „Bölle“ nötig ist, wäre besser in eine Refinanzierung eines modernen und nachhaltigen Stadionprojekts angelegt, ist die gängige Meinung im Verein. Und ohne neues Stadion, so viel ist klar, drohen die Lilien bald auf dem Abstellgleis des Profifußballs zu landen.

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